Welt : Seilbahn-Unglück: Inferno unter dem Gletscher

Ulrich Glauber/Markus Huber

Mindestens einmal im Jahr geht es am Kitzsteinhorn, Österreichs ältestem Gletscher-Skigebiet rund 100 Kilometer südlich von Salzburg, besonders ausgelassen zu. Tausende Snowboarder tummeln sich dann auf knapp 2500 Meter Seehöhe und feiern die Party des Jahres - das Snowboard-Opening am Horn. Angelockt werden sie mit Wettbewerben für jedermann und dem Verleih von neuen Boards. Ja, und natürlich gibt es in den dutzenden Schneebars rund um das Alpincenter auch massenhaft Alkohol. Österreichs Jugendradio Ö3 sorgt mit einem großen Werbeaufwand dafür, dass Jahr für Jahr mehr Menschen kommen; auch am gestrigen Sonnabend sollte es am Kitzsteinhorn wieder eine große Schneedisko geben. Und die Sonne strahlte so blau über den Alpen, dass jeder Snowboarder Lust bekam.

Aber bevor das Fest in Fahrt kommen konnte, passierte gegen 9 Uhr 10 das größte Unglück der österreichischen Nachkriegsgeschichte. In der Standseilbahn auf das Kitzsteinhorn brach Feuer aus, binnen Sekunden brannte der 30 Meter lange Zug lichterloh.

In dem Wintersportgebiet unter dem Kitzsteinhorn herrschte wegen des guten Wetters Hochbetrieb. An der Talstation der U-Bahnartigen Seilbahn, die sechs Kilometer außerhalb von Kaprun über einen Höhenunterschied von rund 1500 Meter zum "Alpincenter" auf 2450 Meter führt, drängten sich am Morgen gut gelaunte Skiläufer und Snowboarder.

Um 9 Uhr 10 meldete der Zugführer aus der im Tunnel bergwärts fahrenden Standseilbahn Feuer, die Bahn kam 600 Meter oberhalb des unteren Tunnelportals zum Stehen. "Wir haben sofort Anweisung gegeben, die Türen zu öffnen und die Leute zu bergen", sagte der Technische Betriebsdirektor Manfred Müller. "Dann war Funkstille."

Flammen und Qualm breiteten sich jedenfalls rasch im gesamten Zug aus. In der Bahn brach Panik aus, wie ein überlebender deutscher Urlauber später berichtete: "Viele Leute schrien in Todesangst und versuchten verzweifelt, einen Ausgang zu finden." Mit aller Kraft hätten sie versucht, die geschlossenen Türen zu öffnen und Fenster einzuschlagen. Der Augenzeuge, der ungenannt blieb, hatte sich selbst erst in letzter Minute retten können. Ein anderer Passagier schlug das Fenster ein, der Deutsche konnte sich herauswinden. Einen Fluchtweg gab es aber nur nach unten, da der Qualm und die Hitze wie in einem Schornstein nach oben zogen. Wie Augenzeugen berichteten, rannten manche entkommenen Passagiere in Panik nach oben - in den sicheren Tod.

Die Rauchentwicklung war so stark, dass selbst die Bergstation "Alpincenter" vom beißenden Dunst erfüllt war. Feuerwehrleute kämpften sich mit schwerer Atemschutzausrüstung zum Unglücksort vor. Ihr aussichtsloser Rettungseinsatz wurde noch dadurch erschwert, dass der Schwelbrand in dem Schlauch unter den Felsmassen nach mehreren Stunden noch nicht gelöscht war. Unmittelbar nach Bekanntwerden der Katastrophe hatten die Salzburger Katastrophenschützer Großalarm ausgelöst. Sämtliche Krankenwagen des Roten Kreuzes im Bundesland Salzburg wurden zusammengezogen. Auch zwanzig Notärzte, die gerade einen Kongress in Salzburg besuchten, eilten zur Unglücksstelle. Hubschrauber kreisten über dem Skigebiet.

Nach der Lawinenkatastrophe von Galtür vor zwei Jahren hatten sich die Österreicher anfangs noch geweigert, Hilfe aus dem Ausland anzunehmen - und das, obwohl Rettungsflüge wegen der schlechten technischen Ausrüstung des österreichischen Fluggeräts über Stunden unmöglich gewesen waren. Diesmal reagierten die Behörden rascher: Sie forderten sofort Helikopter des Bundesgrenzschutzes aus Deutschland an.

Doch wegen der Unzugänglichkeit der Unglücksstelle waren den meisten Helfern die Hände gebunden. So blieb ihnen, sich um die unmittelbar betroffenen Bewohner von Kaprun und ihre Gäste zu kümmern. Als die Rettungskräfte die ausgebrannte Bahn später erreichten, bot sich ihnen ein schreckliches Bild: "Da oben ist nur noch Asche und Metall", sagte ein Helfer des Roten Kreuzes mit leerer Stimme.

In Kaprun herrschte, nachdem sich die Schreckensnachricht verbreitet hatte, ungläubiges Entsetzen. Die Behörden schickten Notfallpsychologen, die den Angehörigen der Opfer Beistand leisten sollten. Helfer begannen mit der Zusammenstellung von Vermisstenlisten. Bis zum frühen Abend war die Identität vieler Opfer noch nicht klar. In der Sporthalle von Kaprun spielten sich dramatische Szenen ab. Viele Dutzend Angehörige warteten auf Nachricht. "Mein Sohn ist mit seinem Freund heute Morgen hoch gefahren", sagte ein verzweifelter Mann aus dem Nachbardorf Mittersill. "Ein Bekannter arbeitet bei der Bahn, der hat ihm zwei Freikarten geschenkt." Ob der 16-jährige Markus in der Unglücksbahn war oder bereits eine Bahn früher gefahren war, wusste er auch am Nachmittag nicht. "Ich hoffe", sagte der Vater mit leiser Stimme und Tränen in den Augen. Eine Frau und ein Kind lagen sich weinend in den Armen. Eine Rot-Kreuz-Helferin streichelte beiden über den Rücken. Auch sie schwieg.

Rotes Kreuz und die Rettungsleitung des Landes Salzburg richteten Nottelefone ein, die Auskunft über die Erkenntniss erteilen. Völlig überlastet war binnen Minuten die Hotline, die Ö3 am Nachmittag geschaltet hatte. Panische Anrufer erkundigten sich nach ihren Angehörigen. So drang ein Skilehrer verzweifelt auf Auskunft, dessen Frau und Vater sich ein schönes Wochenende am Gletscherskigebiet in den Salzburger Tauern machen wollten. Dem Mann blieb die Hoffnung, dass seine beiden Angehörigen unter den mehr als 2000 Wintersportlern sind, die sich zum Zeitpunkt des Unglücks im Skigebiet befanden. Für ihren Abtransport stand neben den Helikoptern eine Luftseilbahn zur Verfügung.

In der Wintersportnation Österreich herrscht jedenfalls seit Sonnabendmittag offiziell Staatstrauer. Bundespräsident Thomas Klestil sprach den Angehörigen der Opfer im In- und Ausland sein tief empfundenes Beileid aus.

Trotz der lähmenden Trauer, die Österreich erfasst hat, stellten die Medien sofort auch die Frage nach Ursachen und Verantwortung für das Unglück. Die Gletscherbahn von Kaprun gilt als "erste Alpenmetro" und war bei ihrer Inbetriebnahme im Jahr 1974 der Stolz der Skination. Die Seilbahn im Tunnel war das Herzstück bei der Erschließung des Gletschergebiets Schmiedinger Kees am Kitzsteinhorn. Erst vor wenigen Jahren war die Bahn technisch überarbeitet worden.

Was am Samstag im Tunnel vor der Katastrophe wirklich passiert ist, war zunächst nur in Umrissen zu rekonstruieren. Der Linzer Ingenieur Klaus Eisenkolb, der die Bahn bei Kaprun mitentwickelt hat, nannte einen Riss des Zugseils eher unwahrscheinlich. Die Stahltrosse von fünf Zentimetern Durchmesser würden regelmäßig kontrolliert. Eisenkolb sagte weiter, bei den Waggons seien feuerdämmende Materialien verwendet worden. Das gefährliche Verschmoren der Fahrgastkabinen im Tunnel konnte jedoch nicht verhindert werden, wenn man den Augenzeugen Glauben schenken kann.

Das große Fest am Kitzsteinhorn wurde sofort abgesagt. Trotz allem Entsetzen beeilten sich österreichische Politiker, den Imageschaden für die Fremdenverkehrsregion in Grenzen zu halten - schließlich steht das Land am Beginn der Wintersaison. Die Seilbahnen seien verlässlich und gut gewartet, versicherte die Tourismusstaatsäkretärin Mares Rossmann. "Jene Gäste, die Österreich als sicheres Land kennengelernt haben", sagte sie voraus, "werden Österreich auch die Treue halten."

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