Welt : Schweiz: Lieber keine Taube auf dem Dach

Rebekka Haefeli

Um sechs Uhr morgens geht Edgar Bammatter auf die Pirsch. Um diese Zeit schultert der städtische Taubenwart auf der Gemüsebrücke sein Kleinkalibergewehr mit Schalldämpfer, nimmt eine Schachtel "Medizin" in den Sack, wie er die Munition bezeichnet, hängt sich das Fernglas um den Hals und klemmt sich einen Papiersack unter den Arm. Darin transportiert er die toten Vögel, die er auf seinem Rundgang durch die Altstadt abschießt.

Auf dem Zwingliplatz beim Großmünster macht der 62-Jährige Halt: Auf einem Turm sitzen zwei Tauben. Bammatter zielt, schießt, die Federn stieben, und einer der Vögel plumpst leblos auf das Kopfsteinpflaster. Mit der Beute im Papiersack zieht der Taubenwart durch die Römergasse weiter. Im Nägelihof zeigt Bammatter auf einen Ehgraben, einen der engen Gänge zwischen zwei Altstadthäusern, wo früher der Abfall weggeschwemmt wurde. Der Ehgraben sei bis vor kurzem voll von Tauben mit Pockengeschwüren gewesen.

Taubendreck ist in Zürich ein ästhetisches, aber auch ein hygienisches Problem. In der Innenstadt gibt es schätzungsweise 8000 Tauben. Menschen könnten sich über den Kontakt mit Tauben, Taubenkot oder Kotstaub mit Bakterien, Viren, Salmonellen oder Pilzen infizieren, warnt Bammatter. Taubendreck führe zu Schäden an Fassaden. Der Taubenwart rückt aus, wenn sich Hausbesitzer oder Mieter bei ihm über Vogelkot beschweren. Bis ein Schwarm Tauben endgültig von einem Gebäude verschwunden ist, braucht er in der Regel mehrere Einsätze. Nur wenn Bammatter regelmäßig am gleichen Ort Tauben abschießt, gelingt es ihm, den ganzen Schwarm zu beseitigen. Manchmal dauert dies wochen- oder monatelang. "Tauben sind standorttreu. Sie geben nicht so schnell auf, sie kommen immer wieder."

Normalerweise werden gegen Tauben Drähte, Gitter, Netze, Nägel oder Pillen eingesetzt, die unfruchtbar machen. So in den meisten Städten Europas und hie und da auch in Zürich. Aber mit seinem städtischen Taubenwart schießt Zürich den Vogel ab.

Edgar Bammatter zerstört auch Nester und Eier, die Jungvögel tötet er durch Stockschlag. Hin und wieder wird er auch zu einem "Taubenslum" gerufen; leer stehende Fabrikräume, in denen sich Tauben über Jahre ungestört vermehren konnten und wo er eine dicke Schicht aus toten Vögeln, Federn und Knochen vorfindet. Bammatter hat fünf Fallen. Nur eine Brieftaube lässt er leben. Sie ist schon zum siebten Mal in eine Falle geflogen. Bammatter schickt sie in die Freiheit. Mit seiner Arbeit hält Edgar Bammatter den Bestand der Tauben stabil. Je mehr Futter vorhanden ist, desto mehr Tauben gibt es. Er kenne die "Tauben-Lieselis" zum Teil persönlich, sagt Bammatter und meint damit die meist älteren Damen, die an verschiedenen Plätzen großzügig Taubenfutter streuen. Die Hoffnung, sie von der negativen Wirkung ihres Tuns zu überzeugen, hat er aufgegeben. Kritik von Tierschützern hält er entgegen, das Universum sei so aufgebaut, dass höhere Organismen auf Kosten von niedrigeren Organismen lebten. An Kritik hat er sich gewöhnt. So reagiert er auch gelassen, als ihn ein Anwohner am Hirschenplatz beschimpft. Den Mann stört es, dass Bammatter tote Tauben auf seinem Dach liegen lässt. Das stinke im Sommer. Bammatter entgegnet, in seinem Alter könne er nicht mehr auf Dächern herumklettern, der andere solle den Dachdecker rufen. Es entwickelt sich ein Gespräch, und Bammatter bietet an, die Aktion auf den Herbst zu verschieben, wenn die Dachterrasse nicht mehr genutzt wird.

Der Taubenwart der Stadt Zürich wird nächstes Jahr, nach 18 Jahren in seinem Amt, pensioniert. In dieser Zeit hat er auch einmal eine Taube gegessen: Taubenbrust, in Öl mariniert, mit Speckstreifen umwickelt, bestückt mit einem Salbeiblatt und grilliert, sei gar nicht schlecht, sagt er. Er bevorzuge aber Wildente. Die meisten Tauben, die er schießt oder fängt, friert er ein und verschenkt sie an Jagdkollegen. Diese benutzen die Vögel als Ablenkungsköder für Füchse und für die Ausbildung von Jagdhunden.

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