Welt : Schwitzen auf Pfählen

Christoph Schlingensief will mit seiner Lebend-Installation „Kirche der Angst“ auf der Biennale in Venedig nur aufrütteln, nicht provozieren. Sagt er

Christina Tilmann[Venedig]

Sie hocken auf hölzernen Pfählen und schwitzen: Sieben Freiwillige, die Christoph Schlingensief für die Biennale in Venedig angeheuert hat. Gleich am Eingang der Giardini, dort, wo jeder Biennale-Besucher ankommt, hat der Berliner Regisseur Baumstämme mit grünen Plastikstühlen darauf aufgestellt, darüber weiße Regenschirme. Dort sitzen sie nun, lesen, dösen, meditieren, 24 Stunden am Tag: ein dicker Mann im roten Hemd, ein Mädchen, das von seiner erhöhten Position aus zeichnet, ein Junge, der ein Buch liest.

Berlin in die Luft sprengen

„COP“ meint man auf ihren T-Shirts und Kappen zu lesen, schwarzen T-Shirts, wie sie auch Christoph Schlingensief trägt. Allein, es heißt „COF“, „Church of Fear“. Mit der Polizei hätte der Regisseur dennoch fast zu tun bekommen: Seine Vereinigung, die bislang aus neun Mitgliedern besteht und am 20. März gegründet wurde, versteht sich als „Internationale Vereinigung aller Terrorgeschädigten“, sagt dem „Terrormonopol der Macht“ den Kampf an und fragt auf ihrem Flugblatt unter anderem: „Planen Sie eine terroristische Tat?“ Über eine Internetaktion kann sich jeder zu einer Tat entschließen, und sei es zu dem Plan, Berlin in die Luft zu sprengen. Der Auftrag erfolgt per SMS. Nun wird das Flugblatt nur auf Nachfrage verteilt und die Homepage der „Church of Fear“ läuft über Libyen.

Dennoch gibt sich Schlingensief diesmal ganz handzahm. Es sei eine ruhige, meditative Aktion, die hier in Venedig ihren Prototyp erlebe, bevor sie nach Köln, Frankfurt und Wien weiterwandere. Er habe keine spezielle Kritik der italienischen Politik beabsichtigt, keine Provokation wie damals in Wien, als er Asylbewerber in Container sperrte. Was er will, ist auf das universelle Problem „Angst“ aufmerksam machen – auch und gerade wo es durch Politik geschürt wird. Und eingeladen sind alle: Die Säulenheiligen, die 24 Stunden auf ihren Pfählen ausharren, haben ihre Angst-Beichten schon abgelegt, für alle anderen steht im Arsenale-Gebäude im Bereich der von Hans Ulrich Obrist kuratierten „Haltestelle Utopia“ eine kleine weiße Holzkirche zur Verfügung. Die Pfahlsitzer und die Holzkirche, das sei wie Alpha und Omega, freut sich Schlingensief und macht sich auf zur Beichte.

Eine „Kirche der Angst“ in der Stadt der mehreren Hundert Kirchen mag allein schon eine Provokation sein, wie sie dem Berufsprovokateur Schlingensief gefällt – auch wenn sich in den ersten Tagen der Biennale so recht niemand darüber aufregen mochte. Auffälliger ist, wie hervorragend Schlingensiefs Aktion in den Kontext der Kunstbiennale passt: Nur wenige Meter von den Pfahlsitzern entfernt, im Spanischen Pavillon, zeigt der inzwischen in Mexico City lebende Santiago Sierra eine seiner Aktionen – und siehe: Sierra und Schlingensief sind Brüder im Geiste. Beide muten sie ihren Freiwilligen ermüdende Arbeiten, demütigende Stellungen und sinnlose Aufgaben zu – und weisen damit auf die Spannung zwischen Arbeit und Menschenwürde hin.

Santiago Sierra, der Menschen dafür bezahlte, sich eine Linie auf den Rücken tätowieren zu lassen, stundenlang in einem Pappkarton auszuharren oder sich die Haare blond zu färben, ist getrieben von dem starken Arm-Reich-Gefälle seiner Wahlheimat Mexico. Schlingensief kommt eher aus der Medienwelt, spielt mit der Erfahrung, dass für ein bisschen Aufmerksamkeit jeder Mensch bereit scheint, sich zum Affen zu machen: Sich auf der Bühne vorführen zu lassen, hoffnungslosen Parteien beizutreten oder eben tagelang auf einem Baumstamm zu verharren.

Sieben Tage sitzen

Ob Schlingensiefs siebentägige Aktion in der hitzesatten Atmosphäre Venedigs ähnlich Funken schlägt wie der Asyl-Container damals in Wien, mag man bezweifeln. Vielleicht wäre das Thema Fremdenfeindlichkeit und Asylpolitik auch in der selbst ernannten „Republik Padanien“ aktueller als die Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche. Schon jetzt aber kann man sagen, dass die Aktion „Kirche der Angst“ mehr Diskussionspotenzial in sich trägt als der von Julian Heynen mit Martin Kippenberger und Candida Höfer so klassisch bestückte Deutsche Pavillon.

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