Segelrennen : Der Letzte wird der Erste sein

Nicht beirren lassen – mit der Devise gewinnt Michel Desjoyeaux am Sonntag das härteste Segelrennen der Welt.

Kai Müller
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Der mit den Wellen tanzt. Die lange zurückliegende „Foncia“ ist jetzt nicht mehr einzuholen. Foto: AFP

„Gebt nicht mir die Schuld, wenn es nicht spannender ist“, erklärte Roland Jourdain vor ein paar Tagen resigniert, „es ist Michels Fehler.“ Da hatte der beim Vendée-Globe-Rennen an zweiter Position segelnde Jourdain die Hoffnung aufgegeben, seinen Landsmann auf ihrer Wettfahrt um den Erdball noch einzuholen. Tatsächlich ist der Sinn für Dramatik das Einzige, was bei Michel Desjoyeaux unterentwickelt ist. Am heutigen Sonntag wird er uneinholbar als Erster die Ziel linie im französischen Les Sables D’Olonne überqueren. Damit wird er geschafft haben, was noch keinem gelungen ist: den legendären Nonstop-Marathon zweimal zu gewinnen – nach 2001, als er knapp vor der Engländerin Ellen MacArthur und dem drittplatzierten „Véolia“-Skipper Jourdain triumphierte.

Dabei sah es für den kühlen Strategen zu Anfang gar nicht gut aus. Ein technischer Defekt zwang Desjoyeaux kurz nach dem Start Anfang November, an den Ausgangspunkt zurückzukehren. Erst vierzig Stunden später ging er erneut ins Rennen. Da war bereits ein Sturm über die Flotte hinweggefegt und hatte die ersten Favoriten zur Aufgabe gezwungen. Aber die Spitzengruppe schien uneinholbar. Der Rückstand von zeitweilig 670 Meilen schien zu groß. Desjo yeaux war in ein anderes Wettersystem gerutscht, das ihn von den Führenden abschnitt. Während vorne erbitterte Kämpfe um jeden Meilenvorteil ausgetragen wurden und reihenweise Masten und Ruder unter der Beanspruchung brachen, bestritt „Le Professeur“, wie Desjoyeaux wegen seiner sachlichen, unnahbaren Art genannt wird, sein eigenes Rennen. „Ich bin der Einzige, der den Druck nicht mehr spürt“, kochte er seine Erwartungen herunter – und setzte eine Art mentale Tarnkappe auf. Mit eiserner Disziplin zog er an den Kontrahenten vorbei. Seine weiß lackierte „Foncia“ zählt zu den radikalsten Konstruktionen in der Open-60-Klasse. Obwohl der spartanisch eingerichtete Racer nur eine von acht neuen Karbonkonstruktionen aus der Feder von Stardesigner Bruce Farr ist, zeigt „Foncia“ ein deutlich höheres Geschwindigkeitspotenzial als die Schwes terschiffe.

Der Südozean mit seinen stürmischen Gewitterfronten wurde zur Nagelprobe der Einhandprofis. Desjoyeaux zeigte keinerlei Ermüdung. Er raffte sich immer schnell genug auf, um die Segel vor dem heraufziehenden Ungemach zu bergen. Am 35. Renntag übernahm er die Führung. Er gab sie nicht wieder her, obwohl ihm Jourdain zunächst mit weniger als fünfzig Meilen Abstand dicht auf den Fersen blieb.

Als „Bijou“ glaubte, nach der Umrundung Kap Hoorns das Schlimmste überstanden zu haben, wurde es blutig. Der 45-jährige Skipper schlief in seiner Koje, da kollidierte sein Schiff mit einem Wal. Zehn Tonnen vorwärtsstrebende Masse kamen abrupt zum Stehen. Der Solosegler stürzte an Deck und sah, wie sich das Meer in seinem Heckwasser rot färbte. Durch den Ruck wurde der Mastfuß aus der Verankerung gerissen, auch die Rumpfstruktur bekam einen Knacks. „Ich habe noch nie ein Boot in diesem Zustand gesehen“, sagte der Tausendsassa, „das ist keine Rennjacht mehr, sondern eine Werft.“

Es gibt an der 27000 Meilen langen Strecke des Vendée Globe kaum einen Hafen, in den sich nicht mindestens ein demoliertes Exemplar der hochgezüchteten Open-60-Racer gerettet hat – ohne Mast, mit zerborstener Steueranlage oder Schäden an der Kielmechanik. Ein Teilnehmer musste von der australischen Marine mit gebrochenem Oberschenkel von seinem driftenden Gefährt geborgen werden, ein anderer lief bei den Kerguelen-Inseln auf Grund. Ein dritter, der seinem gekenterten Kollegen zu Hilfe eilte, beschädigte sein eigenes Rigg bei der Rettung so stark, dass er selbst zum Seenotfall wurde. Von dreißig gestarteten Extremseglern, die allein und ohne Zwischenstopp auf ihren Millionen Euro teuren Racern um den Globus kurven, könnten am Ende zwölf die Reise vollenden. Damit haben beinahe zwei Drittel der Teilnehmer die Reise nicht geschafft. Während Desjoyeaux nach 84 Tagen auf See vom Jubel der Menschenmassen aus der Einsamkeit geholt werden wird, kämpft sein Kontrahent gegen die Gesetze der Schwerkraft. Am Donnerstag vergangener Woche holte Jourdain schließlich doch das berstende Geräusch ein, das viele Katastrophen begleitet: Die Kielbombe der „Véolia“ riss ab. „Ich habe keine Ahnung, warum ich nicht gekentert bin“, sagt Jourdain konsterniert. Sein Freund Jean Le Cam war bei Kap Hoorn nach demselben Defekt umgekippt und hatte 70 Stunden in einer Luftblase ausgeharrt. Jourdain versucht sich mit stark reduzierter Segelfläche zu den Azoren durchzuschlagen. Was wie ein Rennen begonnen hat, endet selbst für die Besten als Abenteuer.

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