Welt : Schule der Frauen

NAME

Leipzig/Landshut. Die Zahlen von eins bis zehn lehrt Frau Müller, die ersten Buchstaben erklärt Frau Schmidt, und den Turnunterricht gibt Frau Meyer. Mit großer Wahrscheinlichkeit werden auch die neuen Erstklässler von diesem Herbst an die meiste Zeit unter der Obhut weiblicher Lehrer stehen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden sind rund 83 Prozent der Pädagogen an deutschen Grundschulen Frauen. Experten bemängeln aber das Fehlen der Männer: Den Jungen fehlten Rollenvorbilder, und auch die Mädchen lernten kein „normales“ Geschlechterverhältnis kennen. „In extremen Fällen kann diese Situation dazu führen, dass Kinder bis zum Alter von zehn oder zwölf Jahren in ihrem Alltag keinen Mann erleben“, erläutert Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.

Dies sei vor allem bei Kindern allein erziehender Mütter denkbar: „Mit hoher Wahrscheinlichkeit trifft ein Kind im Kindergarten ausschließlich auf Erzieherinnen. Wird es dann in der Grundschule nur von Lehrerinnen unterrichtet, macht es erst in einer weiterführenden Schule, also mit zehn oder sogar zwölf Jahren, die ersten Erfahrungen mit einer männlichen Respektsperson“, so Kraus weiter.

Die Entwicklungspsychologin Christiane Papastefanou aus Mannheim hält den fehlenden Kontakt mit männlichen Pädagogen besonders für Jungen zwar nicht für schädlich, aber für schade: „Die ersten Lehrer sind in der Regel sehr prägend für ein Kind.“ Es wäre deshalb schön, wenn Jungen unter ihren Erziehern auch männliche Vorbilder fänden. Auch Hartmut Hacker, Professor für Grundschulpädagogik an der Universität Leipzig, bemängelt die Situation: „Die Kinder lernen in ihrer Umwelt kein normales Verhältnis zwischen Männern und Frauen im Berufsalltag kennen.“ An eine besondere „weibliche“ Erziehung glaubt er allerdings nicht: „Das alte Klischee vom weicheren, emotionaleren Umgang mit den Kindern stimmt sicher nicht mehr.“ Der Unterrichtsstil sei sehr individuell, und so gebe es strengere und nachsichtigere Pädagogen beiden Geschlechts.

Einen wichtigen Grund für die geringe Zahl männlicher Grundschullehrer macht Hartmut Hacker in dem geringeren Ansehen des Berufs aus: „Je älter die Schüler sind, um so größer ist das Ansehen der Lehrkräfte. Während also Gymnasiallehrer den meisten Respekt genießen, befinden sich die Pädagogen aus der Grundschule ganz am Ende der Skala.“ Eine weitere Rolle spielten die unterschiedlichen Motivationen für den Lehrerberuf, die der Universitäts-Professor bei seinen Studenten feststellt: „Während den Frauen häufig der Umgang mit Kindern an sich sehr wichtig ist, haben die Männer oft ein stärkeres Interesse an einem oder mehreren speziellen Fächern.“ Ein weiterer Grund für den hohen Frauenanteil in den Kollegien deutscher Grundschulen ist offenbar die Möglichkeit zur Teilzeitarbeit. Bei den nicht vollzeitbeschäftigten Lehrkräften liegt der Frauenanteil laut Statistischem Bundesamt bei mehr als 95 Prozent. Katharina Klink (dpa)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben