Welt : Schwere Herbststürme: Über alle Dämme

Werner Raith

Neue schwere Stürme mit heftigen Regenfällen und Orkanböen wüten in mehreren Ländern Europas. Nach letzten Angaben von gestern Abend wurden mindestens sechs Menschen getötet. Die Unwetter tobten vor allem in West- und Südeuropa. In Großbritannien führte der zweite schwere Sturm binnen einer Woche zu zwei Todesopfern und verschlimmerte die Lage in vielen Hochwasser-Gebieten. In der französischen Stadt Nizza wurde ein älterer Mann durch einen Erdrutsch getötet. In Italien starben drei Menschen. Der Sturm fegte auch über Spanien und die Schweiz hinweg. Dagegen blieb Deutschland von den Unwettern am Montag weitgehend verschont.

Behörden weiter überfordert

Vor allem Italien droht erneut Hochwasser, nachdem erst kürzlich ganze Regionen im Norden des Landes unter Wasser standen. Teile von Ligurien isoliert, der Flughafen von Genua geschlossen, ein Rentner in seiner Wohnung ertrunken, mehrere Bauarbeiter vermisst - obwohl bereits seit Tagen vorhergesagt, trifft das neue schlechte Wetter Oberitalien wieder gänzlich unvorbereitet. Im Aosta-Tal, das vor vierzehn Tagen besonders von Erdrutschen und Überflutungen heimgesucht worden war, sind die von der Regierung versprochenen Notstandspläne erst zum Teil fertig, in Piemont und der Lombardei ist man mit den Aufräumarbeiten nach der vorigen Überschwemmung gerade fertig, aber die zusätzlichen Absicherungen sollten planmäßig erst kommende Woche beginnen - nun muss man, so ist der gegenwärtige Eindruck, erneut an vielen Stellen improvisieren.

Und das, obwohl zentrale Verkehrsadern wie etwa die Via Aurelia an der Westküste Italiens noch immer keinen vollen Verkehr zulassen - einzelne Trakte mussten bereits wieder geschlossen werden.

In Norditalien sind die Flüsse über die Ufer getreten, zahlreiche Straßen sind wegen Erdrutschen gesperrt. Zu dem Regen soll diesmal noch ein heftiger Sturm kommen, und eine solche Situation ist speziell in den Berggegenden besonders schlimm. Da zudem in Italien die Hege und Pflege der Flora nicht sonderlich verbreitet ist, fallen nicht nur zahlreiche Äste auf die Straßen, sondern unzählige Bäume drohen ganz umzustürzen und die Straßen zu blockieren.

Auf den Hügeln hinter San Remo sind bereits viele Straßen unpassierbar, die Nebenflüsse des Po, die allesamt noch immer nicht auf ihren Normalstand zurückgegangen waren, zeigen an vielen Stellen noch immer aufgestautes Treibgut, das künstliche Becken bildet, deren Bruch dann zu Flutwellen führt. Immerhin: Das Zivilschutzministerium hat diesmal nicht auf der angestammten Zentralisierung bestanden, sondern autonome Einsatzkommandos vor Ort gelassen - der einzige wirkliche Unterschied zur Situation vor der Katastrophe im Oktober mit mehr als zwei Dutzend Opfern.

Die meisten Herbststürme kommen direkt vom Atlantik. Im Herbst können sich Tiefdruckgebiete dort besonders gut ausbilden, erläuterte Dr. Peter Werner vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Grund: Das Wasser im Atlantik ist noch relativ warm, ebenso wie die Luftschichten direkt darüber. Trifft nun die schon relativ kalte Luft aus dem Norden auf die wärmere über dem Wasser, bilden sich Tiefdruckgebiete.

England erneut heimgesucht

London (dpa). Bei Ludlow in Mittelengland wurden zwei Briten in ihrem Auto von einem umstürzenden Baum erschlagen. Ein dritter Insasse des Wagens kam mit lebensgefährlichen Kopf- und Rückenverletzungen ins Krankenhaus. Heftiger Regen ließ in England und Wales die Flusspegel weiter steigen. Etwa 3600 Häuser waren am Montag überflutet, davon 1000 in der Stadt York, die mit den schwersten Überschwemmungen seit fast 400 Jahren kämpft. Die Umweltbehörden warnten vor Überflutungen in insgesamt 70 Regionen.

Im Südosten Frankreichs, vor allem in Nizza, Cannes und Cagnes-sur-Mer, mussten die Feuerwehren mehr als 800 Einsätze fahren. Mehrere Campingplätze und Schulen wurden nach Überschwemmungen oder wegen abrutschender Erdmassen evakuiert. Am Flughafen von Nizza mussten wegen des starken Regens, der am Sonntag eingesetzt hatte, mindestens 50 Flüge gestrichen werden. Das Sturmtief griff auch auf Spanien über. Die spanischen Behörden gaben am Montag Sturmwarnungen für zwölf der 17 Regionen des Landes.

Es wurden Orkanböen mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 140 km/h erwartet. Von dem Unwetter war die gesamte Nordhälfte Spaniens betroffen, vor allem aber die Atlantikküste.

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