Welt : Schweiz: Raus aus dem Tal

Margrit Sprecher

Seit seinem Amtsantritt reißen die Katastrophen nicht mehr ab. Erst sprach die ganze Welt vom "Totengold", wie die auf Schweizer Banken gelagerten nachrichtenlosen Vermögen der Holocoust-Opfer genannt wurden. Dann brannte der Gotthard-Strassentunnel aus. Wenig später richtete ein Amokschütze ein Blutbad im Zuger Kantonsparlament an. Und schliesslich blieb, symbolträchtig wegen des roten Kreuzes am Heck, die Swissair am Boden - zugrunde gewirtschaftet von der Arroganz und Unfähigkeit ihrer Manager.

Und dann auch noch der Botschafter in Berlin. Und jetzt auch noch Außenminister Deiss, der hinter Borers Privatleben hinterherrecherchiert haben soll. Andere wären ob der Pannenflut längst verzweifelt. Johannes Matyassy, Chef von "Präsenz Schweiz", der offiziellen PR-Agentur der schweizerischen Regierung, bleibt heiter und gelassen. Das ist vielleicht das Wichtigste an seinem Job, um der Schweiz wieder neuen Glanz aufzupolieren. Schon sein Name signalisiert: So fremdenfeindlich kann die Schweiz nicht sein. Sein Lebenslauf ist fest in schweizerischen Werten verankert: Wirtschaftsstudium, Bass im Berner Kirchenchor "Bruder Klaus" und eine solide Verwaltungskarriere. Dazu kommt seine verbindliche Art, sein elegantes Gleiten über schweizerisches Ungemach: Gelder von Diktatoren auf Schweizer Banken und Schweizer Nummernkonti in beinahe jedem zweiten Hollywood-Thriller? "Das neue Geldwäschergesetz wird Ordnung schaffen." EU-Drohungen gegen das Schweizer Bankgeheimnis? "Präsenz Schweiz arbeitet daran." Skandal um Botschafter Thomas Borer in Berlin? "Nur ein Störfall, verglichen mit den bisher durchgestandenen Image-Supergaus."

Irgendwie wird es sich schon gefällig hinbiegen lassen. Das ist die Grundhaltung, mit der Matyassy eine Krise nach der anderen durchstehen will. Eine Haltung der Ratlosigkeit, vielleicht sogar der Hilflosigkeit.

Schadenfroh

Denn noch sieht es freilich nicht so aus, als ob sich wirklich alles hinbiegen lässt. Mag das Ausland auch zur Tagesordnung übergehen, in der Schweiz führte die Affäre Borer zu einer veritablen Identitätskrise. Sind wir, fragte sich das Land, tatsächlich so kleinkariert und provinziell, wie uns die Welt jetzt wahrnehmen muss? Genügen ein angeblicher Seitensprung, die Angst vor der Meinung der anderen und das Schlagzeilen-Stakkato der Boulevardpresse, um einen schweizerischen Aussenminister dazu zu bringen, seinen Botschafter zu entlassen?

Außenminister Joseph Deiss neigt, wie die meisten Schweizer Aussenminister, zu besonderer Farblosigkeit; in einem neutralen Land ist das vielleicht sogar ganz angemessen. Aber viele Schweizer Bürger reiben sich jetzt schadenfroh die Hände. Wie schön die Vorstellung, wie der aus Berlin zurückbeorderte Botschafter fortan in einer besonders staubigen Berner Abstellkammer Akten kopieren und bündeln muss. Die Strafe finden sie durchaus verdient. Denn zu selbstbewusst hatte er gegen die höchsten Schweizer Tugenden - Diskretion und Bescheidenheit - verstoßen; zu weltmännisch war er aufgetreten für den Geschmack eines Volkes, das das Tiefstapeln zum guten Ton erklärt und das Sprichwort beherzigt: Hühner, die ihren Kamm zu hoch tragen, werden zuerst geköpft.

Dabei war Thomas Borer Matyassys Vorzeigemann gewesen. Keiner widerlegte so gründlich das von "Präsenz Schweiz" ermittelte unerfreuliche Schweizer Image. Statt "sauber, ordentlich und tüchtig", wie die meisten Menschen im Ausland die Schweizer sehen, war Thomas Borer spontan, geistreich und lebenslustig. Statt erst einmal abzuwarten und sparsam zu lächeln, war er unverkrampft auf Unbekannte zugegangen. "Bedauerlich zwar", sagt Johannes Matyassy - gefasst wie immer - über Borers Abberufung. "Doch ich kann den Entscheid des Bundesrates verstehen. Das Leben geht weiter." In Zukunft wird Matyassy wohl wieder lieber brave Bauernbuben wie Skispringer und Olympia-Sieger Simon Ammann als Schweizer Aushängeschild in die Welt schicken.

Die Gründung der PR-Agentur "Präsenz Schweiz" war eine Verzweiflungstat gewesen, damals, als alle Welt vom Nazigold redete. Und die Verzweiflung wollte nicht weichen. Nur einmal in seinen drei Amtsjahren waren Matyassy und seiner 15-köpfigen Beschönigungsagentur eine kurze Atempause beschieden: Als die Schweizer vor einigen Wochen Ja zum UNO-Beitritt sagten. Endlich hatten sie gezeigt, dass sie der Welt offen gegenüber stehen. Und dies, obwohl die politische Rechte nach allen Regeln der Kunst die Ängste vor der Fremdbestimmung geschürt hatte. Tatsächlich besitzt die Schweiz nicht nur den prozentual grössten Ausländeranteil Europas. Das diffuse Gefühl, nicht mehr Herr im eigenen Haus zu sein, verstärkt auch die Tatsache, dass die Eidgenossen ein unbehaustes Volk sind; nur jeder Dritte wohnt in den eigenen vier Wänden. Auch andere Stücke der Heimat brachen plötzlich sang- und klanglos weg. Traditionsfirmen wie Nestlé, Saurer und Maggi, Namen, mit denen jeder Schweizer aufgewachsen ist und die so unverrückbar schweizerisch schienen wie das Matterhorn, werden jetzt von New York, Frankfurt oder London aus mitgelenkt.

Johannes Matyassys Freude über das UNO-Ja war freilich von kurzer Dauer. Neuer Kummer verursachte ihm der sogenannte Bergier-Bericht, die erste, vom Staat bei Historikern in Auftrag gegebene Aufarbeitung der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Jetzt ist wissenschaftlich erwiesen, was die meisten schon vorher wussten: Das Land war zu kleinlich bei der Aufnahme von Flüchtlingen und zu grosszügig bei der Zusammenarbeit mit der deutschen Kriegswirtschaft. Das bedeutet willkommene Munition in den Händen des kritischen Auslands. Einmal mehr sieht es sich in seiner Auffassung bestätigt, dass die Schweiz ein Land der humanitären Drückeberger ist und blosse Interessengemeinschaft ohne menschliche Werte.

Künstler und andere Chaoten

Soviel öffentliche Schelte bleibt nicht ohne Wirkung auf die Schweizer. Kummer gewöhnt, stöhnten viele "Nicht schon wieder", als der Pilot, der in das Mailänder Pirelli-Hochhaus flog, in ersten Meldungen als Schweizer bezeichnet wurde. Und sie atmeten auf, als er sich als ein in Italien Geborener mit doppelter Staatsbürgerschaft herausstellte. Zu schaffen macht den Schweizern aber auch das zunehmende Gefühl der Isolation. Selbst politisch Gleichgültige irritiert, dass ihr Land als EU-Nichtmitglied mittlerweile aus allen europäischen Statistiken gefallen und sogar von der Europa-Wetterkarte verschwunden ist.

Ein Gutes freilich hat die Borer-Affäre: Sie weckt in den Schweizern grimmige Ironie, eine Eigenschaft, die noch nie zu ihren Nationaltugenden gehörte. So wurden Dream Teams für die Borers Nachfolge angeregt, die nicht nur Berns Wunsch nach Harmlosigkeit erfüllten, sondern auch Berlins Vorstellungen von typischen Eidgenossen. Warum, so der Vorschlag, nicht Komiker Emil auf den Botschafter Posten setzen? Doch dieser Anflug von Humor ist schnell vergangen.

Zumindest der freiwillige. In den Leitlinien der PR-Agentur "Präsenz Schweiz" heißt es, die Arbeit solle "primär präventiv und sekundär kurativ, immer aber kreativ und nachhaltig sein". Noch steckt Matyassys Team mitten in der "kurativen, defensiven Phase": Es legt dort Pflaster auf, wo das Image besonders gelitten hat. Über die Art des Kurativ-Kreativen haben die Medien freilich derart gelästert, dass "Präsenz Schweiz" wieder darauf verzichtete. So wird beim "Swiss Peak Event 2003" in New York weder ein Schokoladenbrunnen sprudeln, noch werden die Amerikaner ihre Gabel ins weltgrößte Fondue tunken. Es war von Anfang an das Konzept von "Präsenz Schweiz", dass das Gleißen der Schweizer Gletscher und die gebeugten Rücken der Schweizer Bergbauern die Arroganz der Banken und die Unfähigkeit der Manager in milderem Licht erscheinen lassen sollte.

Kritiker stören die Klischees. Doch Klischees, das beteuert Johannes Matyassy, dienen als "Eingangsportal", als "Abholungsort", um Ausländer im Rahmen eines Einladungsprogramms sachte zur modernen Schweiz hinzuführen. Aber schon bald, freut sich Matyassy, ist die "kurative, defensive Phase" vorbei. Bald kann er sich auf die "offensive, kreative Phase" stürzen. Alle Nachbarländer kommen in den Genuss sanfter PR-Bearbeitung. Auch der Schweizer Pavillon an den beiden Weltausstellungen in Paris und im japanischen Aichi gehören zu Matyassys Aufgaben. Aber wie diese Hüllen füllen? Da taucht, einer Drohung gleich, die Notwendigkeit einer Idee auf. Man wird Künstler und andere Chaoten anheuern müssen. Um das ramponierte Image bei den Engländern zu flicken, machte der "Präsenz-Schweiz"-Mitarbeiter Alessandro Delprete einen bestechend schlichten Vorschlag: "Wir müssten nur die Engländer ein einziges Mal beim traditionellen britisch-schweizerischen Politiker-Skirennen siegen lassen".

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