Segelregatta : Everest der Meere

Die Vendée Globe Challenge gilt als die brutalste Regatta der Welt. In diesem Jahr sind 30 Skipper am Start.

Kai Müller
Segler
In Schieflage. Der französische Einhandsegler Yann Elies mit seinem Boot. -Foto: AFP

Im Prinzip ist die Sache ganz einfach: ein Mensch, ein Boot und ein Ziel, das an den Ausgangspunkt der Reise zurückführt. Aber auch bei der Vendée Globe Challenge, die am Sonntag im französischen Les Sables D’Olonne unter den Augen von 300 000 Schaulustigen gestartet wurde, ist das Einfache schwer zu erreichen. Sie gilt als „brutalste Regatta der Welt“, als der „Everest der Meere“. Drei Monate wird die Elite der Einhandsegler einmal nonstop um den Globus jagen. Seit das Hochseespektakel 1989 zum ersten Mal ausgetragen wurde, sind zwei Teilnehmer spurlos verschwunden, etliche erlitten Schiffbruch. Es heißt, um dieses Rennen zu gewinnen, müsse man erst mal ankommen. 30 Skipper, darunter zwei Frauen, haben es diesmal immerhin bis zur Startlinie geschafft. Beinahe doppelt so viele wie üblich.

Nie zuvor wurde so viel Sponsorengeld in die globale Hetzjagd gepumpt. Über die Hälfte der Teilnehmer kann auf nagelneue Open-60-Jachten zurückgreifen. Kostenpunkt: Vier bis fünf Millionen Euro pro Stück. Die lockeren Designregeln haben eine Klasse dünnwandiger Fiberglas-Carbon-Konstruktionen hervorgebracht, das Radikalste und Fortschrittlichste, was es unter Segeln gibt. Mit Gleiteigenschaften eines Surfbretts, drehbaren Profilmasten, schwenkbaren Ballastkiels, Schiebedächern und über Internet abrufbaren Wetterdaten erreichen die 18-Meter-Racer Durchschnittsgeschwindigkeiten von mehr als 20 Knoten, das entspricht 36 Stundenkilometern. Längst tummeln sich patente Großdesigner wie der Amerikaner Bruce Farr in der traditionell von französischen Seglern dominierten Open-60-Szene und nutzen den Hochleistungssektor für Ideen, die sich später auch im breiten Segelsport durchsetzen könnten.

Doch für einige ist der 27 000 Meilen lange Ozeanmarathon schon nach wenigen Stunden vorbei. „Diese Nacht wird die Jungs von den Männern trennen“, hatte Extremsegler Alex Thomson mit Blick auf den heraufziehenden Herbststurm in der Biskaya orakelt. Und tatsächlich, acht Segler kehrten mit ramponierten, teils entmasteten Jachten nach Les Sables D’Olonne zurück, dem einzigen Ort, an dem sie Hilfe annehmen und noch einmal von vorne beginnen dürfen. Auch Alex Thomson war darunter.

Der Mitfavorit meldete einen Wassereinbruch. Der Schaden könnte auf die Kollision mit einem Fischerboot zurückgehen, das der rasanten, schwarz lackierten „Hugo Boss“ drei Wochen vor dem Start auf einer Trainingsetappe in die Seite gefahren war. Zwar wurde das fünf Quadratmeter große Loch im Rumpf repariert und auch der abgeknickte Mast ersetzt. Doch könnte der Zusammenprall Risse in der Struktur verursacht haben, durch die nun Wasser ins Bootsinnere drang. Der Blondschopf musste aufgeben. Mit Katastrophen kennt sich der 33-jährige Brite aus. Mehrfach stand der für seinen rücksichtslosen Segelstil bekannte Shootingstar schon vor dem Aus. Bei seinem ersten Versuch, die Vendée Globe zu gewinnen, riss er sich vor vier Jahren das Deck auf und musste abbrechen. Beim anschließenden Velux 5 Oceans Race, das in Etappen um die Erde führte, kippte sein Boot nach einem Kielschaden auf die Seite und richtete sich nicht wieder auf. Thomson gab die hilflos driftende Rennmaschine im Südozean auf. Schließlich wurde ihm von seinem Sponsor ein neues, auf ihn zugeschnittenes Schiff finanziert. Dessen Potenzial lotete der wagemutige Skipper vergangenen Winter aus, als er den 24-Stunden-Rekord für Einrumpfboote auf mehr als 500 Seemeilen hochschraubte.

Davon sind Thomsons Konkurrenten noch weit entfernt. Nach Abklingen des Sturms rauschte die dezimierte Armada entlang der portugiesischen Küste nach Süden, passierte Madeira und die Kanarischen Inseln und kommt nun in den Genuss der Passatwinde. Die Führung hält Vendée-Veteran Loïck Peyron. Auf seiner Gitana 80 hält er die jüngeren Verfolger auf Abstand. 14 Meilen beträgt sein Vorsprung. Peyron hatte beim ersten Vendée Globe schon einmal zu den Titelaspiranten gezählt. Damals vertrieb er sich die Zeit an Bord mit dem Hören von Klavierkonzerten, wurde Zweiter und rettete einen Kollegen von dessen gekentertem Boot. Nach einem verpatzten Start vier Jahre später verlegte sich der Technikfreak jedoch auf Trimarane, mit denen er Segelgeschichte geschrieben hat.

Dass der Mann nun ergraut in den Open-60-Zirkus zurückgekehrt ist, hat mit Leuten wie Thomson, Josse und Beyou zu tun. Eine Reihe von nationalen und transatlantischen Wettkämpfen hat eine junge Generation von Profis hervorgebracht, die ihre empfindlichen Formel-1-Geräte blind beherrschen. Länger als 15 Minuten dürfen die Piloten in ihren nassen Hightech-Cockpits nicht schlafen. Sie nehmen Astronautennahrung zu sich. Aus Gewichtsgründen fehlt eine Bordtoilette. Beim Wechseln der Segel reißt ihnen das steife Kunststofftuch die Haut von den Händen. Eisberge kreuzen ihren Weg und Orkane peitschen sie mit einer solchen Wucht durch das aufgewühlte Meer, dass selbst die Besten verzweifeln. Trotzdem stellt die Vendée Globe für sie nicht mehr den ultimativen Karrieregipfel eines Seglerlebens dar, sondern den Höhepunkt einer Saison.

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