Welt : Second Life – Welt ohne Regeln

Ein US-Anwalt klagt vor einem realen Gericht gegen seine Enteignung im Netz

Sven Scheffler

Es herrscht Goldgräberstimmung und radikale Marktwirtschaft mit rasantem Wachstum bei Second Life, dem großen Internetspiel, bei dem Millionen von Menschen sich in einer virtuellen zweiten Welt bewegen. Sie können dort virtuell spazieren gehen, tanzen, Sex haben, sie können Grundstücke kaufen und wieder verkaufen, sie können Geschäfte eröffnen, sie können alles tun, was sie auch in der wirklichen Welt tun können. Täglich werden Transaktionen von mehreren Millionen Linden-Dollar getätigt, der offiziellen Währung in dieser Kunstwelt. Wer teure Anschaffungen tätigen will, muss reales Geld in Linden- Dollars tauschen.

Aber wie überall, wo viele Menschen in einer dynamischen Umgebung aufeinandertreffen, kommt es unweigerlich zu Reibungen. „Die Regeln und Strukturen, auf denen virtuelle Welten aufgebaut sind, erinnern heute eher an den Wilden Westen“, schreibt Tim Feld, Berater und Zukunftsforscher bei der auf das Internet spezialisierten Timelabs Management Consulting in Frankfurt.

So ein Wildwest-Fall beschäftigt nun die Gerichte. In dem Prozess zwischen Linden Lab, dem Betreiber des Spiels, und dem US-Anwalt Marc Bragg geht es um die Frage, auf welcher Basis Eigentumsansprüche geltend gemacht werden können. Eine elementare Frage jeder Volkswirtschaft. Worum geht es? Bragg klagt gegen die vollständige Enteignung durch Linden Lab. Bragg hat eine Lücke im System von Second Life ausgenutzt, um ein Stück Land unter Marktpreis zu erwerben und dabei mehrere Tausend US-Dollar in dieses Land investiert. Bei dem Versuch, es gewinnbringend zu veräußern, bemerkte Linden Lab den Schwindel und löschte Braggs Account kommentarlos, ohne dessen bisher in Second Life investiertes Kapital, rund 8000 US-Dollar, zu vergüten. Nun verklagt der Anwalt Linden Lab vor einem realen Gericht wegen eines Verstoßes gegen das „Consumer Protection Law“ und die „Pennsylvania Fair Trade Practices“.

„Linden Lab agiert als diktatorischer Herrscher, der, ungleich einem demokratischen Staat, im Spiel keiner übergeordneten Gerichtsbarkeit unterliegt“, schreibt Feld in seinem Report. Aber Linden Lab habe zum Start des Spiels garantiert, dass die Mitspieler reale Eigentümer der Produkte in Second Life werden und hat damit alle realen Probleme des heutigen Urheberrechts und Eigentumsschutzes in das Spiel gebracht. Wenn Bragg also tatsächlich Eigentümer des Landes war, hat Linden Lab ihn unwirksam enteignet. Der Fall wird kontrovers diskutiert. Er demonstriert, wie schnell sich Geldvermögen in der Lindenwelt in Luft auflösen können. In der Tat garantiert Linden Lab in seinen Allgemeinen Geschäftsbedingungen lediglich die Urheberrechte an in Second Life geschaffenen Dingen – das klammert Geldvermögen damit ausdrücklich aus.

„Mit den Geschäftsbedingungen schreibt sich Linden Lab einen Freifahrtschein für Enteignung oder Entwertung von in Second Life erworbenen Geldern aus“, sagt Risikokapitalberater Randolph Harrison, ein Spezialist auf dem Gebiet des Abschätzens von Risiken beim Eintreten in Online-Welten. Ein brisantes Thema: Ob die virtuellen Gewinne tatsächlich in echtes, reales Geld getauscht werden können, ist fraglich. „Man kann schnell ein Vermögen in Linden-Dollars aufbauen, das geht überraschend einfach“, sagt Harrison. „Aber wenn man tatsächlich seine Forderungen von anderen Mitspielern hat eintreiben können – was sich oft als ein enormes Problem herausstellt –, ist es nahezu unmöglich, größere Geldbeträge zurück in US-Dollar zu tauschen.“

In der autokratischen Gesellschaft von Second Life ist Linden Lab Alleinherrscher: Das Unternehmen kann Gesetze erlassen, ändern oder aufheben, wie es ihm gefällt. Dies gilt auch für den Wechselkurs des Linden-Dollars, denn die Liquidität hängt maßgeblich von Linden Lab ab. Second Life ist vom Wachstum abhängig: Tausende neuer Spieler pumpen täglich frische Dollars in den Kreislauf, nur eine kleine Gruppe kann ihren Profit in die Wirklichkeit retten. Endet der Zustrom neuer, zahlungsbereiter Spieler, bricht das System in sich zusammen. In der echten Welt ist so etwas zu Recht verboten.

Second Life bleibt, was es immer war: ein Spiel. Zur Goldmine wird es wohl nur für einige Junker und die Herren von Linden Lab.

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