Welt : Schwierige Suche nach den Überresten

WOLFGANG DRECHSLER

Starke Strömung / Trümmerfunde lassen kaum noch Zweifel daran, daß die beiden Maschinen kollidiert sindVON WOLFGANG DRECHSLER KAPSTADT.Mit der Entdeckung der ersten Trümmer der zerschellten Tupolew 154 hat sich die Hoffnung auf Überlebende wohl endgültig zerschlagen.Der namibische Trawler "Tobias Heinyeko", der am Sonntag aus dem Hafen von Walfischbucht ausgelaufen war, hatte am Montag morgen eine zertrümmerte Tür, kaputte Flügelklappen, einen Flugzeugsitz mit deutscher Beschriftung und etwa 20 weitere Wrackteile aus dem Meer gefischt.Experten halten es nun für ausgeschlossen, daß irgendjemand den Absturz aus 12 000 Meter Höhe überlebt haben könnte.Wer nicht beim Aufprall ums Leben gekommen sei, wäre in den letzten 48 Stunden dem eiskalten Atlantikwasser zum Opfer gefallen, hieß es. Begonnen hatten die Sucharbeiten am Montag bereits vor Anbruch der Morgendämmerung: Die südafrikanische Luftwaffe hatte aus Kapstadt eine mit modernster Technologie ausgerüstete Boeing 707 und eine Hercules C-130 in das Unglücksgebiet entsandt.Zudem beteiligte sich eine im zentralafrikanischen Gabun stationierte französische Transall an der Suchaktion. Obwohl von vornherein wenig Hoffnung auf Überlebende bestand und alles auf einen Zusammenstoß der Flugzeuge in großer Höhe hindeutete, waren im Laufe des Montags wiederholt Berichte aufgekommen, die den Hinterbliebenen Mut machten: Von dem Notruf einer deutschen Stimme wurde berichtet, die eine Position genannt und von "anderen Passagieren" gesprochen habe.Wenig später stellte sich jedoch heraus, daß das angeblich von dem französischen Suchflugzeug aufgefangene Notsignal nicht von einem der vermißten Flugzeuge stammte.Es sei vielmehr von einem an der Suchaktion beteiligten Boot oder Flugzeug ausgegangen, wurde kleinlaut eingestanden. Als ebenso gegenstandslos erwies sich wenig später auch die Meldung des französischen Suchflugzeugs, in dem Absturzgebiet per Echolot ein "kleines Boot" geortet zu haben.Beobachter begannen nun sichtlich erregt nach Sinn und Nutzen solcher Mitteilungen zu fragen.Die Meldungen würden in die Welt gesetzt, noch bevor sie auch nur ansatzweise verifiziert worden seien, monierte ein deutscher Diplomat.Dabei war auch den Franzosen bekannt, daß sich in dem Unglücksgebiet neben den Einsatztruppen auch mehrere Segelboote und Fischtrawler aufhielten, die nichts mit der Suche zu tunhatten. Über die Unglücksursache selbst bestanden am Montag kaum noch Zweifel: Allem Anschein nach kollidierte die Tupolew TU-154 der Bundesluftwaffe etwa 250 km vor der Mündung des angolanisch-namibischen Grenzflusses Kunene über dem Meer mit einem amerikanischen Transportflugzeug, das sich zur selben Zeit auf dem Weg von Windhuk nach Ascension befand.Dabei kamen offenbar alle 24 Insassen der deutschen Maschine und die neun Besatzungsmitglieder des amerikanischen Transportflugzeugs vom Typ Starlifter ums Leben. Der plötzliche Zusammenstoß dürfte auch erklären, weshalb weder das deutsche noch das amerikanische Flugzeug irgendein Notsignal aussandten.Allerdings soll ein Satellit der südafrikanischen Luftaufklärung zur Unglückszeit im Grenzgebiet zwischen Angola und Namibia einen Blitz registriert haben. Nach Expertenangaben hätte es kaum eine Chance gegeben, die Katastrophe im letzten Moment zu verhindern.Wenn sich der angebliche Fliegendreck vor der Cockpitscheibe als ein entgegenkommendes Flugzeug erweist, hat ein Pilot für gewöhnlich noch genau drei Sekunden Zeit zum Ausweichen, hieß es gestern aus Fachkreisen.Doch bei großen Maschinen, wie etwa bei der Massenträgheit eines amerikanischen Starlifters, hat das Manöver selbst bei schnellster Reaktion praktisch keine Erfolgschance.Unklar ist jedoch, weshalb sich die Maschinen auf ihren Radars nicht vorher sahen und ein Ausweichmanöver einleiteten. Ein besonderes Problem sind derweil die Größe des Seegebiets, über dem die beiden Flugzeug verschwanden sowie die starken Meeresströmungen.Der eisig kalte Benguela-Strom, der die afrikanische Westküste von Süd nach Nord hinauffließt und etwa in Höhe des Äquators nach Südamerika abzweigt, könnte wichtige Material- und Wrackteile mit sich forttragen.Dies würde die Sucharbeiten erheblich verzögern. Eine systematische Luftraumüberwachung wie etwa in Europa oder Nordamerika, gibt es über dem vermutlichen Absturzgebiet nicht.Radarmäßig ist der Bereich nach den Worten eines südafrikanischen Experten ein "großer weißer Fleck".Das bedeutet, daß sich die Piloten von einem Funkfeuer zum nächsten tasten und dort ihre Positionsmeldung in Abständen von mehr als einer Stunde durchgeben müssen.Der letzte Kontakt erfolgte im Fall der Bundeswehrmaschine zur Kontrollstelle im ghanaischen Accra.Der nächste Kontakt hätte zum angolanischen Luanda erfolgen müssen.Er kam nie zustande.

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