Schweiz : Polanski ist frei

Die Schweizer Regierung hat bekannt gegeben, den Regisseur nicht an die USA auszuliefern – ein Einspruch ist nicht möglich. Der Filmemacher konnte seine elektronischen Fußfesseln abstreifen.

Jan-Dirk Herbermann[Bern]

Das Drama um Roman Polanski endet mit einem Happy End für den Regisseur. Die Schweizer Regierung lehnt eine Auslieferung des mutmaßlichen Vergewaltigers einer 13-Jährigen in die USA ab. Die Eidgenossen machten geltend, die USA hätten entscheidende Zeugenaussagen im Fall Polanski nicht übermittelt – das gab Justizministerin Eveline Widmer Schlumpf am Montag in Bern bekannt. Filmemacher Polanski konnte noch am selben Tag um 11.30 Uhr seine elektronischen Fußfesseln abstreifen und sein Luxuschalet in Gstaad als freier Mann verlassen; seit Dezember 2009 hielten die Behörden den 76 Jahre alten französisch-polnischen Doppelbürger dort unter Hausarrest. Insgesamt saß der mit erstem Wohnsitz in Frankreich lebende Polanski zehn Monate in der Schweiz fest. Damit schließt sich einer der spektakulärsten internationalen Kriminalfälle.

Die US-Behörden hätten die Entscheidung der Schweizer „zur Kenntnis genommen“, sagte Widmer-Schlumpf. Die Amerikaner könnten die Freilassung des 76-jährigen nicht anfechten.

Der Filmemacher verdankt das Ende seiner Isolation einer Unklarheit in dem Auslieferungsverfahren. Die Schweizer Behörden hatten von den USA die Herausgabe eines Protokolls verlangt. „Das mussten wir haben“, so die Justizministerin. Doch die US-Behörden weigerten sich, das Schriftstück der Schweiz zur Verfügung zu stellen. Es handelt sich um eine Befragung des Staatsanwalts Roger Gunson vom 26. Januar 2010 – der Jurist war in den siebziger Jahren für den Fall Polanski zuständig. Er hatte 1977 eine 13-Jährige unter Drogen gesetzt und Sex mit ihr gehabt. Polanski hatte damals die Vergewaltigung einer Minderjährigen zugegeben und verbrachte 42 Tage in der psychiatrischen Abteilung eines kalifornischen Gefängnisses. Später setzte er sich nach Frankreich ab, weil er eine weitere Strafverfolgung befürchtete. Aus dem Protokoll soll laut den Schweizer Behörden hervorgehen, der damals zuständige Richter in den USA habe ausdrücklich zugesichert, Polanksi könne nach den 42 Tagen Haft wieder in die Freiheit zurückkehren. Die Schweizer argumentieren nun so: Falls Polanski seine Strafe tatsächlich bereits verbüßt habe, fehle dem Auslieferungsgesuch der USA „die Grundlage“.

Mit Schadensersatzforderungen des Multimillionärs Polanksi rechnet die Schweizer Regierung offensichtlich nicht. Widmer-Schlumpf erklärte zwar: Personen, die in der Schweiz verhaftet und nicht ausgeliefert werden, hätten ein Anrecht auf eine Kompensation. Nur: Im Fall Polanski habe der Verhaftete selbst darauf bestanden, das Prozedere nicht hastig über die Bühne zu bringen. Die Schweizer Behörden hätten den juristischen Sachverhalt exakt geprüft. „Das dauert eben eine gewisse Zeit“, hieß es aus dem Berner Justizministerium.

Die US-Behörden hatten im Jahr 2005 den flüchtigen Polanski international zur Verhaftung wegen der Vergewaltigung der Minderjährigen ausgeschrieben. Im September 2009 reiste er nach Zürich, wo er beim Filmfestival für sein Lebenswerk geehrt werden sollte. Die Schweizer nahmen ihn vor der Würdigung fest. Die Umstände der Verhaftung waren auf heftige Kritik gestoßen. Polanski besitzt ein Chalet in Gstaad, wo er sich regelmäßig aufhält. Er hätte dort jederzeit verhaftet werden können. Dass er ausgerechnet vor einem großen Empfang der Stadt Zürich verhaftet wurde, zu dem er für eine Ehrung eingeladen worden war, war für die Behörden peinlich. Da wusste die rechte Hand nicht, was die linke tut.

Polanski saß zunächst in einem Auslieferungsgefängnis, später unter Hausarrest in seinem Chalet – gegen Zahlung einer Millionenkaution. Zahlreiche Künstler und Politiker setzten sich für eine Freilassung ein.

In ihrer gestrigen Erklärung legte Justizministerin Widmer-Schlumpf Wert auf die Feststellung, die Schweiz habe nicht den Vorwurf der Vergewaltigung untersucht, sondern nur das Auslieferungsgesuch der US-Justiz. Es sei aber registriert worden, dass auch das Opfer um Nachsicht für den Täter gebeten habe. Das Opfer Samantha Geimer hatte wiederholt gefordert, dass das Verfahren gegen Polanski eingestellt werde und sie endlich ein Leben in Ruhe führen könne.

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