Schweiz : Türme der Angst

Vor der Moschee in Genf patrouilliert die Polizei. Kürzlich hat es einen Anschlag gegeben. Die Stimmung im Land ist gereizt: Die Schweiz stimmt über ein Bauverbot von Minaretten ab. Aber in Wirklichkeit geht es um mehr. Es ist ein Plebiszit über den Islam.

Jan Dirk Herbermann[Genf]
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Überraschende Wahl. Bei einem Referendum in der Schweiz haben 57 Prozent für ein Bauverbot von Minaretten gestimmt. -Foto: dpa

Auf der grauen Tür steht „Minarett“. Oben mit lateinischen Buchstaben, darunter auf Arabisch. „Kommen Sie“, sagt Ulysse Moh. Seine Stimme hallt in dem kalten Keller. Mit der linken Hand streicht er den ergrauten Bart, die rechte Hand geht zum Griff. Die Tür knarrt beim Öffnen. Eine Wendeltreppe führt steil nach oben. Es ist eng und feucht. Die Luft riecht faulig. Die Lampen sind ausgeschaltet. Aufstieg. Nach rund 100 Stufen fällt Licht in den schlanken Turm. Die Tür zu dem Balkon steht offen. Über der Empore ragt die grüne Spitze des Minaretts in den grauen Himmel. Auf der Spitze des Turms stehen drei Kugeln, ganz oben liegt ein Halbmond. „Das Minarett hier in Genf ist rund 40 Meter hoch“, sagt Ulysse Moh, der Hausmeister, „der Turm soll den Gläubigen den Weg zur Moschee weisen.“

Die Genfer Moschee ist das größte islamische Gotteshaus in der Schweiz. Der König von Saudi-Arabien gab das Geld für den Bau. Zur Eröffnung der Moschee am nördlichen Stadtrand, unweit der Grenze zu Frankreich, erschien der Monarch persönlich. „Das war 1978“, erzählt Ulysse. Man spürt seinen Stolz. Doch dann spricht er von der „Initiative“. Er sagt: „Erst sind es die Minarette, dann die Moscheen, dann die Muslime.“

Wovor fürchtet sich Ulysse Moh? Eine Gruppe rechtsgerichteter Eidgenossen will den Bau von Minaretten per Verfassungsänderung verbieten. In fast 50 Jahren errichteten die Muslime vier Moscheetürme in der Schweiz. Die größte Partei des Landes, die erzkonservative Schweizerische Volkspartei, hat sich auf die Seite der „Initiative“ gestellt. Am kommenden Sonntag werden die Stimmbürger zwischen St. Gallen und Genf, zwischen Basel und Chiasso über den Baustopp entscheiden.

Der angestrebte Bann beherrscht seit Wochen die politische Debatte der Schweiz. Noch nie stimmten in einem Land die Menschen über eine vergleichbare Frage ab. Längst geht es nicht mehr um das bloße Minarettverbot. Es geht um Religion und Rassismus, um Toleranz und Terrorismus. Es ist ein Plebiszit über den Islam.

„Wir Schweizer leben zwar in der Mitte Europas, wir sind aber noch immer ein Sonderfall“, sagt der Soziologe Jean Ziegler. „Dass rund 115 000 Schweizer mit ihrer Unterschrift die Abstimmung erzwungen haben, ist ein Zeichen der helvetischen Pathologie.“ Und er fragt: „Wie kann eine so intolerante Initiative nur so erfolgreich sein?“ Die Antwort: Die Gegner der Minarette setzen auf die Angst. Die Angst vor dem Islam, die Angst vor Fanatikern. Das Minarett symbolisiere den „Machtanspruch“ des Islam über die Schweiz, sagen sie. Einer ihrer Wortführer ist der SVP-Abgeordnete Walter Wobmann: „Die Befürchtung ist groß, dass den Minaretten der Gebetsrufer, der Muezzin, folgen wird“, warnt er seine Zuhörer. Und nach dem Muezzin droht in Wobmanns Vorstellungswelt die Scharia. „Das islamische Recht beinhaltet unter anderem Ehrenmorde, Zwangsehen, Beschneidungen, das Tragen der Burka, die Missachtung von Schulvorschriften, ja sogar Steinigungen.“

Als schrillen Höhepunkt ihrer Anti-Minarett-Kampagne präsentierten Wobmann und seine Mitstreiter ein Plakat, entworfen vom deutschen Werber Alexander Segert: Links starrt eine schwarz verhüllte Frau grimmig auf den Betrachter, daneben ragen Minarette wie Raketen auf. Die Schatten der Raketen-Minarette legen sich auf die Schweizer Fahne. Die Stadt Basel hat das „rassistische und diskriminierende“ Poster verboten, Menschenrechtsexperten der Uno rügten die „provozierende“ Botschaft des Posters. In Genf hängt das Plakat an Straßen und Plätzen. Auch in der Nähe der Moschee.

Es ist Freitag gegen 12 Uhr mittags. Freitag ist der heilige Tag im Islam. Vor der Genfer Moschee klappert ein Muslim mit seiner Sammelbüchse. Mit der Kollekte sollen Prothesen für die Kriegsopfer im Gazastreifen gekauft werden. Die ersten Gläubigen treffen ein. Junge Männer, alte Männer, die meisten tragen Bart und einfache Kleider. Auch einige Frauen mit Kopftüchern erscheinen. Vor der Moschee regelt ein Wachmann eines privaten Sicherheitsdienstes den Verkehr. Polizeiwagen patrouillieren. Erst vor wenigen Tagen warfen Islam-Gegner Pflastersteine auf die Fassade. Verletzt wurde niemand. „Die Attacke zeigt die aufgeheizte Atmosphäre“, sagt ein älterer Muslim. Die „Initiative“, da ist er sicher, stachelt die Nichtmuslime zum Hass auf die Muslime auf.

„Es ist eine Diskriminierung all jener Muslime, die sich im Rahmen des gesellschaftlichen und interreligiösen Dialogs engagieren“, sagt Hisham Maizar, der Präsident der Föderation islamischer Dachorganisationen in der Schweiz. Leila, eine 37-jährige Neuromedizinerin, sagt: „Früher schauten die Leute im Bus mit Neugier auf mich, heute schauen sie mit Furcht auf mich.“ Dann dreht sie sich weg, als Frau muss sie durch einen separaten Eingang in die Moschee gehen. Auch darf sie nicht in demselben Raum beten wie die Männer.

An den Rändern der zwei großen Gebetsräume für Männer stapeln sich die Schuhe. Die Gläubigen sitzen dicht an dicht auf flauschigen Teppichen, einige ältere Herren haben sich auf Klappstühlen niedergelassen. Alle richten ihren Blick Richtung Mekka. An der Wand hängt ein Plakat gegen die Anti-Minarett-Initiative. Andere Poster zeigen die heiligen Stätten der Muslime, Mekka und Medina. Zwischen den Gläubigen drängen sich Fotografen. Die Medien brauchen neuen Stoff für ihre Berichte über die Anti-Minarett-Initiative.

Um Punkt 13 Uhr erscheint der Imam. Er postiert sich vor einem riesigen Stuhl aus Holz. Auf dem Kopf trägt er eine weiße Kappe, das Gesicht ist mit einem Bart bedeckt. Die Männer verstummen, der Gottesdienst beginnt. Der Imam redet über Pilgerfahrten, über Aufgaben und Pflichten der Muslime. Er spricht frei. Mal arabisch, mal französisch. Dann zitiert er aus dem Koran. Die Gläubigen antworten. Ein Summen, ein Murmeln erfüllt den weiten Raum. Sie bücken ihre Oberkörper, werfen sich auf die Knie. Zuletzt neigen sie die Köpfe. Nur die Rücken sind zu sehen. Das Rufen, Murmeln, Summen und Bücken dauert 45 Minuten.

Dann begrüßt der Imam einen Gast: Ueli Leuenberger, Präsident der Schweizer Grünen. Leuenberger kämpft gegen das Minarett-Verbot. Jetzt in der größten Moschee des Landes wendet er sich direkt an die Muslime. „Ich will Ihnen meine Sympathie und meine Solidarität übermitteln“, sagt er. Seine Botschaft: Dialog, Miteinander, Verständnis. Nein zu Islamophobie. Es ist das übliche Repertoire. Die Muslime bedanken sich mit höflichem Applaus.

Die Ablehnung der Initiative reicht bis weit ins bürgerliche Lager hinein: Auch die Christen, die Juden wollen von dem Minarett-Verbot nichts wissen. Die Gegner führen vor allem die Religionsfreiheit ins Feld. Viele Politiker fürchten eine aggressive Reaktion der Muslime. „Die einzige Wirkung eines Minarettverbots wäre, dass sich die Muslime diskriminiert fühlen würden“, warnt der christdemokratische Abgeordnete Norbert Hochreutener. „Weil der Staat ihre Religion angreift, würden einige Hitzköpfe den Staat angreifen.“ Auch die Regierung und die Wirtschaft sagen Nein zum Verbot. Ihnen bangt vor der Empörung im Ausland, vor allem in der islamischen Welt. Mit Entsetzen erinnern sie sich an das Beispiel Dänemark. Nachdem in einer Zeitung Karikaturen über den Propheten Mohammed erschienen waren, attackierten wütende Muslime Einrichtungen des skandinavischen Landes. „Dabei befindet sich die Schweiz außenpolitisch bereits in einer schwierigen Situation“, sagt der Soziologe Kurt Imhof. „Wenn sie nun noch als latent rassistisch erscheint, dient dies nicht der Verteidigung ihrer Interessen.“

Medien aus muslimischen Ländern beobachten seit Wochen die Minarett-Kontroverse in der Schweiz. Noch nie berichteten Journalisten aus Algerien, Ägypten und Palästina so intensiv über ein Referendum in dem kleinen, fernen Land.

Bislang galten die Beziehungen der Schweizer zu den muslimischen Migranten als relativ problemlos – keine Gewalt, kaum Fanatismus, wenig Ausgrenzung. Beide Seiten profitierten: Helvetische Firmen fanden billige Arbeitskräfte, Muslime aus ärmeren Staaten konnten mit harten Franken ihre Familien ernähren.

Als 1963 die muslimische Gemeinde in Zürich eine Moschee mit dem ersten Minarett in der Schweiz einweihte, lobte der Bürgermeister den Bau als Symbol des „weltoffenen und liberalen Charakters“ seiner Stadt. Lebten im Jahr 1970 rund 16 000 Muslime in der Eidgenossenschaft, sind es heute rund 400 000 – knapp fünf Prozent der Einwohner.

„Wir sind natürlich nur eine Minderheit“, sagt Youssef Ibram, der Imam der Genfer Moschee. „Deshalb achten wir besonders darauf, wie die Mehrheit uns behandelt.“ Ibram sitzt in einem Zimmer des Islamischen Kulturzentrums neben der Moschee. Er nippt an einem schwarzen Kaffee. Der Imam antwortet auf jede Frage ruhig und überlegt. Warum verbietet Saudi-Arabien den Christen den Bau von Kirchen? „Diese Frage“, sagt er, „muss man den Saudi-Arabern stellen.“ Kann er verstehen, dass viele Europäer nach den Anschlägen fundamentalistischer Muslime den Islam fürchten? „Wir sind nicht verantwortlich für Bin Laden, wir sind nicht verantwortlich für Al Qaida, wir sind nicht verantwortlich für die Taliban in Afghanistan, wir sind nicht verantwortlich für das, was in Pakistan passiert, wir sind nur verantwortlich für uns“, sagt der Imam.

Youssef Ibram richtet sich auf. Er führt durch die Räume des Kulturzentrums, eine Frau mit Kopftuch huscht vorbei. Das Gespräch kommt wieder auf die Abstimmung. Bisher bekam die Anti-Minarett-Initiative in keiner Umfrage eine Mehrheit. Warum haben die Moscheebesucher dann solche Angst? „Wissen Sie“, sagt Ibram, „wenn schon fünf Prozent der Schweizer das Verbot der Minarette verlangen, ist das eine Niederlage für uns, es würde zeigen, dass wir Muslime in der Schweiz nicht willkommen sind.“

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