Schweden : Die Prinzessin erteilt eine Lehre

Schwedens Thronfolgerin Victoria heiratet. Nach den Vorstellungen des Hochadels ist ihr Bräutigam alles andere als perfekt

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Das Aufgebot ist bestellt. Die schwedische Kronprinzessin Victoria und ihr Verlobter Daniel Westling nahmen schon in der vergangenen Woche erste Hochzeitsgeschenke entgegen. Geheiratet wird am kommenden Samstag in Stockholm. Foto: dpa
Das Aufgebot ist bestellt. Die schwedische Kronprinzessin Victoria und ihr Verlobter Daniel Westling nahmen schon in der...Foto: dpa

Moderne Märchenprinzessinnen müssen nicht auf Erbsen schlafen, um ihre Noblesse zu beweisen. Und sie müssen auch keine Frösche küssen, um den Prinzen zu gewinnen. Kronprinzessin Victoria von Schweden bereitet gerade ihre Traumhochzeit mit Daniel Westling vor, die am kommenden Samstag ab 14 Uhr 30 weltweit über die Fernseher flimmern wird. Royale Hochzeiten sind normalerweise vor allem bunt und prächtig. Diese aber ist außergewöhnlich, weil Victoria der Welt eine Lehre erteilt. Sie zeigt, dass selbst bei einer königlichen Märchenhochzeit der Bräutigam nicht perfekt sein muss. Das ist eine Revolution, weil ja schon im normalen Leben viele Beziehungen daran scheitern, dass die Anforderungen an einen Partner zu hoch, zu überzogen, zu unrealistisch sind.

Wäre denn ein durchschnittliches Akademikerehepaar glücklich, wenn die Tochter mit ihrem Fitnesstrainer ankäme und den heiraten wollte? Stellt sich dann heraus, dass der Bräutigam auch noch krank ist, wie Daniel Westling, der im vergangenen Jahr eine Niere transplantiert bekam, wären auch ganz normale Eltern besorgt. Wie dann erst eine Familie, die dynastische Rücksichten zu nehmen hat. Schließlich geht es in solchen Fällen ganz besonders auch darum, Kinder zu bekommen. Zwar ist die Krankheit nicht vererbbar, aber ehrliche Mütter werden zugeben, dass ein Traumschwiegersohn eigentlich anders aussieht. Doch auch Königin Silvia, die Mutter der Braut, verhält sich vorbildhaft und rät dem künftigen Schwiegersohn, sich nicht zu verbiegen und er selbst zu bleiben.

Am nächsten Samstag ist es auf den Tag genau 34 Jahre her, dass Silvia ihre eigene Märchenhochzeit feierte. Rund 200 000 Zuschauer säumten Stockholms Straßen, als der damals 30 Jahre alte König Carl XVI. Gustaf die zwei Jahre ältere bürgerliche Deutsche Silvia Sommerlath heiratete, die er bei den Olympischen Sommerspielen in München 1972 kennengelernt hatte. Sie war dort als Chefhostess für ihn zuständig. Auch Victoria und ihr Daniel werden im Dom getraut. Mit der Hochzeit wird der Sohn eines Sozialarbeiters aus dem Dorf Ockelbo zur Königlichen Hoheit mit dem Titel eines Herzogs von Västergötland. Bei der anschließenden Kutschfahrt durch die Stadt wird es wohl ein ähnlich blau-gelbes Fahnenmeer geben wie vor 34 Jahren. Victoria wird auch dasselbe Diadem tragen wie ihre Mutter bei der Hochzeit.

Nicht die Outfits und die ganz große Hochzeitsshow machen Victoria zu einer modernen Märchenprinzessin, sondern ihre Geschichte und ihre Haltung, mit der sie alle Widerstände gegen den Mann ihres Herzens überwand. Von Anfang an festgelegt zu sein auf eine bestimmte Art von Leben, in dem immer verlangt wird, Vorbild zu sein und den schwedischen Staat zu verkörpern, schon das wird nicht einfach gewesen sein. Zwar ist es ein finanziell abgesichertes Leben, aber es findet im goldenen Käfig statt. Victoria darf nicht über die Stränge schlagen, sie muss sich verhalten, wie man es von einer Königin erwartet.

Die im Jahr 1977 geborene Victoria Ingrid Alice Desirée ist die erste weibliche Thronfolgerin in Schweden seit Königin Christina im 17. Jahrhundert. Für sie wurde im Zeitalter der Gleichberechtigung 1980 die schwedische Verfassung geändert, sonst wäre ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Carl Philip erster Anwärter auf den Thron geworden. Im Alter von drei Jahren war sie zum ersten Mal auf einer Briefmarke zu sehen. Seitdem wird sie darauf vorbereitet, Königin von Schweden zu werden.

Im Gespräch mit dem Tagesspiegel erzählte Königin Silvia einmal, wie sie mit den Kindern durch den Wald ging und Würstchen grillen wollte. An einem Stein wollte sie Feuer machen. Da kam sofort Protestgeschrei von den Kindern. „Das tut dem Stein doch weh“, sagte Victoria. „Wieso denn?“, fragte die Königin. „Das sagt der Waldtroll“, antwortete die kleine Prinzessin.

Victoria besuchte ein staatliches Gymnasium. Sie studierte unter anderem in Frankreich, machte Praktika zum Beispiel in der Botschaft in Berlin. Am 14. Juli 1995 wurde sie volljährig und damit offiziell Stellvertreterin ihres Vaters. Rasch wurde die schöne Prinzessin zum Star bei royalen Ereignissen in ganz Europa. Aber da war auch der ungeheuer große Erwartungsdruck, das Gefühl, ständig beobachtet zu werden. Im November 1997 bestätigte der Hof, dass die Prinzessin unter Essstörungen leide. Um den Paparazziverfolgungen zu entgehen, gab sie ihren Studienplatz an der Universität Uppsala auf und ging nach Yale. Das wirkte besser als alle Therapien, denn an der amerikanischen Eliteuniversität kommen so viele Hoffnungsträger berühmter Familien zusammen, dass sie nicht weiter auffiel und zum ersten Mal ein ganz normales Leben führen konnte.

Nach ihrer Rückkehr meldete sich die Prinzessin, die auch gern reitet und Ski fährt, im Frühjahr 2001 in seinem Stockholmer Fitnessstudio an und bat um einen persönlichen Trainer. Der Chef selber kümmerte sich um die prominente Klientin. Er hieß Daniel Westling.

Bis zur Verlobung, die am 24. Februar vergangenen Jahres bekanntgegeben wurde, war es aber noch ein weiter Weg. Das lag zum Teil am Widerstand von König Carl Gustaf. Prinzessin Victoria ließ aber selbst auch immer wieder durchblicken, dass es nicht einfach sei, sie zu heiraten. Als Prinzgemahl kann Westling seine Studios nicht weiterführen, weil vermieden werden soll, dass ihm unlauterer Wettbewerb nachgesagt werden kann. Außerdem wird er ins Protokoll des Königshofes eingebunden und muss repräsentative Aufgaben wahrnehmen, auf die er seit der Verlobung vorbereitet wird. Zudem wurde lange öffentlich diskutiert, ob er gebildet genug sei für eine Ehe mit Victoria. Das ist nun vorbei, und die Diskussionen haben gezeigt, dass die Schweden ein liberales Volk sind und im Begriff, eine ebenso ernsthafte wie durchsetzungsfähige Königin zu bekommen.

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