Schwarzarbeit : Der Dreck der anderen

Das Buch der polnischen Putzfrau Justyna Polanska wirft die Frage nach Alternativen zur Schwarzarbeit auf. Da diese auch für Putzfrauen Vorteile hat, müsste sich vor allem die Einstellung der Kunden ändern.

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Eine Frage der Wertschätzung. Eine Putzfrau bei der Arbeit.
Eine Frage der Wertschätzung. Eine Putzfrau bei der Arbeit.Foto: dpa

Manchmal hat sie es einfach nicht mehr ausgehalten. Dann, wenn die Grenze des Erträglichen mal wieder überschritten war, kamen Justyna Polanska die Tränen. Zu eklig war das Gesehene, zu heftig die Beleidigungen, zu ungerecht der Umgang. In einigen Branchen würde man bei einem solchen Fall von Mobbing am Arbeitsplatz sprechen, nicht aber bei Polanskas Job. Die Polin ist Putzfrau, und da gehören nicht nur jede Menge Dreck, sondern auch jede Menge schmutzige Worte zum Berufsalltag. „Ich habe mich mit vielen Frauen ausgetauscht“, erzählt die Polin. „Die haben ähnliche Erfahrungen gemacht wie ich. Ich bin kein Einzelfall.“

Nein, ein Einzelfall ist Polanska nicht, dafür ist sie im Moment wohl die prominenteste Putzfrau in Deutschland. Als ihr der Schmutz irgendwann zu viel wurde, hat sie ein Buch geschrieben, aus dem inzwischen ein Bestseller geworden ist. In „Unter deutschen Betten. Eine polnische Putzfrau packt aus“ hat Justyna Polanska, die in Wirklichkeit einen anderen Nachnamen hat, ihren Arbeitsfrust niedergeschrieben – und damit einen sonst eher im Versteckten agierenden Industriezweig in den öffentlichen Fokus gerückt.

Beinahe jeder hatte schon mit Putzfrauen, die selbst lieber Reinigungskräfte genannt werden wollen, zu tun, dennoch ist wenig über ihr allgemeines Berufsbild bekannt. Das kommt nicht von ungefähr. Vieles ist so diffus, weil vieles immer noch im Verborgenen passiert. Trotz der politischen Bemühungen, die illegalen Beschäftigungsverhältnisse einzudämmen, arbeiten laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) immer noch 95 Prozent aller Haushaltshilfen schwarz. Es gibt keine genauen Angaben über die Zahl der Putzfrauen. „Die meisten glauben, dass der Staat sich aus dem Privatleben raushalten muss und melden ihre Haushaltshilfe deshalb nicht an“, sagt Dominik Enste vom IW. Über 80 Prozent der Arbeitgeber hätten aus diesem Grund auch kein schlechtes Gewissen. „Hinzu kommt, dass vonseiten der Reinigungskräfte selbst gar kein Interesse daran besteht“, sagt Enste. Sie müssten sonst Steuern zahlen und aus der Schattenwirtschaft aussteigen.

Von dieser Tatsache hat auch Ruth Petersen schon gehört. Petersen ist Betriebsleiterin von „Putzmunter“, einem Dienstleistungsunternehmen in Berlin, für das die hohe Zahl an Schwarzarbeiterinnen eine Konkurrenz darstellt. „Putzmunter“ arbeitet ausschließlich mit sozialversicherungspflichtigen und tarifvertraglich entlohnten Haushaltshilfen. „Der Preisunterschied im Vergleich zu den Schwarzarbeitern ist dabei natürlich erheblich“, sagt Peterson. Allerdings würden die rund 300 Kunden der Firma – meist Gutverdiener – großen Wert auf Rechnungen legen. Petersens Angestellte sprechen fast ausnahmslos von einem guten Verhältnis und einem guten Umgang mit ihren Kunden. Warum das nicht auch in anderen privaten Haushalten der Fall ist, erklärt die Betriebsleiterin so: „Es kann sein, dass die Arbeitgeber den Schwarzarbeitern nicht mit so viel Wertschätzung gegenübertreten.“

Justyna Polanskas Buch wirft die Frage nach Alternativen zur Schattenwirtschaft auf. Da die Schwarzarbeit auch für Putzfrauen Vorteile hat, müsste sich vor allem die Einstellung der Kunden ändern. Ein Kunde, der eine professionelle Firma anheuert, zahlt zwar mehr Geld, hat aber durchaus Vorteile. Wer eine Putzfrau schwarz bei sich arbeiten lässt und womöglich sozial eingestellt ist, hat oftmals ein schlechtes Gewissen und traut sich nicht recht, der Frau zu sagen, was sie besser machen soll. Erst schlecht bezahlen und dann auch noch antreiben? Das trauen sich viele nicht. Bei professionellen Firmen herrschen dagegen klare Verhältnisse, der Kunde kann unbekümmert anrufen und sagen, was er will, oder was ihn stört. Auch einmalige professionelle Grundreinigungen mit Spezialgerät und Spezialflüssigkeiten sind möglich. Wer traut sich dagegen schon, von der schlecht bezahlten und schwarz arbeitenden Polin zu verlangen, den teils klebrig, teils hart gewordenen zehnjährigen Dreck mit eingestaubten Essensresten in der schmalen Ritze zwischen altem Gasherd und altem Kühlschrank abzuschaben?

Regulär arbeitende Putzfrauen haben es allerdings auch nicht einfach. Norbert Riediger von der IG Bau, unter deren Dach etwa 800 000 Gebäudereiniger organisiert sind, sieht ein generelles Problem mit der Wertschätzung. Seit 35 Jahren arbeitet Riediger selbst als Reinigungskraft und hat eine „kontinuierliche Wandlung des Berufsbildes“ beobachtet. „Sowohl das Standing in der Öffentlichkeit als auch die Arbeitsbedingungen haben sich verschlechtert“, sagt Riediger. Immer mehr Arbeit in immer kürzerer Zeit unter immer schwierigeren Bedingungen – das sei der Trend. Dass der Mindestlohn für die Arbeitskräfte zum ersten Januar angehoben wurde, ändere daran nichts.

So war es lange Zeit auch bei Justyna Polanska. Als sie vor 12 Jahren nach Deutschland kam, ging es ihr vor allem ums Geld, „da war es mir auch egal, ob die Kunden mich beleidigen.“ Damals ertrug sie es, wenn man sie als „Polackensau“ beschimpfte, und sie ertrug auch sexuell anzügliche Kommentare der Kunden. „Das Schlimmste, was ich erlebt habe, waren benutzte Tampons unter den Betten“, erzählt Polanska. „Und manchmal haben sich die Männer einfach vor mir ausgezogen oder mich nach meiner Unterwäsche gefragt.“ Sie fand noch andere Sachen unter deutschen Betten, das Buch befriedigt jegliches Interesse an Ekligem. Es ist ein finsteres Bild, das sich aus den Erzählungen ergibt. Andererseits habe sie auch positive Erfahrungen gemacht, erzählt sie. Einige Menschen hätten ihr bei Problemen geholfen, andere hätten sie zum Essen eingeladen. So sagt die Frau mit der hohen Stimme, dass sie „die Deutschen immer noch viel mehr mag als die Polen“. Dann wird wohl bald ein Buch über Polen fällig. Polanska hat im Laufe ihrer Reinigungstätigkeit viel dazugelernt, vor allem aber hat sie viel Kompetenz in Sachen Menschenkenntnis erworben. „Ich war jemand, der viel mit den Kunden kommuniziert hat, dadurch habe ich vielleicht mehr mit- und abbekommen als andere“, sagt sie. Trotz ihres Bucherfolges will Justyna Polanska weiterhin putzen. Dann aber nur noch bei Familien, die sie schätzt. Ohne Tränen.

Justyna Polanska, Unter deutschen Betten: Eine polnische Putzfrau packt aus, Knaur, € 8,99

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