Welt : Schutz für den Wall

Der Limes gehört zum Weltkulturerbe der Unesco

Dirk Becker

Am Rhein war Schluss. Ganz Gallien hatte der agile Julius Cäsar bis 15 vor Christi unterworfen und zur römischen Provinz erklärt. Doch hinter dem Rhein lag Germanien – und ganz so unterwürfig wie der Gallier gab sich der Germane nicht: Im Jahre 9 nach Christus erlebten die Römer unter Varus im Teutoburger Wald eines ihrer größten Debakel. Und damit hatte es sich dann in Sachen Eroberungszüge; sie beschränkten sich fortan darauf, ihre Provinzen vor den Übergriffen dieser rohen Gesellen zu schützen.

Die geflochtenen Zäune wurden durch hölzerne Palisaden ersetzt, 900 Wachtürme und 160 Kastelle errichtet, Gräben ausgehoben und Wälle aufgeschüttet. Als auch das die Begehrlichkeiten germanischer Stämme nicht bremsen konnte, wurden die Palisaden durch drei Meter hohe Mauern ersetzt.

Knapp 550 Kilometer lang war die Grenzbefestigung, auch obergermanisch- rätischer Limes genannt. Die Chinesische Mauer ist mit 6350 Kilometern das einzige Bodendenkmal, das länger ist. Heute zeugen fast nur noch Hügel und Wälle von dem einstigen Bollwerk, das im Jahr 260 von den Römern verlassen und von germanischen Stämmen geschleift wurde.

Am Freitag hat das Welterbe-Komitee der Unesco im südafrikanischen Durban beschlossen, die Überreste der Grenzbefestigung in die Liste der besonders schützenswerten Weltkulturerbe-Stätten aufzunehmen. Zu den neu aufgenommenen Natur- und Kulturdenkmälern gehören auch einer der weltweit größten und ältesten Meteoritenkrater in Südafrika, die norwegischen Fjorde Geiranger und Naeroy, Japans Shiretoko-Halbinsel, ein prähistorisches Tal in Ägypten, Mexikos Inselarchipel im Golf von Kalifornien, Thailands Dong-Phayayen-Khao-Yai-Waldkomplex, Panamas Coiba-Nationalpark und benachbarte Gebiete am indischen Blumental-Nationalpark im Himalaja.

Der Limes sei ein Meisterwerk des menschlichen Geistes, führte der Antrag als Begründung an. Die Römer zogen ihn schnurgerade durch die Landschaft. Sie demonstrierten den Willen, sich die Natur zu unterwerfen und machten ihn zum Maßstab für Messtechnik und Bauorganisation. Der Limes wurde zum Muster einer willkürlich gezogenen Grenze mit nachhaltigen kulturellen Folgen. Durch 20 Landkreise, vom rheinland-pfälzischen Rheinbrohl bis zum bayrischen Eining an der Donau, ziehen sich die Überreste. Hessen hat einen Limesentwicklungsplan vorgelegt, im baden-württembergischen Aalen steht das erste Limesmuseum, im hessischen Saalburg ein wieder aufgebautes Kohortenkastell. Auf Fuß- und Radwanderwegen sind schon jetzt Teile des Limes zu erleben. Bayern will sogar ein zentrales Limesinformationszentrum bauen: Was lange unter der Erde lag, soll, ausgegraben und rekonstruiert, Touristen locken. Mit dem neuen Status soll aus dem Limes ein länderübergreifendes Projekt werden, das „im Bewusstsein der Bevölkerung als Wert“ verkankert werden müsse, meint der hessische Wissenschaftsminister Udo Cotte.

Ganz vergessen war der Limes nie: Auch Altbundeskanzler Konrad Adenauer soll, immer wenn er mit der Bahn den Rhein überquerte, abfällig gemurmelt haben: „Asien!“ Die Grenze zwischen zivilisierter römischer Provinz und barbarischem Osten hatte für ihn Bestand.

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