Schweizer Dignitas : Empörung über Sterbehilfe auf dem Parkplatz

Die Sterbehilfe der Organisation Dignitas in der Schweiz ist schon lange umstritten. Doch der unterstützte Selbstmord zweier Deutscher auf einem Waldparkplatz bei Zürich hat einen Sturm der Entrüstung ausgelöst.

Heinz-Peter Dietrich[dpa]

Genf/Zürich Als "pietät- und geschmacklos" bezeichnete der Bürgermeister von Maur, Bruno Sauter, den Tod im Auto. Es ist nicht erste Mal, dass Sauter sich mit Sterbehilfe befassen muss. In seinem Amtsbereich wohnt Dignitas-Gründer Ludwig Minelli. Der heute 75-Jährige soll schon einmal eine todesbereite Deutsche im Auto beim Sterben geholfen haben - vor seinem Haus. Das berichtete zumindest die Zeitung "Blick". "Jetzt ist Dignitas zu weit gegangen", schimpfte ein Parlamentarier im Radio und kündigte neue Initiativen gegen den "Todestourismus" an.

Minelli wies die Vorwürfe in einer Stellungnahme zurück: Die gegenwärtigen Schwierigkeiten, die Dignitas habe, seien auf "rechtswidrige Verbote der Gemeinderäte" einiger Gemeinden um Zürich zurückzuführen. "In der Zwischenzeit hat Dignitas keine andere Wahl, als Mitgliedern, welche ihr Leben beenden möchten, anzubieten, dies in einem schweizerischen Hotel durchzuführen." Wenn jemand das Auto dem Hotelzimmer vorziehe, habe die Organisation dies zu akzeptieren.

"Unwürdige Rahmenbedingungen"

Der Tod auf dem Parkplatz wird auch von Bestattungsunternehmer Urs Gerber kritisiert, der sonst zugibt, dass man in diesem Gewerbe "durch einiges durch" müsse. Er spricht von "unwürdigen Rahmenbedingungen", wenn er etwa die Leichname aus dem Auto holen und auf den Boden legen muss. Dass Minelli provozieren wollte, scheint vielen wahrscheinlich. Schließlich war Dignitas in den vergangenen Wochen nicht mehr aus den Schlagzeilen geraten, weil immer mehr Gemeinden im Raum Zürich sich geweigert hatten, die Genehmigung für die sogenannten Sterbezimmer in Mietwohnungen zu erteilen. Dorthin führte der Dignitas-Chef seine Kunden, wo ihnen ein tödlicher Giftcocktail zur Verfügung gestellt wurde. Den müssen sie selbst einnehmen und dabei wissen, was sie tun.

In vielen Wohngebieten gab es Proteste, weil ständig Kranken- und Leichenwagen vorfuhren. Schließlich wich Dignitas in Industriegebiete aus. Aber auch dort gab es heftigen Widerstand. Dann ging die Organisation in Hotels. Die Besitzer appellierten an Minelli, sie zu verschonen.

Nun also der Waldparkplatz. Sauter will in seiner Gemeinde mit Hilfe wachsamer Bürger verhindern, dass sich so etwas wiederholt. Für Staatsanwalt Jürg Vollenweider gibt es keine Möglichkeit, einen solchen öffentlichen Freitod zu unterbinden. "Wer in der Natur oder etwa in seinem geliebten Auto sterben möchte, kann das natürlich tun", sagt er dazu. Da sei die Rechtslage eindeutig. Und das weiß auch Minelli.

"Zum selbstbestimmten Leben gehört selbstbestimmtes Sterben"

Aber es gibt auch Gegenstimmen. Sterbeorganisationen seien es ja gerade, die solchen Menschen behilflich seien, die angesichts ihrer krankheitsbedingten Aussichtslosigkeit nur noch in Würde sterben wollten, sagen Befürworter. "Zum selbstbestimmten Leben gehört auch selbstbestimmtes Sterben in Würde", meint dazu etwa der Parlamentarier Urs Lauffer aus Zürich. Den vielen parlamentarischen Vorstößen auf lokaler Ebene gegen eine Ausuferung dieses Prinzips, etwa dadurch, dass die meisten der rund 200 Sterbewilligen aus Deutschland kommen, könnten nun schon bald wieder solche in den Kammern des nationalen Parlaments folgen. Es sollen Bewilligungen für solche Organisationen amtlich ausgestellt, "Qualitätsstandards" eingeführt und ihr Vorgehen strenger überwacht werden.

Rückendeckung für die Befürworter einer strengeren Aufsicht kam auch durch Berichte, dass Sterbende bei Dignitas langen Leiden ausgesetzt worden seien, weil das Mittel - Natrium-Pentobarbital - nicht richtig gewirkt habe. 15 Gramm des starken Schlafmittels werden in Wasser aufgelöst. In einer seiner wenigen öffentlichen Aussagen wies Minelli in einem Brief an die "Neue Zürcher Zeitung" grundsätzlich solche Vorwürfe zurück. Er räumt aber ein, dass es in äußerst seltenen Fällen - "nach unserer Erfahrung etwa ein Mal auf einige hundert" - lange dauere, bis der Tod eintrete. Der Grund dafür sei nicht ersichtlich.

Die Zeitung schrieb dazu, dies sei für Fachleute schwer nachvollziehbar. Hans Muralt, Geschäftsstellenleiter der Sterbehilfeorganisation Exit in Zürich, sagte dem Blatt, dass jemand gelitten habe, sei ihm aus seiner langjährigen Tätigkeit nicht bekannt. Auch dies werteten Kommentatoren im Schweizer Radio als Hinweis darauf, dass eine strengere Überwachung ermöglicht werden müsse. (mit dpa)