Segeln : Gladiatoren der See

Drama im Südpolarmeer: Beim Vendee-Globe-Rennen hat sich der Einhandsegler Yann Eliès schwer verletzt.

Kai Müller
Elies
Der verletzte Yann Eliès. -Foto: AFP

Sie sind speziell. Und sie wissen das auch. Wenn hunderttausende Schaulustige den Hafen ihretwegen säumen, um Einhandsegler wie Mike Golding, Michel Desjoyeaux oder Yann Eliès beim Aufbruch ins Ungewisse zu verabschieden, dann schwingt die Hoffnung mit, diese modernen Gladiatoren unversehrt wiederzusehen. Sie selbst allerdings bleiben am liebsten für sich. Allein auf ihren 18-Meter-Rennmaschinen, die mit enormem Tempo durch die abgelegensten Regionen der Erde rasen. Allein mit ihren Schwächen, ihrem Heimweh und Frust. Allein mit dem Lärm. Niemand da, der ihnen beistehen könnte.

Yann Eliès ist vor allem allein mit seinen Schmerzen. Der 34-jährige Teilnehmer der Vendee Globe Challenge brach sich vor zwei Tagen den Oberschenkelknochen, laut einer Ferndiagnose des Rennarztes. Eliès befindet sich an Bord der von ihm gesteuerten „Generali“ etwa 800 Meilen südlich von Australien. Zu dem Unfall kam es, als der Segler auf dem Vorschiff mit Vorbereitungen für einen Segelwechsel beschäftigt war. Sein Open-60-Boot bohrte sich mit dem Bug in eine Welle, stoppte ab und riss Eliès um. Der stürzte und prallte so unglücklich an Deck, dass es zur Fraktur kam. Unter starken Schmerzen kroch der Verletzte ins Bootsinnere zurück. Dort schiente er das Bein und schluckte Morphiumtabletten gegen die Schmerzen.

Es ist ein Albtraum. In einem führungslosen Segelboot zu liegen, mit der Außenwelt nur durch das Funkgerät verbunden, macht den Single-Hand-Sailor zum hilflosen Spielball der Elemente. Die australische Marine hat eine Fregatte zur Hilfe geschickt, die in den späten Nachmittagsstunden des Samstags bei dem Havaristen eintreffen soll. Geplant ist, Eliès zu bergen und ärztlich zu versorgen. Als eine Art psychologischer Geleitschutz ist bereits vor Ort Landsmann Marc Guillemot. Doch viel tun kann der bretonische Landsmann, der alle Hände braucht, um seine „Safran“ durch die hohe Dünung zu steuern, nicht. Undenkbar, bei eher stürmischen Bedingungen zu dem Verletzten überzusteigen, um nach ihm zu sehen. Lediglich ein paar Medikamente konnte er zu dem Versehrten ins Cockpit werfen. Dessen Knochenbruch birgt vor allem die Gefahr einer inneren Blutung. Der Segler könnte durch eine beschädigte Arterie innerlich ausbluten, ohne es zu merken.

So blickt die Segelwelt gebannt auf das Drama im „Grand Sud“, wie die Franzosen das Südpolarmeer nennen. Es bildet bislang den Höhepunkt in einem an spektakulären Szenen nicht eben armen Rennen. So sind von den im französischen Les Sables D’Olonnes gestarteten 30 Teilnehmern nach etwa der Hälfte der Strecke nur noch 18 im Rennen. Nach einer frühen Pannenserie in der Biskaya erwischte es einige Favoriten erst weit im Indischen Ozean. Vendee-Veteran Loïck Peyron lag in Führung, als ihm in einer schweren Gewitterböe der Mast abknickte. Dasselbe Schicksal ereilte Mike Golding, der einmal mehr seinen Traum zerplatzen sah, als erster Nichtfranzose diese legendäre Regatta zu gewinnen. Lange hatte sich der frühere Feuerwehrmann zurückgehalten und die erbitterten Positionskämpfe an der Spitze anderen überlassen. Dann kam seine Chance, Golding setzte sich vor die Konkurrenten und durfte sich sechs Stunden wie der kommende Sieger fühlen. „From hero to zero“, kommentierte er später trocken.

Unterdessen schreibt Michel Desjoyeaux an Bord seiner schneeweißen, minimalistisch konzipierten „Foncia“ einmal mehr Segelgeschichte. Dem wegen seiner leicht überheblichen, sachlichen Art ungeliebten Ausnahmesegler und Vendee-Sieger von 2000 könnte tatsächlich bei diesem maritimen Marathon-Sprint eine Sensation gelingen: zum zweiten Mal in der Geschichte des Rennens als Sieger anzukommen. Zu souverän hat „Le Professeur“ mit Kurslinien, die kaum je Wankelmut zeigen, und trotz eines anfänglichen Rückstands von drei Tagen die Führung erobert, als dass ihm ein Widersacher gefährlich werden könnte. Sein Boot, das zur jüngsten Open-60-Generation zählt, scheint als Einziges einen deutlichen Geschwindigkeitsvorteil gegenüber der Konkurrenz zu besitzen.

„Wir lassen es langsam angehen“, sagt Vincent Riou bei der mittäglichen Funkkonferenz. „Solange Eliès nicht versorgt ist, riskieren wir nichts.“ Der letztmalige Sieger beschreibt, wie schwer das Los eines Einzelnen aufs Gemüt der Einzelgänger drückt. Da im Süden Eisberge lauern, hat Riou gewendet. Die kann er jetzt nicht auch noch gebrauchen.

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