Schweinegrippe : Großbritannien hustet

Britische Politiker diskutieren, alle Schulen zu schließen. British Airways will keine Passagiere mit Grippe-Symptomen mehr befördern. Reißerische Medienberichte schüren die Angst zusätzlich.

Jürgen Krönig

Vieles spricht dafür, dass es in Großbritannien zu einer ausgewachsenen, öffentlichen Panik kommen könnte. Zuallererst ist da die bisherige Bilanz der Krankheit zu nennen: Bislang erlagen im Königreich 31 Menschen der als Schweinegrippe bekannt gewordenen Influenza – die letzten Opfer waren ein 15-jähriges Mädchen aus Glasgow und ihre Mutter. Insgesamt sind in Großbritannien bislang knapp 11.000 Menschen mit dem Virus infiziert worden – Schätzungen gehen von einer weit höheren Zahl an Fällen aus, da viele Betroffene mit leichten Symptomen nicht zum Arzt gehen.

Dass die Zahl der Erkrankten in Großbritannien beinahe doppelt so hoch ist wie im gesamten Rest Europas zusammen trägt nicht gerade dazu bei, die Gemüter zu beruhigen.

Auch das Straßenbild beginnt sich zu ändern. Auf den Einkaufsmeilen Londons und vor Sehenswürdigkeiten wie dem Trafalgar Square und dem Palast von Westminister sieht man immer häufiger Touristen mit Schutzmasken vor dem Gesicht; Fotos davon prangen in allen Gazetten und tragen so dazu bei, das Gefühl der Bedrohung anwachsen zu lassen.

Genährt wird die Angst auch durch Berichte und Schlagzeilen, die allesamt auf nahendes Unheil hindeuten: Zwei britische Fluggesellschaften, Virgin und British Airways, wollen keine "niesenden Passagiere" mehr befördern. China zögert nach wie vor, alle Schüler von britischen Schulklassen, die durch das Land der Mitte reisten, aus der Zwangsquarantäne zu entlassen.

Britische Denkfabriken legen Berechnungen vor, wonach die Volkswirtschaft – ohnehin arg gebeutelt durch Bankenkrise und Rezession – durch die Amerikagrippe weiterer, schwerer Schaden zugefügt werden wird. Das Bruttosozialprodukt Großbritanniens soll 2009 um sage und schreibe 7,5 Prozent schrumpfen – wegen der hohen Abwesenheitsrate der Beschäftigten. Den erwarteten Schaden für die britische Volkswirtschaft berechnet das Institut auf mindestens 120 Milliarden Euro.

Währenddessen fordern Medizinprofessoren die Regierung auf, schon jetzt die Schließung der Schulen nach den gerade beginnenden Sommerferien ins Auge zu fassen. Nur so könne man die Verbreitung des Virus verlangsamen und kostbare Zeit gewinnen, um das Serum, mit dem die Nation vorbeugend geimpft werden soll, in ausreichender Menge herzustellen.

Die Schließung der Schulen wäre ein dramatischer, folgenschwerer Schritt, den die Regierung nicht so ohne Weiteres verhängen wird. Nicht nur würde die Wirtschaft durch die Abwesenheit von rund einem Drittel der Arbeitskräfte in Folge von Schulschließungen schwer beschädigt, auch Krankenhäuser und Arztpraxen würden ungefähr ein Drittel ihres Personals nach Hause schicken, welches dringender denn je gebraucht würde.

Und dann sind da die Prognosen über den wahrscheinlichen Verlauf der Epidemie und die Zahl der Todesopfer, die zu erwarten sind. Der nationale Gesundheitsdienst des Landes wurde angewiesen, sich auf bis zu 65.000 Grippetote einzustellen und entsprechende Vorbereitungen zu treffen. Das ist zwar die größtmögliche Zahl von Todesopfern und besagt wenig über den zu erwartenden tatsächlichen Verlauf. Doch solche Berechnungen tragen nicht gerade zur Beruhigung der Bevölkerung bei.

Regierungen haben es in einer solchen Situation immer äußerst schwer. Warnen sie zu eindringlich, verkünden sie allzu rasch harsche Maßnahmen, werden sie von Medien und Öffentlichkeit der Angstmache beschuldigt, gleichgültig ob es sich um die Gefahr durch Terroristen oder durch eine Pandemie handelt.

Gesundheitsminister Andy Burnham bekam dieses Dilemma bereits zu spüren: Er forderte die Öffentlichkeit auf, Ruhe zu bewahren und warnte vor unnötiger Hysterie. Daraufhin wurde er von einem Kolumnisten des Massenblattes Sun kritisiert, er habe die Auskunft darüber verweigert, ob er seinen Sohn mit zu einem Fußballspiel nehmen werde oder nicht.

Ein anderes Kabinettsmitglied, Innenminister Alan Johnson, ließ sich wiederum zu der unklugen Bemerkung verleiten. Er sagte, die Amerikagrippe sei "eine größere Gefahr als der Terrorismus". Damit erschwerte er das Leben einer Regierung, die insgesamt betrachtet, bislang einen vernünftigen Kurs gefahren ist.

Selbst die Opposition konnte nur wenige Vorwürfe erheben: Die Regierung habe einen Monat kostbarer Zeit vertan. Auch sei das Serum, mit dem alle Menschen vorbeugend geimpft werden sollen, derzeit nur für 30 Millionen Briten vorhanden.

Ein Rätsel bleibt die Sonderstellung Großbritanniens: Die Rate von Infizierten sei "wegen Heathrow" so hoch, dem Knotenpunkt des europäischen Flugverkehrs, lautet ein Erklärungsversuch. Oder liegt es am britischen Hang zur Schmuddeligkeit? Mehr als 50 Prozent aller Männer waschen sich nach dem Toilettenbesuch nicht die Hände. Derzeit betonen alle, ob Ärzte, Minister oder Medien, die überragende Bedeutung von Hygiene im Kampf gegen die Amerikagrippe.

Quelle: ZEIT ONLINE

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