Schweden : Erziehungsschule statt Super-Nanny

Während man in Deutschland Fernseh-Psychologinnen zu Rate zieht, werden in Schweden gestresste Eltern selbst aktiv. In kostenlosen Erziehungskursen lernen sie, wie sie mit ihrem Nachwuchs besser klarkommen.

Nina Larson[AFP]
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Familie mit drei Kindern: Um Alltagssituationen besser zu meistern, besuchen viele schwedische Eltern Erziehungskurse.AFP

StockholmSchwedische Schüler genießen eine der besten Ausbildungen der Welt. Doch nun drücken auch ihre Eltern die Schulbank. Ein wachsendes Angebot an Erziehungskursen bietet Müttern und Vätern die Gelegenheit, ihre Fertigkeiten im Umgang mit ihren Kindern zu verbessern. Die kostenlosen Elternschulen erfreuen sich in Schweden eines regen Zulaufs.

Aasa zum Beispiel will in ihrer Mutterrolle sicherer werden. "Ich gerate in Stress, sobald eines meiner Kinder mir nicht gehorcht", berichtet die 34-jährige geschiedene Mutter von acht Jahre alten Zwillingen. Sie nimmt an einem Erziehungskurs in Skarpnäck, südlich von Stockholm teil. "Ich frage mich immer, ob ich ein Exempel statuieren muss", sagt Aasa und wirft einen ängstlichen Blick auf die anderen Eltern-Schüler im Kurs.

Richtiger Umgang vom Baby- bis zum Teenageralter

Schon länger werden in Schweden Kurse für Eltern von Neugeborenen angeboten. Nun ist das kostenlose Weiterbildungsangebot auf Eltern von älteren Kindern ausgeweitet worden. Die Zahl der Eltern, die solche Kurse besuchen, ist in den vergangenen Jahren gestiegen, wie aus Statistiken des Nationalen Gesundheitsinstituts (INSP) hervorgeht. Kamen 2004 noch zwei Prozent der schwedischen Eltern, so waren es im vergangenen Jahr schon sieben Prozent. Langfristig will das INSP sogar 30 bis 40 Prozent aller Mütter und Väter erreichen.

"Was viele Eltern zu uns bringt, sind Streitereien oder Autoritätsschwierigkeiten zu Hause. Aber wir bieten Kurse für alle Eltern an", betont Familienberater Magnus Braun, der für die Erziehungskurse in Skarpnäck zuständig ist.

Die Psychologin Aasa Kling hat eines der beliebtesten Erziehungsprogramme namens Komet auf seine Effizienz getestet. Die Kurse "funktionieren für alle, für diejenigen, die keine wirklichen Probleme haben und für die, die welche haben", sagt Kling und verspricht einen handfesten Nutzen im Alltag. Schwierige Kinder seien weniger verhaltensauffällig, nachdem ihre Eltern an einem solchen Programm teilgenommen hätten.

Nicht einfach den Fernseher ausschalten

Dabei geht es in Kursen wie in Skarpnäck keineswegs theoretisch zu. Stattdessen lernen die Eltern an konkreten Beispielen auf Videos. Eines davon zeigt einen Jugendlichen, der auf seiner Spielkonsole spielt. Der Vater kommt ins Zimmer, fordert den Jungen auf, zum Essen zu kommen, und schaltet abrupt den Monitor aus. Daraufhin gerät der Junge in Wut. "Was ist hier schiefgelaufen?", fragt Elternberater Braun. "Das ging alles viel zu schnell", antwortet der zweifache Vater Christoph. Mit den Videospielen sei es ähnlich wie mit Filmen. "Man kann nicht einfach so ausmachen. Die Kinder müssen sich vorher an die Idee gewöhnen."

Das bringt Braun auf eine der Grundregeln des Programmes: die Vorbereitung. "Es ist entscheidend, die Kinder auf das vorzubereiten, was folgen wird. Man muss ihnen Zeit geben, aufzuhören und sich mental auf den Wechsel vorzubereiten." Der Familienberater empfiehlt seinen Kursteilnehmern stets, eine Eieruhr zu benutzen und den Kindern zu sagen, dass zum Beispiel noch genau zehn Minuten bleiben, bis die Zähne geputzt werden müssen. "Dann reicht es, sie daran zu erinnern, dass nur noch fünf, dann zwei Minuten bleiben. Sie werden den Unterschied sehen", verspricht Braun.

Prinzip Belohnung statt Bestrafung

Eine weitere Grundregel lautet, stets das zu loben, was gut läuft und nicht zu sehr am Kind herumzumäkeln. Dieser Ansatz entspricht den in Schweden und anderen nordischen Ländern verbreiteten moderaten Erziehungsmethoden. Körperliche Strafen für Kinder sind hier verbannt, das Schimpfen ist verpönt. Falls im Kurs einmal mehr Disziplin empfohlen werde, dann gehe es nicht um Bestrafung, betont Braun. "Wir sprechen nicht von Strafen, sondern von Konsequenzen."

Vater Christoph erzählt, dass der erste Kurs das Verhältnis zu seinem fünfjährigen Sohn verändert hat. "Ich habe versucht, mich nicht einfach vor ihm aufzubauen und ihm die Leviten zu lesen", sagt der 36-Jährige. Stattdessen überlegt er erst, was er sagen will und versucht, besser auf seinen Sohn einzugehen. Und er lässt den Fünfjährigen selbst entscheiden, was er spielen will. "Wir haben eine Menge Spaß gehabt", berichtet er.

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