Welt : Schuld nach Maß

Der Mörder Jakob von Metzlers soll nach 15 Jahren Haft eine Chance auf Freiheit bekommen – fordert sein Anwalt

Karin Ceballos Betancur[Frankfurt (Main)]

Von Karin Ceballos Betancur,

Frankfurt (Main)

Die Verhandlung beginnt um 13 Uhr, eine Stunde später, als es die Symbolik eines Showdowns verlangen würde. Der Verteidiger, Hans Ulrich Endres, trägt Cowboystiefel. Eberhard Kempf, der im Prozess um den Mord am elfjährigen Jakob vom Metzler die Eltern des Opfers vertritt, beginnt sein Plädoyer distanziert, indem er die Merkmale der Tat resümiert: Heimtücke, Habgier, Verdeckung einer Straftat. Um mit dem erpressten Geld ein „Leben in Luxus“ führen zu können, habe Magnus G. die Arg- und Wehrlosigkeit eines Kindes ausgenutzt.

Was Kempf an diesem Donnerstag vor dem Landgericht Frankfurt vorträgt, ist bekannt, mit allen grausigen Details. Der Anwalt der Nebenkläger spricht der Richterbank zugewendet, richtet Wort und Blick nur selten an den Angeklagten, der ihm gegenübersitzt. Dessen Hände liegen im Schoß. Nur einmal im Laufe der kommenden eineinhalb Stunden verändert er diese Position, als Kempf zum wiederholten Mal in diesem Prozess den Untertitel des Videofilms zitiert, den G. am Abend nach der Tat mit seiner Freundin angesehen hatte: „Er hat alles, er will alles und nichts kann ihn aufhalten.“ Die Lippen des Angeklagten formen lautlos die Worte „Oh Mann“.

Endres verfolgt den Vortrag seines Kontrahenten mit der ihm eigenen kommentierenden Mimik, lacht leise, schlägt die Hände vors Gesicht, schüttelt den Kopf. Das Gericht, sagt Kempf, wäre heute genauso weit, hätte der Angeklagte zu seiner Tat geschwiegen. Sein Geständnis könne daher nicht besonders hoch bewertet werden. „Er ist nicht mit sich ins Gericht gegangen, er hat keine Grenzen überschritten, sondern im Gegenteil Aussprechliches unausgesprochen gelassen.“ Er beantrage daher wie die Staatsanwaltschaft eine lebenslange Freiheitsstrafe und die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Dies hätte zur Folge, dass nach 15 Jahren Haft nicht, wie sonst üblich, eine Freilassung auf Bewährung geprüft würde.

Das Gericht unterbricht die Verhandlung. G. verlässt den Saal in Handschellen, mit verzerrtem Gesicht. Als er zurückkommt, sehen seine Augen verweint aus. Ein Beamter reicht ihm Taschentücher, während sein Verteidiger zum Gegenschlag ausholt. Er beginnt mit einem Hinweis auf die Verfassung seines Mandanten, der „emotional außerordentlich angespannt“ sei, so leise vorgetragen, dass der Geräuschpegel im Zuschauerraum augenblicklich sinkt. Endres hebt die Stimme, als er von „Trugbildern“ spricht, die Nebenklage und Staatsanwaltschaft in ihren Plädoyers von G. entworfen hätten. „Ein Zerrbild muss her, hier muss ein Monstrum geboren werden.“

Sein Mandant, erklärt Endres, habe Geld „nicht um des Geldes willen“ gebraucht, „sondern um zu zeigen, dass man was hat und auch was ist“. Er spricht von „bürgerlichen Zielen und Sicherheitsdenken“, vom Bausparvertrag und der Hoffnung, mittels Jurastudium ein Leben in „bescheidenem Wohlstand, in Sicherheit und Ordnung“ zu leben. Der Verteidiger zeichnet das Bild eines jungen Mannes, „der zwar nach Selbstbewusstsein lechzte, aber keines bekam“.

Was Kempfs Vortrag an Pathos fehlte, pumpt Endres in den seinen, er schreitet auf und ab. Es sei „abenteuerlich“, seinem Mandanten vorzuwerfen, er habe im Prozess nur über sich selbst geredet. „Ja, worüber hätte er denn sonst reden sollen?“ Der Sachverständige Leygraf habe – „wenig hilfreich“ – mit „flapsigen Antworten“ auf die offenen Fragen reagiert und nach eigener Auskunft „keinen Zugang zum Angeklagten gefunden“, weshalb die Verteidigung schon jetzt ein Zweitgutachten beantrage, sollte das Gericht dem Antrag auf besondere Schwere der Schuld folgen. Die Tat weiche nicht von einem Mord im Sinne des Paragrafen 211 ab. Schließlich fordert Endres das Gericht auf, seiner „hohen politischen Verantwortung“ nachzukommen und mit seinem Urteil auch ein Zeichen zu setzen – gegen die Folterdrohung, mit der Magnus G. zu einem ersten Geständnis gezwungen worden war.

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