Welt : Schweizer Betonköpfe

Das Land wird immer stärker zersiedelt und verbaut. Eine Volksinitiative will das stoppen

Jan Dirk Herbermann[Genf]

Zürich ist berühmt für seine Altstadt: pittoreske Häuschen und bunte Brunnen aus vergangenen Jahrhunderten, schöne Kirchen und gemütliche Plätze. Zürich ist aber auch berüchtigt für seine Bauwut: Eilig hingeklotzte Konsumcenter und Bürotürme, eine zubetonierte Uferpromenade und ein Fluss, der auf mehreren hundert Metern von einer Straße überdacht ist.

Zürich und sein Umland sind nur ein Beispiel der Schweizer Zersiedelung. Das Gesicht Helvetiens, einst um seine malerischen Landschaften beneidet, wurde in den letzten Jahrzehnten immer grauer, immer verschandelter. In jeder Sekunde verbauen die Eidgenossen einen Quadratmeter Grünfläche, im zweiten Halbjahr 2006 reichten Private und öffentliche Nutzer rund 57 000 Baugesuche ein, die meisten Anfragen seit den frühen neunziger Jahren. Und von 1970 bis 2000 verdreifachte sich die Zahl der städtischen Gemeinden.

Jetzt aber formiert sich Widerstand gegen das Zupflastern der Landschaft. „Wir verlangen, dass die Gesamtfläche der Bauzonen in der Schweiz für 20 Jahre begrenzt werden“, sagt Marcus Ulber vom Schweizerischen Bund für Naturschutz, Pro Natura. Die Behörden sollen Gebiete nur noch dann zu Bauland erklären dürfen, wenn dafür in anderen Gebieten schon eingezontes Bauland wieder „rückgezont“ wird.

Ulbers Verein und 15 andere Umwelt- und Landwirtschaftsverbände streben eine Volksabstimmung über ihren Plan an. Die Schweizer sollen entscheiden: ein Ja zum nachhaltigen Gebrauch der Ressource Land, ein Ja zur Natur, ein Ja zum Leben.

Oder ein Weiter- so. „Dann wachen wir bald auf und haben eine Bandwurmsiedlung vom Genfer See bis zum Bodensee“, warnt Ulber. „Die Grünfläche verschwindet immer weiter, die Natur stirbt, und der Mensch muss immer öfter ins klimakillende Flugzeug steigen, um der Riesenstadt zu entkommen.“ „Jede Gemeinde will alles. Eine Villen-, Einfamilien-, Mehrfamilienhaus-, Gewerbe- und Industriezone“, klagt Ulber. Der knappe Boden werde „auf Vorrat“ zum Bauland erklärt, um von künftigen Entwicklungen zu profitieren.

Zwar beobachten viele Schweizer die starke Zersiedelung ihrer Umwelt mit gemischten Gefühlen. Aber der Egoismus ist oft zu stark. „Wenn es um den Bau des eigenen Hauses geht, muss es immer eine Ausnahme geben“, erklärt Architekturkritiker Benedikt Loderer. Angetrieben wird der Bauboom auch durch die gute Konjunktur und die tiefen Kredit-Zinsen. Je reicher die Schweizer werden, desto konkreter wird ihr Wunsch nach einem stattlichen Haus.

Und dann sind da noch die vielen Multimillionäre und Milliardäre aus dem Ausland, die in Scharen in die Schweiz strömen. Sie erwerben dort großflächige Apartments, die in bester Lage an den Ufern der Seen entstehen. Langgestreckte Blöcke ziehen sich die Hügel an den Seen entlang und verschandeln das Bild. Manche Gemeinde, die früher einmal arm war, ist durch den Zuzug der Milliardäre reich geworden.

Wenn das so weiter geht, wird die kleine Schweiz irgendwann einmal eine Art Stadtstaat sein – mit ein paar Skiliften zwischendrin.

Viele Eidgenossen schrecken nicht davor zurück, in den Einflugschneisen der geschäftigen Flughäfen von Zürich und Genf ein Heim zu kaufen. Im kleinen Bellevue im Kanton Genf etwa, unweit vom Airport, stellten Bautrupps in fünf Jahren ungefähr alle fünf Tage eine neue Wohnung fertig.

Auch in den Alpen drehen sich immer mehr Kräne, rumpeln immer lauter die Mörtelmischer. So wuchs der teure Skiort Verbier in den Walliser Alpen in fünf Jahren um zwölf Prozent. Nur noch auf alten Postkarten schimmert die verlorene Bergidylle durch. Auch das berühmte Davos in Graubünden hat die Zauberberg-Atmosphäre längst verloren. Hotelkästen prägen heute das Bild.

Gerade in den Alpen aber stoßen die insgesamt 7,5 Millionen Schweizer an natürliche Grenzen. Denn ein Viertel des Landes besteht aus Gewässern, Gletschern, Felsen und Geröll – unbebaubares Land. Die Folge des Platzmangels: Die Eidgenossen breiten sich über die Grenzen aus. In der französischen Region um den Kanton Genf etwa brummt die Bauwirtschaft immer stärker.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben