Seeunglück : Hongkong - innerhalb weniger Minuten gesunken

Eine Fähre ist vor Hongkong mit einem Ausflugschiff kollidiert. 38 Menschen wurden bei dem Seeunglück getötet. Gegen den Kapitän der Fähre werden Vorwürfe erhoben, weil er weiterfuhr, ohne die Ertrinkenden vom Ausflugschiff zu retten.

Von Benedikt Voigt
Ein Kran hebt das gesunkene Ausflugschiff aus dem Wasser.
Ein Kran hebt das gesunkene Ausflugschiff aus dem Wasser.Foto: dpa

Am Montagabend saß der Lehrer Chris Head auf dem Oberdeck der Hongkonger Fähre „Sea Smooth“, als er kurz vor der Ankunft auf der Insel Lamma einen kräftigen Aufprall spürte, der ihn aus dem Sitz riss und auf den Boden warf. „Ich hörte diesen lauten Schlag und dachte, wir seien auf die größte Welle aller Zeiten getroffen“, berichtete der 58-Jährige der „South China Morning Post“. Wow, was ist passiert, habe er gedacht, „ich wusste nicht, ob wir einen Felsen, ein Riff oder einen Leuchtturm getroffen haben.“ Stattdessen war es die mit mindestens 124 Menschen besetzte Fähre „Lamma IV“.

Am Montagabend hat sich das schlimmste Unglück in Hongkonger Gewässern seit 40 Jahren ereignet. 38 Menschen, darunter fünf Kinder, kamen beim Zusammenstoß zweier Schiffe unmittelbar vor der beliebten Ausflugsinsel Lamma westlich von Hongkong Island ums Leben. Der Zusammenstoß hatte ein drei Quadratmeter großes Loch in das Schiffsheck gerissen, in das nach Augenzeugenberichten rasend schnell Wasser eindrang. Die „Lamma IV“ begann binnen Minuten zu sinken, bis nur noch der Bug aus dem Wasser ragte. „Ich sah, wie sie sich aufstellte und sank, genau wie die Titanic“, sagte der Lehrer Chris Head.

Während der Zusammenstoß bei den Passagieren auf der 20-Uhr-Fähre zwischen Central auf Hongkong Island und Yung Shue Wan auf Lamma nur einige leichte Verletzungen verursachte, kämpften die Menschen auf der „Lamma IV“ um ihr Leben. „Das Wasser stieg so schnell“, sagte eine Frau dem Sender „CNN“. „Wir dachten, dass wir sicher sterben werden.“

Die „Lamma IV“ war mit Angestellten und ihren Familien der Firma „Hongkong Electric“ besetzt, die das Feuerwerk anlässlich des chinesischen Nationalfeiertags vor Hongkong Island beobachten wollten. Die Stromversorgungsfirma betreibt auf Lamma ein weithin sichtbares Kohlekraftwerk. Die Insel mit ihren Stränden ist nicht nur bei Tagestouristen, sondern auch bei Ausländern als Wohnort beliebt. Innerhalb von 30 Minuten bringen die regelmäßig verkehrenden Fähren die Bewohner zu ihren Arbeitsplätzen auf Hongkong Island.

Hongkong rief eine dreitägige Trauer aus. Unterdessen begann die Suche nach der Ursache der Tragödie. Sechs Besatzungsmitglieder beider Fähren sind vorübergehend festgenommen und gegen Kaution wieder entlassen worden. Die Untersuchung könnte bis zu sechs Monaten dauern, sagte der Chef der Hongkonger Marine-Abteilung Francis Liu Hon-Por. Nach seiner Aussage sei das Wetter und die Sicht zum Unfallzeitpunkt gut gewesen. Eine mögliche Erklärung liefert der Internetnutzer „Hanbaobao“, der eine Stunde vor der Unglücksfähre auf Lamma ankam. Nach seiner Beobachtung hätten viele Boote der „Hongkong and Kowloon Ferry Holdings“ wegen des riesigen Touristenansturms am Nationalfeiertag große Verspätungen gehabt.

„Eine Untersuchung muss klären, ob diese Faktoren dazu geführt haben, dass die Crews überarbeitet, die Geschwindigkeit der Fähren erhöht und Abkürzungen genommen worden sind“, schreibt er auf „www.lamma.com.hk“. Zudem wird dem Kapitän der „Sea Smooth“ vorgeworfen, nicht lange genug an der Unglücksstelle verweilt zu haben, um Menschen zu retten. Stattdessen war die Fähre kurz nach dem Zusammenstoß in den nur wenige hundert Meter entfernten Zielhafen auf Lamma eingefahren. Ein Passagier der Fähre verteidigt diese Entscheidung: „In das Boot war sehr schnell Wasser eingedrungen, und es hätte, soweit wir wissen, auch sinken können, deshalb war es nicht in der Lage, eine Rettungsaktion durchzuführen.“

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