Welt : Schwarze Löcher

Am Tag nach der Katastrophe ist die Autobahn noch immer ein Trümmerfeld – auch Berliner sind unter den Todesopfern

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Ein Unfallort wird zum Tatort. Eine Forensikerin inspiziert ausgebrannte Wracks und tote Insassen. Polizei und Justiz untersuchen eingehend die Ursache und den Verlauf der Unfallkatastrophe auf der A 19. Fotos: Reuters (1), dpa(2)
Ein Unfallort wird zum Tatort. Eine Forensikerin inspiziert ausgebrannte Wracks und tote Insassen. Polizei und Justiz untersuchen...Foto: REUTERS

Nach der Massenkarambolage am Freitag auf der Autobahn A 19 vor Rostock kämpften die Ärzte am Sonnabend noch um das Leben von zwei Schwerverletzten. Sie befanden sich „in einem kritischen Zustand“, hieß es bei der Polizei. Insgesamt mussten noch 21 Personen in den Kliniken stationär behandelt werden. Wie das Innenministerium von Mecklenburg-Vorpommern mitteilte, stammen die acht Todesopfer aus Berlin, Brandenburg, Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt sowie Mecklenburg-Vorpommern. Bei dem schlimmsten Verkehrsunfall in den vergangenen 20 Jahren in Deutschland waren 80 Autos auf beiden Fahrspuren bei einem Sandsturm kollidiert. 30 davon gerieten in Brand, darunter drei Lastwagen und ein Gefahrguttransporter. 131 Menschen erlitten Verletzungen. Rund 200 Helfer von Polizei, Feuerwehr, Technischem Hilfswerk und Rotem Kreuz hatten den ganzen Tag und die anschließende Nacht gegen das Chaos angekämpft. Notfallseelsorger kümmerten sich sowohl um die Unfallopfer als auch um die Rettungskräfte, die angesichts der erlebten menschlichen Tragödien selbst höchsten nervlichen Belastungen ausgesetzt waren.

Noch am Sonnabendmorgen löschte die Feuerwehr einen Brandherd in einem Lastwagen. Von den dramatischen Ereignissen zeugten am Samstag große schwarze Löcher und eine teilweise zentimeterdicke Rußschicht auf den Fahrbahnen. „Vor allem unter den ausgebrannten Lastzügen ist der Beton thermisch zersetzt“, sagte ein Sprecher der Autobahnmeisterei. Mehrere Betonteile seien aus der Fahrbahn herausgebrochen worden. Die Reparatur des rund 70 Meter langen Abschnitts dauerte den ganzen Sonntag an. Auch die Mittelleitplanke ist völlig zerbeult. Bis zum späten Nachmittag musste die Autobahn noch voll gesperrt bleiben. Später konnte die Polizei wenigstens die Fahrspur nach Berlin freigeben. Auf ihr konnte der Verkehr jeweils einspurig an der Unfallstelle vorbeigeleitet werden.

Der Autobahnabschnitt zwischen dem Flughafen Rostock-Laage und Kavelstorf war erst im vergangenen Jahr nach langer Instandsetzung fertiggestellt worden. Hier gibt es kein Tempolimit. Gewöhnlich werden hier sehr hohe Geschwindigkeiten gefahren, da der Abschnitt keine starken Kurven oder Anhöhen aufweist.

Unterdessen hält die Suche nach den Ursachen der Katastrophe an. Es scheint eine Verkettung von Ursachen zu geben – der Sandsturm, die Trockenheit und nicht angepasste Geschwindigkeit.

Der Einsatzleiter der Feuerwehr, Hannes Möller, sagte , dass das Feuer von einem Auto in der Mitte der Unfallstelle ausging. Durch den starken Wind und die eng zusammenstehenden Autos habe sich das Feuer schnell auf benachbarte Wagen ausdehnen können. Auch ein Gefahrguttransporter sei so entzündet worden. „Wenn die Autos auf der Autobahn unterwegs sind, laufen die Motoren heiß und auch die Teile daneben, das sind ideale Zündmöglichkeiten“, sagte Möller der dpa. Über den Sandsturm sagen die Meteorologen, es habe sich um einen ausgedehnten und lange andauernden Sturm der Stärke 8 bis 9 gehandelt, das entspricht einer Geschwindigkeit von 72 bis 86 km/h. Es sei ein „Tief ohne Regen“ gewesen. die Niederschläge waren bereits abgeregnet. Auf den ausgedörrten Feldern wirbelte der Sturm die Erde zu der folgenschweren Staubwolke auf. Bei Regen hätte es keine Staubwand gegeben. Weil der Sandsturm die Rettungsarbeiten behinderte, bat die Polizei ein nahes landwirtschaftliches Gut, Gülle auf die Felder an der Unfallstelle zu streuen.

Matthias Schnittig vom ADAC plädiert für eine „jederzeit aufmerksame Fahrweise“. So würde man Staubfahnen auf den Äckern oft schon früh erkennen. „Da müssen alle Alarmsignale beim Autofahrer angehen, also die Geschwindigkeit gedrosselt und der Abstand zum Vordermann erheblich vergrößert werden. Außerdem muss man ständig bremsbereit sein“, sagte der ADAC-Experte.

Vorsichtshalber hat die Staatsanwaltschaft fünf Autos beschlagnahmen lassen, deren Fahrer angesichts der Sandwand vielleicht zu schnell oder zu unvorsichtig unterwegs gewesen sein könnten. „Es besteht der Verdacht der fahrlässigen Tötung und der Körperverletzung“, teilte die Staatsanwaltschaft mit. mit dpa

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