• Schwangerschaftsabbruch: "Abtreibung war die schlimmste Entscheidung meines Lebens"

Schwangerschaftsabbruch : "Abtreibung war die schlimmste Entscheidung meines Lebens"

Jessica Sennekamp war immer gegen Abtreibungen. Bis sie selbst schwanger wurde und in einer verzweifelten Situation steckte. Schweren Herzens entschied sie sich für einen Schwangerschaftsabbruch. Weil sie niemanden fand, mit dem sie hinterher reden konnte, gründete sie ein Online-Forum für betroffene Frauen.

Abtreibung
Jessica Sennekamp. -Foto: privat

Am Anfang meiner Recherche frage auch ich mich: Wie finde ich eine Frau, die ein Kind abgetrieben hat? Wer will mit mir darüber sprechen, über diese Entscheidung, die sicher mit sehr viel traurigen Gefühlen behaftet ist, über eine Erinnerung, die vielleicht lieber verdrängt wird? Im Internet stoße ich vor allem auf Seiten von Abtreibungsgegnern, Seiten, die mich davon überzeugen wollen, dass Frauen, die ihr Kind nicht austragen, ein abscheuliches Verbrechen begehen. Da werden blutrünstige Fotos veröffentlicht, die zeigen sollen, dass das, was da abgetrieben wurde schon ein echtes Baby war, mit Händen, Füßen, einem Kopf.

Doch danach suche ich nicht. Ich suche den Kontakt zu Frauen, die die Erfahrung einer Abtreibung gemacht haben und mir darüber berichten. So ähnlich muss es auch Jessica Sennekamp vor fünf Jahren gegangen sein. Die heute 27-Jährige wollte sich mit anderen Frauen, die abgetrieben haben, über ihre Erfahrungen austauschen. "Ich hatte das Gefühl, ich bin eine von 180.000 Frauen, die in dem Jahr abgetrieben haben, aber die einzige, die darunter leidet", schildert sie ihre Situation. Deshalb gründete sie ein Online-Forum zur Selbsthilfe für Frauen, die wie sie einen Schwangerschaftsabbruch hinter sich hatten. Im Impressum ist ihr Foto zu sehen. Eine lebensfrohe, junge Frau strahlt mir entgegen. Jessica Sennekamp hat keinen Grund, sich vor der Welt zu verstecken.

Jessica war 19, als sie zum zweiten Mal schwanger wurde. Die Geburt ihrer ersten Tochter war gerade mal sieben Monate her. Sie hatte mit der Pille verhütet, doch die hatte offensichtlich nicht gewirkt.

Unterstützung war vom Partner nicht zu erwarten

Jessica hatte gerade eine Ausbildung begonnen und sie führte eine Beziehung mit einem älteren Mann. "Er war verheiratet, hatte selbst schon Kinder", erklärt sie. Zwar lebte ihr Partner schon in Trennung und die Familie wusste bereits von ihr und auch vom ersten gemeinsamen Kind der beiden. Trotzdem: Für eine neue Familie mit zwei Kindern war er damals noch nicht bereit. Unterstützung als Vater konnte Jessica von ihm deshalb nicht erwarten. "Für ihn war klar, dass wir in der Situation kein zweites Kind bekommen können." Als er ihr das deutlich machte, bekam Jessica Angst. Angst davor, es nicht zu schaffen, nicht genügend Zeit und Aufmerksamkeit für zwei Kinder aufbringen zu können, als allein erziehende und berufstätige Mutter. "Ich dachte einfach, dass ich nicht zwei Kindern gerecht werden kann."

Die Entscheidung abzutreiben, das wusste sie schon vorher, würde die schlimmste in ihrem Leben werden. "Ich wusste, dass ich damit niemals zurecht kommen kann", erzählt sie. Denn für sie war das ungeborene Leben immer etwas gewesen, das es unbedingt zu schützen galt. "Ich war die letzte, die für die Abtreibung war", sagt sie. Doch als sie selbst in die Situation kam, merkte sie plötzlich, wie ausweglos es sein kann, wenn man ein Baby erwartet, dem man scheinbar keine Zukunft bieten kann.

Den Eingriff selbst hat Jessica Sennekamp weitgehend verdrängt. "Ich wollte nur, dass es vorbei ist". Als sie aus der Vollnarkose erwachte, fand sie sich in einem Raum wieder, in dem lauter Frauen lagen, die abgetrieben hatten. "Es war schrecklich, wie am Fließband", so empfand sie es damals. Körperlich hatte sie keine Beschwerden. Doch vorbei war es nach der Operation noch lange nicht. Jessica fiel in ein tiefes Loch, wurde depressiv.

Ein Freund reißt sie aus der Depression

"Ich habe mich komplett isoliert. Mir war alles egal, auch meine Freunde und meine Familie", schildert sie. Mit ihrem Partner versuchte sie zu reden, doch es fehlte bei beiden das Verständnis für den anderen. Sie versuchte, sich so gut wie möglich abzulenken, arbeitete in der Woche lang und schlief am Wochenende viel. "Nur meine kleine Tochter hat mich in der Zeit aufrecht gehalten. Sie gab mir die Kraft, weiterzumachen." Reden wollte Jessica mit niemandem.

Ein Freund, der selbst Psychologe war, schaffte es schließlich nach zwei Jahren doch, zu ihr durchzudringen. "Er war der erste, der mir zugestanden hat, dass es mir schlecht geht", erzählt sie. Er sagte nicht: "Ach, das wird schon wieder" oder "Du musst das hinter dir lassen", so wie manch anderer. Jessica konnte endlich jemandem erzählen, wie es ihr ging. Dass sie todtraurig über diese Entscheidung war. Dass sie sie bereute und am liebsten ungeschehen machen wollte. "Meine Mutter hatte schon vorher zu mir gesagt: 'Du triffst für jeden die richtige Entscheidung, nur nicht für Dich'". Jessica merkte jetzt, dass ihre Mutter recht gehabt hatte.

Jessica: "Jede Frau soll ganz allein entscheiden"

Zwei Jahre später eröffnete sie das Forum. "Ich wollte meine Geschichte erzählen und anderen Frauen zeigen, dass es okay ist, damit nicht zurecht zu kommen", sagt sie. Ihr war bewusst geworden, dass sie die Abtreibung nur verarbeiten konnte, wenn sie darüber redet. "Ich kann es nicht ungeschehen machen. Man kann nur lernen, damit zurecht zu kommen." Heute kommt sie damit zurecht und kann offen über ihre Erfahrungen erzählen. Sie hat einen neuen Partner, ihre kleine Tochter ist inzwischen fast acht Jahre alt. Ob sie nochmal ein Kind will, weiß die junge Frau noch nicht. Eines aber weiß sie: "Auf die Pille würde ich mich nie wieder verlassen."

Anderen Frauen, die in einer ähnlichen Situation wie sie damals stecken, rät sie: "Es sollte jede Frau nur ganz alleine entscheiden, ob sie das Kind behält oder nicht. Sie sollte auf ihr Herz hören und sich auf keinen Fall von jemand anderem drängen lassen" Denn schließlich ist es auch die Frau, die hinterher mit der Entscheidung leben muss.

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