Sechs Monate nach dem Beben : Haiti: Das Leben nach dem Tod

Port-au-Prince sechs Monate nach dem großen Beben: Die Stadt und der Staat liegen in Trümmern. Doch die Haitianer finden beharrlich und mit Fantasie in ihren Alltag zurück.

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Fast 40.000 Gebäude stürzten in Port-au-Prince ein, doch die Haitianer halten sich inmitten von Schutt und Staub tadellos. Die Kleider peinlich sauber, die Schuhe poliert, die Haare frisch frisiert.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Philipp Lichterbeck
12.07.2010 17:40Fast 40.000 Gebäude stürzten in Port-au-Prince ein, doch die Haitianer halten sich inmitten von Schutt und Staub tadellos. Die...

Vier Männer sitzen auf dem Gehweg, vor ihnen stehen Eimer mit Blumensträußen: Gladiolen, Margeriten, Kamille. Die vier lächeln, sie müssen irre sein. Denn wer um alles in der Welt kauft Blumen in Port-au-Prince?

Die Stadt ist vor sechs Monaten eingestürzt. 300 000 Menschen wurden erschlagen oder zerquetscht. Tausende haben Arme oder Beine verloren, viele den Verstand. Anderthalb Millionen Menschen sind obdachlos und hausen seit Monaten in Zeltstädten, ohne Strom, fließend Wasser und Perspektiven.

Aber die Blumenhändler verstehen die Frage nicht. „Absurd? Das Leben geht doch weiter“, sagt Jonathan, einen Bund Rosen in der Hand. „Samstags wird geheiratet, da brauchen die Leute Blumen.“

Port-au-Prince, aktuelle Einwohnerzahl unbekannt, galt im Rest der Welt schon vor dem Erdbeben am 12. Januar als hoffnungsloser Fall, elend und verarmt. Nach der Katastrophe befürchteten viele, dass nun der Kampf ums nackte Überleben beginne, wie Berichte über Plünderungen, Gangs und ausgesetzte Babys zu bestätigen schienen. Bilder von gewalttätigen und verzweifelten Menschen bestimmten die Nachrichten. Doch wer Port-au-Prince besucht, dem wird etwas anderes auffallen: die Lebensbejahung, Hartnäckigkeit und Solidarität seiner Bewohner. Und das, obwohl der Wiederaufbau noch nicht begonnen hat und erst zwei Prozent der international zugesagten 4,2 Milliarden Euro eingetroffen sind, wie die UN beklagen.

Zwischen dem gehobenen Stadtteil Pétionville in den Bergen und dem Zentrum am Meer windet sich die Avenue John Brown in Serpentinen hinab. Von den Einheimischen nur Lalue genannt, ist sie die Hauptschlagader der Stadt. Es ist acht Uhr morgens, und auf dem Gehweg haben sich bereits Schuhputzer, Seifenmacher und Köhlerinnen eingerichtet. Bäuerinnen balancieren Körbe mit Karotten auf dem Kopf, Mädchen verkaufen Kaugummis. An einer Ecke türmt sich ein Berg mit Mangos, an einer anderen reihen sich Pappkartons mit dem haitianischen Weltklasse-Rum Barbancourt. Jeder hier ist ein kleiner Unternehmer, alle zusammen sind sie das Rückgrat Haitis.

Dann wird der Weg von Müll versperrt, die Passanten springen über stinkende Pfützen und metertiefe Gullis. Also laufen sie auf der Straße. Die teilen sie sich mit den bunt bemalten Sammeltaxis, den Tap-Taps. Mit Diesellastern. Mit den weißen Toyotas der Hilfsorganisationen und den Geländewagen der reichen Haitianer, die aus ihren Anwesen hinunter ins Zentrum fahren. Dazwischen kurven unzählige Motorradtaxis.

In einer Seitengasse hebt Elion Nuna seine Säge. Er legt sie an ein Brett an und zieht mit kräftigen Zügen durch. „Wird eine Tür“, sagt der Zimmermann, dessen entblößter Oberkörper nur aus Muskeln und Sehnen zu bestehen scheint. Weil seine Werkstatt zusammengebrochen ist, betreibt der 51-Jährige sein Geschäft nun unter freiem Himmel. Gleich dahinter hat er drei Holzhütten gezimmert: für seine 14 Kinder, seine dritte Frau und ihre beiden Schwestern. Eine von ihnen kocht auf einem Feuer Ziegenfleisch-Suppe für die Passanten. Alles wird ausprobiert, um etwas Geld zu verdienen. Denn Nuna verkauft zurzeit so gut wie keine Möbel. Er gehört zu den laut CIA-Factbook 80 Prozent armen Haitianern, die mit weniger als einem Euro am Tag auskommen müssen. Und das in einer Stadt, in der die Busfahrt schon 25 Cent kostet und wo die Preise seit dem Beben exorbitant gestiegen sind. Zeitweise kostete eine Flasche Trinkwasser im Zentrum um die 10 Dollar. Doch Nuna klagt nicht.

Was er von der Regierung erwarte? „Welche Regierung?“, fragt Nuna, „wir machen alles selbst“. So denken viele Haitianer. Sie trauen ihrer Führung nicht, sie vertrauen sich selbst. Was bleibt ihnen auch anderes übrig? Schon lange galt Haiti als gescheiterter Staat. Mit dem Beben aber hat er aufgehört zu existieren.

Der sichtbarste Ausdruck dafür ist der Präsidentenpalast, der noch immer so zerbrochen daliegt wie am Tag nach dem Beben. Passend dazu ist Präsident Réne Préval seit Monaten so gut wie abgetaucht. Bitter beklagt er sich, dass andere die Macht im Land übernommen hätten, allen voran die USA und die internationalen Organisationen, die nicht mit ihm kooperierten, sondern ihre Hilfsmaßnahmen an der Regierung vorbei organisierten. Aber die meisten Haitianer sind vor allem wütend auf Préval, den sie für unfähig und korrupt halten. Nur während der Fußballweltmeisterschaft flauten die täglichen Demonstrationen gegen den Präsidenten etwas ab. Doch auch sämtliche Ministerien sind eingestürzt, darunter der Justizpalast, in dem viele Richter und Anwälte umkamen. Nicht zuletzt gilt auch die Polizei nicht erst seit dem Beben als ineffizient. Und dennoch ist in Port-au-Prince nicht der Kampf aller gegen alle ausgebrochen. Zwar gab es in den ersten Tagen nach dem Beben Plünderungen, aber was erwartete man eigentlich von Menschen, die tagelang nichts zu essen hatten? Erstaunlich ist etwas anderes: Wie viele Haitianer in den Trümmern gemeinsam nach Nachbarn suchten; wie die Bewohner ganzer Blocks die Verteilung von Hilfsgütern koordinierten; wie Ärzte spontan Praxen in ihren Häusern eröffneten.

„Im Westen glaubt man gerne, die Haitianer seien völlig hilflos“, sagt Timothy Schwartz. Der US-Anthropologe lebt seit 20 Jahren in Haiti und erlebt immer wieder, wie ausländische Helfer wegen dieses Vorurteils über die Köpfe der Leute hinweg entscheiden. „Sie scheitern alle.“ Als vor kurzem etwa der US-amerikanische Saatgut-Konzern Monsanto 475 Tonnen Mais- und Gemüsesamen spendete, kam es zum Aufruhr. Die Nationale Bauernbewegung lehnte die Spende als „Angriff auf die haitianischen Kleinbauern und die Umwelt“ ab. Es wurde befürchtet, dass Monsanto modifizierte Samen nach Haiti geschickt habe, um die Bauern in die Abhängigkeit von dem Unternehmen zu treiben. Auf Demonstrationen drohten Tausende Bauern damit, die Hilfslieferung zu verbrennen.

Wenige Blocks von Nunas Schreinerwerkstatt entfernt hobelt ein Mann Eis. Er raspelt die Späne von einem Block in einen Plastikbecher und gießt roten Sirup drüber. Das Eis färbt sich, knackt und schmilzt. Drei junge Frauen in Jeans und Spaghetti-Tops löffeln lässig an die Wand gelehnt ihr „fresco“, die haitianische Speiseeis-Variante. Sie studieren im Institut des Hautes Etudes Commerciales, einer Handelshochschule, die am 12. Januar einbrach. Der Rektor kam dabei ums Leben. Nun hat der Unterricht unter Wellblechdächern wieder begonnen. Rose, Darling und Jessica sind privilegiert, zumindest gehören sie zu der Hälfte der Haitianer, die lesen und schreiben kann.

Doch die drei reden nur zögerlich. Wie viele Haitianer sind sie misstrauisch gegenüber Fremden, „die so oft nach Haiti gekommen sind, um uns auszubeuten“, wie Rose formuliert. Erst in der vergangenen Woche seien „Weiße“ da gewesen und hätten wahllos Fotos gemacht. Nun gibt es eine Studentengruppe, die verhindern will, dass sich Haitianer von Ausländern fotografieren lassen. Doch das findet Rose übertrieben. Dass ihre Ausbildung zur Buchhalterin nun quasi im Freien stattfindet, stört sie nicht. „Hauptsache, es geht mal voran!“

Je weiter man die Rue Lalue hinunterläuft und sich dem Zentrum von Port-au-Prince nähert, umso heftiger wird die Zerstörung. Aber sie folgt keiner sichtbaren Logik: Massive Bauten sind eingestürzt, fragil erscheinende Häuser stehen noch. Auf einem Trümmerberg schmeißen sich 60 Jugendliche Betonbrocken zu, diese landen auf der Straße, von wo sie mit Baggern weggeräumt werden. Als sie die Kamera sehen, schnappen sich einige Jungs Schaufeln und geben eine Luftgitarrenvorführung. Dann deuten sie auf ein Knäuel im Schutt.

Erst bei genauem Hinsehen erkennt man den halb verwesten Körper eines Mädchens. In die Haare hatte jemand bunte Kugeln eingeflochten. Ein Junge sagt, dass er die Leiche vor zwei Tagen entdeckt habe und dass das Bestattungsteam auf sich warten lasse, „jetzt haben wir uns an sie gewöhnt“. 100000 Leichen werden noch unter den Trümmern vermutet.

Jeder Jugendliche hier bekommt für seine Arbeit 4,50 Euro von US-Aid, der Hilfsorganisation der US-Regierung. Man wolle den Menschen lieber Geld bezahlen als Lebensmittel aushändigen, sagt ein haitianischer Vorarbeiter. Denn es fehle in Port-au-Prince mit seinen vielen Bauernmärkten nicht an Essen, wie viele glaubten, sondern an Kaufkraft.

Kurz bevor die Rue Lalue aufs Meer trifft, wird sie vom Boulevard Dessalines gekreuzt, der „Grand Rue“, die parallel zur Bucht verläuft. Das Beben hat fast die gesamte Straße abgeräumt und eine kilometerlange Schuttwüste hinterlassen. Darüber wirbeln Schwaden von Betonstaub. Doch die meisten Passanten halten sich tadellos. Ihre Kleider sind sauber, die Schuhe geputzt, die Haare frisiert. Es ist, als ob die Menschen versuchten, das allgemeine Chaos durch eine persönliche Ordnung auszugleichen. An einer Bushaltestelle warten 40 Mädchen in minzgrünen Schuluniformen. Mit großen Augen beobachten sie eine Frau, die einen Korb mit Truthähnen auf dem Kopf trägt. Sie schreitet aufrecht wie ein Model und verliert auch nicht die Haltung, als ein Mann, splitternackt und mit Lehm beschmiert, sie anbrüllt. Dass hier nicht mehr Menschen verrückt geworden sind, ist erstaunlich.

Auch André Eugènes Grundstück wirkt auf den ersten Blick wie das Reich eines Wahnsinnigen. Auf seinem Hof ragt eine Statue aus Metallteilen und menschlichen Schädeln meterhoch in den Himmel. Dahinter steht ein Holzverschlag, mittendrin André Eugène. Der 51-Jährige ist einer der bekanntesten Künstler Haitis. Er hat die Künstlergruppe Atis Rezistans gegründet, die schon in New York, London und Paris ausgestellt hat, nun steht eine Schau in Mailand an. Den Metallschrott für seine Figuren bezieht Eugéne von den Autowerkstätten der Gegend, die Knochen findet er in ausgetrockneten Flussbetten. Zusammenmontiert ergeben sie eine berstende Mischung aus Katholizismus und Voodoo, Sexualität und Spiritualität, Horror und Humor. Nebenan schnitzt ein Kollege von den Atis Rezistans, den „Widerstandskünstlern“, an einer Holzfigur. „Die Jungfrau Maria“, sagt er. In ihre Wangen hat er Nägel geschlagen. Der Nagel stehe seit der Kreuzigung Christi für Schmerz und Kraft. „Er ist das Symbol Haitis.“

Einige Gehminuten entfernt strahlt Eli Sully übers ganze Gesicht. Er trägt Latzhosen zu Sandalen und freut sich, dass „ein Tourist“ kommt. Sully, der einen Heimwerkermarkt betreibt, hat beim Beben einen Sohn verloren, der in der Schule war, die wie die meisten öffentlichen Gebäude zusammenbrach. Er selbst rettete sich durch einen Spurt auf die Straße. Nun verkauft er seine Baumaterialien unter einem Hausvorsprung.

Es ist viel los bei Sully. Zwischen Schrauben und Stahlstreben spielen Bekannte Domino und hören Radio. Gerade erläutert ein Moderator das schwierige Verhältnis zur Dominikanischen Republik. Die Sendung löst eine Diskussion darüber aus, ob Dominikanerinnen oder Haitianerinnen schöner seien. Einig ist man sich, dass Amerikanerinnen keinesfalls schön sind. „Zu weiß“, sagt Sully. Offensichtlich also hat er viel Zeit, was erstaunlich ist für den Besitzer eines Werkzeugladens in einer kaputten Stadt. „Es wird noch nichts gebaut“, sagt der 44-Jährige.

Doch ob Sully, der Zimmermann Nuna oder die Wirtschaftsstudentin Rose jemals vom Wiederaufbau profitieren werden, ist zweifelhaft. Globalisierungskritiker schlagen bereits Alarm, weil westliche Konzerne sich das Aufbaugeschäft mithilfe der kleinen korrupten haitianischen Elite unter den Nagel reißen. „In einigen Jahren werden hier einige Leute eine zweite oder dritte Villa haben und noch dickere Autos fahren“, sagt Haiti-Experte Timothy Schwartz ohne Sentimentalität voraus. Schon jetzt haben die 10 Prozent der reichsten Haitianer fast 50 Prozent der Einkommen, während den 10 Prozent der Ärmsten nur 0,7 Prozent bleiben.

Wenige Straßen liegen zwischen Sullys Laden und dem Champ de Mars. Die einst größte Parkanlage von Port-au-Prince ist heute eine riesige Zeltstadt. An einer Seite reihen sich Toilettenhäuschen, entlang der anderen Imbisse. Ein schwarzer Monolith ragt mitten aus dem Meer aus Zeltplanen heraus. In goldenen Lettern ist darauf Artikel 3 der haitianischen Verfassung von 1801 eingraviert: „In diesem Land darf es keine Sklaven geben.“ Genau davor liegt ein schwabbelndes Kunststoffkissen. Es ist ein Frischwassercontainer, der von Mädchen und Frauen mit Plastikkanistern belagert wird.

Das Innere des Camps gleicht einem Irrgarten. Man läuft unter Wäscheleinen hindurch und blickt den Menschen quasi direkt ins Wohnzimmer, das meist nur ein Matratzenlager ist. Vor einem Eingang döst ein Teenagerpärchen und raucht. Die beiden haben keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Man informiere sie nicht, sagen sie. Ob es Kriminalität im Camp gebe? „Nicht mehr als anderswo“, antworten die Jugendlichen. Man habe einen Sicherheitsdienst organisiert. Ein Nachbar ruft: „Wer klaut, wird erschlagen. Diebe trauen sich nicht rein.“

Die UN schätzen, dass in Port-au-Prince anderthalb Millionen Menschen in Zeltstädten leben. Die kleineren Camps werden von ihren Bewohnern in „comités“ verwaltet, die für Sicherheit sorgen und Lebensmittel verteilen. Weil das einigermaßen klappt, haben manche Familien begonnen, sich dauerhaft einzurichten. Woanders jedoch drängen Grundstückseigner die Obdachlosen hinaus. Weil gleichzeitig der Wiederaufbau noch nicht begonnen hat, droht die Situation zu eskalieren.

Wie gespannt die Lage ist, zeigt sich, als ein Pritschenwagen in einer Seitengasse stoppt. Vier brasilianische UN-Soldaten springen herunter und riegeln die Gasse ab. Sie tragen schusssichere Westen und haben die Finger am Abzug ihrer Gewehre. Die Verteilung von Stiften und Heften in einer Grundschule soll bewacht werden. Warum dafür schwer bewaffnete Soldaten nötig sind, wissen die Blauhelme selbst nicht. „Wir sind keine wilden Tiere“, schimpft prompt ein Losverkäufer los, „man muss uns nicht in Schach halten“.
Für den Anthropologen Timothy Schwartz ist diese Betonung des Militärischen typisch: „Im Westen betrachtet man Haiti als anarchisches Land voller Gewalttäter.“ Dabei habe Haiti die niedrigste Kriminalitätsrate der Karibik. Laut einer UN-Statistik beträgt die Mordrate hier nur ein Achtel von der in Washington.

Am Abend trifft man die UN-Soldaten, die schon seit 2004 als Teil einer UN-Stabilisierungsmission im Land sind, zufällig im Supermarkt wieder. Sie wollen einen Geburtstagskuchen für einen Kameraden kaufen. Doch sie sprechen kein Französisch, und so stellt sich erst nach langer Diskussion mit einem Angestellten heraus, dass es im Supermarkt gar keinen Kuchen gibt. Wie die Blauhelme mit ihren rudimentären Sprachkenntnissen brenzlige Situationen entschärfen, bleibt ein Rätsel.

Auf dem Rückweg, die Rue Lalue hinauf nach Pétionville, bricht die Nacht herein. Starker Wind kommt auf, und über dem Meer zucken gigantische Blitze. 20 Minuten später erreicht das Gewitter mit heftigen Regengüssen die Stadt. Die Bewohner von Port-au-Prince drängen sich in den wenigen Hauseingängen zusammen, die geblieben sind. Die Hurrikan-Saison hat begonnen. 16 tropische Stürme sind dieses Jahr für die Karibik vorhergesagt, davon fünf extrem schwere.

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