Welt : Seehunde: Wieder im Visier

Die Vision ist für Tierfreunde barbarisch: Während der Seehund mit seinen großen schwarzen Knopfaugen am Strand liegt, peitscht ein Schuss durch die Luft. Ein Mann stiefelt durchs Watt und wirft die blutenden Kadaver in sein Boot. Dieses Horrorszenario malen Umweltschützer an der Westküste Schleswig-Holsteins, seit ein Tabu gebrochen wurde: Die Jagd auf Seehunde in der Nordsee wird wieder ernsthaft diskutiert.

Vor 13 Jahren hatte eine Epidemie mehr Seehunde dahingerafft, als eigentlich auf den Sandbänken in der Nordsee vermutet wurden. Von Island bis Pellworm starb mehr als ein Viertel der etwa 65 000 Tiere. Mit Handwagen zogen damals die Helfer los, um allein in Schleswig-Holstein 5800 Kadaver einzusammeln. Der von Umweltschützern propagierte Umwelt-GAU wurde bundesweit ein Thema. Später zeigte sich sich, dass nicht Wohlstandsdreck, sondern ein Virus Ursache der Epidemie war: Auch Seehunde können Staupe - eher bekannt bei Katzen und Hunden - bekommen.

Gegen den Meeressäuger die Flinte zu zücken, galt fortan als "Bambi-Mord". Kaum jemand wagte noch, gegen das 1974 verhängte Jagdverbot anzugehen. Früher war das Jagdrecht auf Seehunde noch vom Vater auf den Sohn vererbt worden. Heute dürfen nur noch 22 staatlich bestellte Seehundjäger ab und an die Waffe zücken. Knapp 500 Mal im Jahr drücken die Amtsjäger den Abzug durch und kassieren für jeden Gnadenschuss 70 Mark.

Die Beschränkungen sollen jetzt fallen, fordern die Fischer an der Nordsee. Sie verweisen auf die Bestände. Seit Jahren jagt eine Rekordmeldung die nächste. Mehr als 24 000 Seehunde tummeln sich im deutschen Wattenmeer. Allein an der Westküste Schleswig-Holsteins wurden in diesem Sommer 7534 Tiere gezählt, ein Achtel mehr Seehunde und sogar ein Viertel mehr Jungtiere als im Vorjahr. Hinzu kommen noch die im Moment der Zählung im Wasser schwimmenden Seehunde, die aus dem Flugzeug nicht erfasst werden. Einen "absoluten Rekord seit Beginn der Zählung" meldete das Kieler Umweltministerium begeistert. Doch die Fischer verweisen auf ihre leeren Netze. Immer weiter müssten die Männer rausfahren, um ihre Familien satt zu kriegen, klagt der schleswig-holsteinische Landesfischereiverband in Eckernförde. "Die Konkurrenz ist übermächtig und ohne Feinde", sagt Verbandschef Lorenz Marckwardt. Schwertwale gebe es schließlich vor Helgoland nicht. Bis zu fünf Kilo Fisch fresse jedes Tier am Tag. "Der Bestand muss halbiert werden", fordert der Fischerei-Funktionär. Dabei hält er von der in Niedersachsen vorgeschlagenen "Anti-Baby-Pille" wenig. "Die gehen doch an keine Köder, wenn frischer Fisch daneben schwimmt. Ohne Jäger läuft da nichts."

Halbierung der Seehund-Population, dass hatte keine zwei Monate zuvor auch in Dänemark für Schlagzeilen gesorgt. Der Verband der Amateurfischer forderte den Abschuss von 6000 der seit 1977 im Königreich geschützten Tiere. Doch die Behörden winkten schon einen Tag später ab. Für die Jagd gebe es weder Anträge "noch den politischen Willen".

Der Protest der Naturschützer geht direkt an die Fischer zurück. Überfischt hätten sie die Bestände, deshalb sei immer weniger im Netz. Vor allem die Gammelfischerei, das Fangen kleiner Fische zur Fischmehlproduktion, sei Schuld an der Misere. Fast zwei Drittel der Fänge würden gar nicht auf dem Teller landen. Die Angler "gucken nicht über ihren eigenen Fischtellerrand hinaus", sagt Umweltschützer Lothar Koch in Tönning.

Auch Schleswig-Holsteins Umweltminister Klaus Müller (Grüne) macht den Fischern keinen Mut. "Wer mit dem Finger auf Seehunde zeigt, vergisst, dass drei Finger auf ihn selbst gerichtet sind: Verantwortlich ist der Raubbau der Fischereiwirtschaft". Und der Grüne stellt klar: "Die Seehunde sind die heimlichen Wappentiere unserer Meere, die werden nicht abgeschossen - Punktum." In der Ostsee können die Meeressäuger kein Wappentier werden: Eine Ansiedlung von Kegelrobben vor Rügen wurde verhindert - von Fischern.

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