Welt : Schwerste Überschwemmungen seit 50 Jahren machen 800 000 Menschen obdachlos

Hans Brandt

Eine Familie im Norden Südafrikas starb am Donnerstag, als ihr Haus im Sturmregen zusammenstürzte. Zimbabwes drei südlichste Provinzen sind von der Aussenwelt abgeschnitten: Wassermassen haben Strassen, Strommasten und Telefonkabel zerstört. In Mosambik steht ein Gebiet von der Grösse der Niederlande unter Wasser. Botswana rechnet damit, sogar in Teilen der Kalahariwüste wegen Überschwemmungen den Notstand ausrufen zu müssen.

In grossen Teilen des südlichen Afrikas herrscht Katastrophenalarm weil es seit drei Wochen fast ununterbrochen stürmt und regnet. Die schlimmsten Überflutungen seit mindestens 50 Jahren haben mehr als 200 Menschen das Leben gekostet. Etwa 800 000 wurden obdachlos, über eine Million sind akut vom Ausbruch verschiedener Seuchen wie Cholera und Malaria bedroht.

Militärhubschrauber aus Südafrika, aber auch aus Frankreich, Zimbabwe und Mosambik fliegen seit Wochen Noteinsätze, um Menschen zu retten, die durch das Wasser überrascht wurden. Anfangs mussten Touristenlager im Süden des Krüger-Nationalparks evakuiert werden. Am Donnerstag traf es auch den Norden des weltberühmten Tierschutzgebietes. 50 Passagiere eines Busses, der in der Flut stecken blieb, mussten ebenfalls per Hubschrauber in Sicherheit gebracht werden.

In Mosambik haben die Vereinten Nationen um Nothilfe für mindestens 300 000 Menschen gebeten. Etwa 15 Millionen Dollar sind notwendig, um Lebensmittel und Medikamente zu verteilen und Seuchen zu verhindern. Frisches Trinkwasser ist zur Mangelware geworden. Im ganzen Subkoninent gibt es kaum noch Tabletten, um Wasser zu sterilisieren.

Schon jetzt sterben nach Presseberichten in der Hafenstadt Beira täglich 15 Menschen an Cholera. Die Zahl der Malaria-Fälle hat drastisch zugenommen. Die Krankheit wird von Parasiten ausgelöst, die durch Mücken übertragen werden. Deren Larven können jetzt in unbegrenzter Zahl im Schwemmwasser gedeihen.

Zimbabwe erklärte am Donnerstag drei Provinzen zum Katastrophengebiet, konnte das Ausmass des Schadens bisher aber noch nicht berechnen. In den drei Provinzen funktionieren weder die Strom- noch die Telefonleitungen und Radiokommunikation ist fast unmöglich. Die Landverbindungen zwischen Zimbabwe und Südafrika sind völlig unterbrochen. Der geschäftigste Grenzposten Afrikas, die Beit-Brücke über den Limpopo-Fluss zwischen Südafrika und Zimbabwe, ist seit Donnerstag Abend überflutet und gesperrt. Auf beiden Seiten der Grenze sind hunderte Lastwagen liegen geblieben. Auch sämtliche Strassen von Südafrika nach Mosambik und Botswana sind gesperrt.

Die Sintflut begann mit schwerem tropischen Regen, der vom Indischen Ozean aus über Mosambik und Zimbabwe bis nach Botswana zog. Vor einer Woche braute sich dann bei Madagaskar ein tropischer Wirbelsturm mit dem unscheinbaren Namen "Eline" zusammen. Nachdem er Teile Madagaskars verwüstet hatte, brachte der Zyklon sein Chaos nach Mosambik, das noch keine Zeit gehabt hatte, sich von den vorhergegangenen Überschwemmungen zu erholen. Zwar hat "Eline" über dem Land inzwischen an Kraft verloren, doch die Regengüsse waren trotzdem genug, um Zimbabwe heimzusuchen. Am Wochenende erwatet Botswana die Ausläufer des Tiefdruckgebietes.

Der Schaden an Strassen, Brücken, Staumauern, Häusern, Strom- und Wasserleitungen lässt sich noch nicht genau beziffern. Weit mehr als hundert Millionen Dollar wird der Wiederaufbau mit Sicherheit kosten. In einem Aufruf an die internationale Gemeinschaft sagte Mosambiks Regierung, dass sie mindestens 50 Millionen Dollar für erste Raparaturen der Infrastruktur brauchen würde. Mosambik, eines der ärmsten Länder der Welt, erholt sich gerade von einem jahrzehntelangen Bürgerkrieg, der erst 1992 endete. Das Land erzielte in letzter Zeit zweistellige Wachstumsraten, die vor allem durch Investitionsprojekte internationaler Konzerne ausgelöst wurden. Doch 80 Prozent der Bevölkerung lebt auf dem Land und ist völlig von der Landwirtschaft abhängig. Der Regen hat Acker in grossen Teilen des Südens zerstört, sodass mit einer Hungerkatastrophe zu rechnen ist.

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