Seelsorge : "Die sprachlosen Opfer sind am schlimmsten dran"

Die Opfer von Brandkatastrophen haben oft nicht allein mit dem Verlust ihrer Existenzgrundlage zu kämpfen. Sie müssen auch mit dem psychischen Schrecken fertig werden. Hanjo von Wietersheim, Beauftragter für Notfallseelsorge der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, betreut bundesweit die Opfer noch am Unfallort. Was der Pfarrer dort erlebt, berichtet er im tagesspiegel.de-Interview mit Katrin Jurzig.

Hanjo von Wietersheim
Hanjo von Wietersheim: "Menschen reagieren sehr unterschiedlich."

Mit welchen menschlichen Reaktionen werden die Helfer am Unglücksort konfrontiert?



Die Opfer sind überwältigt. Gerade bei Bränden wird das Hab und Gut der Menschen oft vernichtet. Sie haben das Gefühl, dass ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Sie fühlen: Meine ganze Existenz geht hier in Rauch und Flammen auf. Es geht immer um das Gefühl des Verlorenseins gegenüber diesen Naturgewalten, die man da erlebt. Das ist eine Erfahrung, die viele Menschen heute nicht mehr kennen.

Was geht in einem Menschen vor, nachdem er aus einem brennenden Haus gerettet wird?

Er ist in einer Schockstarre, kann nicht fassen, was passiert ist. Er hat Angst um die Verletzten. Die Opfer müssen ihre eigene Lebensgefahr, die sie gerade überstanden haben, verarbeiten. Die direkte Konfrontation mit dem Tod ist eine sehr massive Bedrohung. Sie haben einfach Angst um die Zukunft. Sie fragen sich, wo bekomme ich all die verlorenen Sachen wieder her? Sind wir genügend versichert? Wie läuft es mit meiner Arbeit weiter, wenn ich keine Papiere mehr habe?

Was tun Sie in solchen Momenten?

Wir begleiten diese Menschen, lassen sie nicht alleine. Wir vermitteln ihnen: Es ist schrecklich, was passiert ist, aber du bist von Gott und den Menschen nicht verlassen.

Manche Überlebende sitzen apathisch da, andere laufen hektisch herum. Wie verhalten sich Menschen in extremen Situationen?

Sie reagieren sehr unterschiedlich.

Woran erkennen Sie, ob jemand psychisch ernsthaft in Gefahr ist?

In den ersten Stunden kann man das überhaupt nicht sagen. Eine Faustformel ist jedoch: Diejenigen, die ihre Gefühle ausdrücken, die schreien, weinen, die haben auch Möglichkeiten, damit umzugehen. Wer mit anderen darüber reden kann, seine Trauer ausdrückt, der verarbeitet so ein Ereignis. Menschen, die einfach nur still irgendwo sitzen, bei denen man oft denkt, die sind aber sehr gefasst, die halten wir für deutlich problematischer. Weil wir nicht wissen, wie sie das Ganze verarbeiten. Es kann natürlich sein, dass es sich um einen stillen Typ handelt, der sich bereits Gedanken macht, wie es weitergehen soll. Es kann aber auch sein, dass er bereits anfängt, dieses Erlebnis von seinem normalen Leben abzuspalten. Das wäre eine Vorform für eine spätere psychische Erkrankung.

Werden die Opfer automatisch weiter betreut?


Nein, sie müssen sich selbst um weitere Hilfe kümmern. Wir bemühen uns dann eher im technischen Bereich. Sagen, wo das Übergangsgeld herkommt; wo übernachtet werden kann; wo wir die Tabletten her bekommen, die jemand nehmen muss. Das sind die wirklichen Überlebenssorgen, die die meisten haben. Die psychischen Sachen kommen meistens eher später.

Wie sind die psychologischen Katastrophenhelfer ausgebildet?

Es gibt derzeit in Deutschland nur ganz wenige ausgebildete Psychologen, die an Einsatzstellen kommen. Das hat damit zu tun, dass man an der Einsatzstelle therapeutisch noch gar nicht tätig werden kann. Hier kann man die Menschen nur begleiten. Eine Therapie kann erst später einsetzen. Das machen professionelle Seelsorger wie Pfarrer, die viel Erfahrung in der Begleitung von Menschen in Krisensituationen haben. Auf der Seite der Rettungsorganisationen sind meist ehrenamtlich arbeitende Menschen im Einsatz.

Kann man nicht schon am Einsatzort psychologisch einem Trauma vorbeugen?

Wir hoffen immer, dass wir es können. Aber darüber gibt es noch zu wenig Informationen in der Forschung. Wie soll das auch geschehen? Man müsste Menschen mit den gleichen traumatischen Erfahrungen einmal helfen und einmal bewusst nicht helfen. Nach 15 Jahren müsste man dann das Ergebnis vergleichen.

Können denn auch die Seelsorger bei diesen Katastrophenszenarien immer die Nerven bewahren?

Manchmal ist die Belastung zu hoch, dann müssen wir uns selbst zurück ziehen. Einsätze mit Kindern sind extrem belastend oder wenn der Gestank von Verbrannten besonders schlimm ist. Man muss lernen, dass Leid der Menschen mit auszuhalten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar