Welt : Sehr geehrter Transvestit

Charlotte-von-Mahlsdorf-Stück gewinnt zwei Tonys

Frederik Hanssen

Wer hätte gedacht, dass es ein Berliner zum Broadway-Star bringen könnte? Lothar Berfelde hat es geschafft. Leider erst nach seinem Tod: Als Charlotte von Mahlsdorf hatte der Transvestit in der DDR gegen alle Widerstände sein Gründerzeitmuseum aufgebaut. Nach der Wende wurde er erst zum Mediendarling, dann als Stasi-IM enttarnt. Berfelde wanderte nach Schweden aus und starb schließlich im Mai 2002 in Berlin. Das ist der Stoff, aus dem Dramen für den Broadway sind, dachte sich Doug Wright und schrieb „I Am My Own Wife“.

Das Ein-Mann-Stück, bei dem ein Schauspieler in 40 Rollen schlüpft, wurde ein Überraschungserfolg am Off-Broadway. Anfang Dezember 2003 zog die Show an den Times Square um, ins prachtvolle Lyceum Theatre. Dieser Ortswechsel brachte „Ich bin meine eigene Frau“ nach dem Pulitzer-Preis nun zwei Tony Awards ein. Denn nur Stücke, die in Häusern mit mehr als 500 Plätzen gespielt werden, können die als „Broadway-Oscars“ bekannten Preise erhalten. Darsteller Jefferson Mays wurde für die beste Schauspielerleistung geehrt, Autor Wright erhielt die Auszeichnung für das beste Theaterstück der Saison.

Neben den glitzernden Broadway-Musicals wirkt „I Am My Own Wife“ recht exotisch. Denn obwohl es um Transvestiten geht, ist hier nichts glamourös. Als Charlotte von Mahlsdorf trägt Jefferson Mays stets dasselbe schwarze Kittelkleid, fliegende „Kostümwechsel“ finden allein akustisch statt: Virtuos wechselt der Schauspieler zwischen den Akzenten, findet für Charlotte ebenso eine ganz charakteristische Sprachfärbung wie für jeden ihrer zahlreichen Besucher. So entfaltet sich zwischen Grammophon und Biedermeier-Büfett ein düsteres Geschichtspanorama. Wie dieses sehr amerikanische Stück ins Deutsche übertragen werden kann, vermag sich der Besucher der New Yorker Aufführung schwer vorzustellen. Doch genau dies hat Andreas Gergen, der neue Betreiber des Berliner Schlossparktheaters, vor.

Auch im Bereich Musical gab es diesmal bei den Tonys einen Überraschungssieger: Nicht das extrem aufwendig und teuer inszenierte Hexen-Musical „Wicked“ erhielt den Tony als „best musical“, sondern „Avenue Q“, eine schrille Parodie auf die Sesamstraße. Der Australier Hugh Jackman, der jüngst als Monsterjäger im Kinofilm „Van Helsing“ bei der Kritik durchgefallen war, wurde für seine Rolle in „The Boy of Oz“ als bester männlicher Musical-Darsteller geehrt.

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