Welt : Schweiß: Was tun?

Irene Meichsner

Man stelle sich vor: Sie sitzen im Büro, womöglich dem Chef gegenüber. Es ist heiß, unerträglich heiß, und Sie wissen genau, Sie schwitzen. Vielleicht sieht man es sogar schon, feuchte Flecken unter den Achseln. Schlimmer, vielleicht riecht man es auch. Allein der Gedanke treibt manchen Menschen den Schweiß auf die Stirn. Darum wird nach Kräften gesprayt, gerollt und gepudert. Über die Hälfte aller Frauen greifen täglich zum Deo, auch bei Männern sind es schon mehr als ein Drittel.

Dabei gibt es durchaus Zeitgenossen, die sogar dem Schweißgeruch etwas Positives abgewinnen. Biologen zum Beispiel, wie Lyall Watson, der frühere Direktor des Zoos von Johannesburg. "Kaum etwas im Tierreich lässt sich mit dem Geruchspotenzial der menschlichen Achsel vergleichen, ausgenommen vielleicht der Beutel des Moschustiers und die Analdrüsen der Zibetkatze", schwärmt er in seinem neuen, wunderbaren Buch über den "Duft der Verführung".

Watson fiel auf, dass die Arme bei vielen Anlässen angehoben werden: bei der Begrüßung, beim Tanzen, bei der Umarmung oder wenn die Frau sich an die starke Schulter des Mannes schmiegt. Fast jede unserer Gesten verbreitet Gerüche. Und weil die Achselhöhlen der Nase am nächsten liegen, gebe das Freund oder Feind die Gelegenheit, unsere Absichten einzuschätzen.

Theorien, die sich mit der zwischenmenschlichen Verständigung über Duftsignale beschäftigen, haben derzeit Hochkonjunktur. Erst im vorigen Jahr konnten britische Psychologen der Universität Northumbria in Newcastle beweisen, dass Frauen Männer auf Fotos attraktiver finden, wenn man in ihrer Nähe einen mit Männerschweiß getränkten Wattebausch versteckt. Der Effekt sei "enorm" gewesen, staunte Nick Neave, einer der beteiligten Wissenschaftler.

Schnüffeln für die Forschung

Alle Forscher und Probanden verdienen höchste Anerkennung für derart aufopferungsvolles Schnüffeln im Dienste der Wissenschaft. Doch dass der Duft, der etwa den Achseln entströmt, verführerisch sein soll, geben wir wohl wirklich nur in sehr intimen Situationen zu. Im Alltag glauben wir eher, auf den Schweiß verzichten zu können. Warum, fragt man sich, schwitzt der Mensch überhaupt - wenn das Schwitzen derart lästig ist?

Frischer Schweiß besteht zu 99 Prozent aus klarem Wasser. Außerdem enthält er Salze, Mineralien, Aminosäuren, Immunglobuline zum Schutz der Haut vor Infektionen und andere Substanzen, die man vermutlich noch gar nicht alle kennt. So werden Harnstoff, verschiedene Arzneimittel und Drogen zu einem geringen Teil auch über den Schweiß ausgeschieden. Der Schweiß dient uns als gut geölte Klimaanlage, er entschlackt den Körper und macht die Haut geschmeidig. Und von Haus aus stinkt er keineswegs.

Der stechende oder käsige Mief, den wir so abstoßend finden, ist erst das Werk winzig kleiner Bakterien. Sie lassen sich bevorzugt an einer bestimmten Sorte von Schweißdrüsen nieder, den "akkrinen" Drüsen. Diese Drüsen, die sich unter anderem in der Achselhöhle konzentrieren, entwickeln sich erst mit der Pubertät und sind eng an das Gefühlsleben gekoppelt: Aus ihnen sickert der Schweiß, der mit Angst, Wut, Schmerz, Lampenfieber oder sexueller Erregung einhergeht.

Ihr Sekret ist als solches geruchsneutral. Aber es enthält Vorläufermoleküle, die von den jeweils ortsansässigen Mikroorganismen zersetzt und dabei in unterschiedlich riechende Stoffe verwandelt werden. "Isovaleriansäure" ist zum Beispiel für den säuerlich-käsigen Schweißgeruch mitverantwortlich. "4-Ethylheptansäure" stinkt nach Ziegenbock. Dass Männer so sexy riechen können, dürfte auch daran liegen, dass ihr akkriner Schweiß ein Abbauprodukt von Testosteron enthält, dem männlichen Sexualhormon. Bakterien verwandeln diesen Stoff in eine in hoher Konzentration abstoßend nach Moschus oder Urin riechende Substanz.

Jeder Mensch hat seine individuelle Schweißbakterienflora - und jeder entwickelt darum seinen persönlichen Geruch, der sich im Laufe des Lebens verändert. Säuglinge riechen sauer-milchig, junge Männer eher streng und Greise süßlich-saurer. Erfahrene Mediziner wissen, dass sich der Schweißgeruch auch bei Krankheiten ändern kann - für sie ist der Riechtest ein verlässliches Diagnosemittel. Dass gerade der Achselschweiß dabei so intensiv riecht, nimmt rein chemisch nicht Wunder. Um die 300 Stoffe fanden sich darin schon, aber es sind wohl noch mehr. Auch die verantwortlichen Bakterien sind erst teilweise dingfest gemacht. Immerhin: "Micrococcus sedentarius" wurde als wesentlicher Urheber des Fußgeruchs enttarnt.

Kein Deo, auch kein Parfüm kann die unaufhörlich tätigen Schweißbakterien dauerhaft in ihrem Eifer bremsen. Diese Energie kommt nicht von ungefähr. Sie wird ihnen durch den Saft verliehen, der aus den "ekkrinen" Schweißdrüsen quillt. Die Natur hat uns damit üppig gesegnet. Zwei bis drei Millionen sind es insgesamt, verteilt auf zwei Quadratmetern Haut. Auf Nacken, Rücken und Gesäß wurden pro Quadratzentimeter um die 55, auf dem Handteller, der Fußsohle und in der Achselhöhle mehr als 400 Schweißdrüsen gezählt. Je mehr dieser schlauchförmigen Gebilde sich in einer Körperregion konzentrieren, desto üppiger kann der Schweiß dort sprudeln. Und das ist gut so. Denn wer schwitzen kann, verfügt über ein effektives Kühlsystem.

Die ekkrinen Drüsen stehen in direkter Verbindung mit dem zentralen Temperaturregler im Zwischenhirn. Schon auf relativ geringe Abweichungen von den normalen 37 Grad Celcius Körpertemperatur reagiert der menschliche Organismus äußerst empfindlich. Bei über 43 Grad droht ein Hitzschlag mit tödlichem Kreislaufversagen. Aber nicht nur Fieber heizt den Leib auf, sondern auch hohe Außentemperaturen, körperliche Anstrengung und dicke oder luftundurchlässige Kleidung. Rund 30 000 Temperaturfühler, die "Thermorezeptoren", melden jede Schwankung der Hauttemperatur an das Zwischenhirn. Das befiehlt bei zunehmender Hitze zuerst den Blutgefäßen, sich zu weiten. Dadurch erwärmt sich die Haut - überflüssige Hitze strahlt nach außen ab.

Reicht das nicht, ergeht die Anweisung an die Schweißdrüsen: "Pumpt Wasser aus dem Blut." Unverzüglich tritt die klare, dünne und geruchsneutrale Schweißflüssigkeit aus, sie verdunstet auf der vorgewärmten Haut, die sich auf diese Weise abkühlen kann: dem Körper wird Wärme entzogen, und die empfindliche Temperaturbalance ist wieder hergestellt. Ein wenig schwitzt man auf diese Weise ständig, auch wenn man es nicht immer merkt. Mindestens ein halber Liter Schweiß kommt an einem Tag zusammen. Bei großer Hitze oder körperlicher Anstrengung sind es pro Tag bis zu acht Liter oder mehr. Spitzensportler bringen es sogar auf zwei bis drei Liter Schweiß pro Stunde, anders könnten sie gar keine Höchstleistung vollbringen. Sie sind darauf angewiesen, dass sich ihr Körper, der bei Anstrengung besonders viel Wärme produziert, ständig abkühlen kann.

Naturfasern haben auch ihre Tücken

Fließt mehr Schweiß als auf Anhieb verdunsten kann, dann perlt er von der Stirn, rinnt den Rücken herunter. Für den Organismus ist das ein reines Verlustgeschäft. Denn das kostbare Nass, das er fürs Schwitzen abzweigt, geht verloren, bevor es verdunsten und damit seine Kühlwirkung entfalten kann. Auch hohe Luftfeuchtigkeit macht ergiebiges Schwitzen schwer. Grund: Die Luft ist vom Wasserdampf bereits gesättigt und erlaubt dadurch praktisch keine Verdunstung mehr. Ähnliches gilt für eng anliegende und luftundurchlässige Kleidung.

Die berüchtigten Nyltest-Hemden der 60er Jahre klebten auf der schweißnassen Haut noch wie eine luftdichte Kunststoff-Folie. Aber auch die sonst so hoch gelobten Naturfasern sind bei Menschen, die - wie Sportler - besonders kräftig schwitzen, inzwischen mega-out. Bei schweißtreibenden Tätigkeiten saugen sich diese Fasern mit Feuchtigkeit voll: Wolle nimmt bis zu 40 Prozent ihres Eigengewichts an Feuchtigkeit auf, Baumwolle bis zu 80 Prozent. Der Körper ist dadurch ständig von einer nassen Schicht umgeben, auf der Haut verbleibt ein unangenehmes Kältegefühl.

Das Zauberwort moderner High-Tech-Fasern Gore-Tex oder Sympatex heißt dagegen "atmungsaktiv". Solche Kunststoffe auf der Basis von Polyester oder Polypropylen nehmen nur wenig Schweiß in sich auf. Sie transportieren die Feuchtigkeit entlang ihrer Oberfläche vom Körper weg, wo sie aus den äußeren Schichten schneller verdunstet. Perfekt sind auch diese Textilien noch nicht, so dass es auch darin stickig wird. Aber sie können Sportlern das Leben doch schon sehr erleichtern, besonders Bergsteigern, Radfahrern oder Seglern. Denn die schwitzen nicht nur, sie laufen zugleich Gefahr, sich zu verkühlen.

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