Welt : Seit 50 Jahren fest in deutscher Hand

Die Firma Saba startete 1954 mit dem Verkauf von Fernbedienungen – inzwischen gibt es rund 120 Millionen Exemplare

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Sie ist der heimliche Herrscher der Wohnzimmer. In vielen Familien hat sie daher den ehrfürchtigen Beinamen „die Macht“ bekommen. Kein Wunder – wer die Fernbedienung in der Hand hält, darf darüber entscheiden, wie der Fernsehabend aussieht: Rosamunde Pilcher oder Rocky, Fußball oder doch lieber Karl Moik. Der Streit um das Ding mit den vielen Knöpfen ist inzwischen zum Klassiker unter den Beziehungs und Familienkonflikten avanciert.

Die Fernbedienung begann vor 50 Jahren ihren Siegeszug in Deutschland. „Die ersten Geräte waren allerdings noch fürs Radio bestimmt“, erklärt der Leiter des Rundfunkmuseums Fürth, Gerd Walther. 1954 gab es nur die ARD, das ZDF ging erst im April 1963 auf Sendung. „Die Firma Saba hat damals kabelgesteuerte Fernbedienungen mit Sendersuchlauf, Ein- und Ausschaltfunktion und Tonsteuerung auf den Markt gebracht“, sagt Walther.

Erfunden wurde die TV-Fernbedienung jedoch in den USA. 1948 gab es ein erstes kabelgebundenes Gerät, mit dem sich aber nur der Bildausschnitt vergrößern ließ. 1950 präsentierte die Firma Zenith die erste Fernsteuerung mit dem richtungsweisenden Namen „Lazy Bones“ – „Faulpelz“. 1955 folgte die erste drahtlose Steuerung per Lichtsignal namens „Flashmatic“. Sie war technisch noch nicht ausgereift – zu oft setzte das Tageslicht den Fernseher in Gang – und wurde 1956 durch eine Ultraschall-Fernbedienung ersetzt. Das Modell „Space Command“ wurde von dem emigrierten Österreicher Robert Adler konzipiert.

In Deutschland setzte sich die Fernbedienung etwas langsamer durch. „1956 bot die Firma Tonfunk die Kabelsteuerung mit dem Namen Zauberschalter an“, erinnert sich Museumsleiter Walther. 1959 gab es die ersten Ultraschall-Fernbedienungen. Das waren noch recht klobige Kästen mit zwei Metallstangen, die in Schwingung versetzt wurden. Diese Geräte spielten nach Ansicht von Walther aber „noch keine große Rolle“.

„Die Fernbedienung war in der Mitte der 70er Jahre technischer Standard. Aber erst mit der größeren Programmvielfalt seit Einführung der Privatsender Mitte der 80er Jahre und später durch das Kabelfernsehen entwickelte sich die Zapper-Mentalität“, sagt Roland Stehle, Sprecher der Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik (gfu). Der Figur des Couch-Potatoe war geboren. Sein typisches Erscheinungsbild: Er steht nur zum Bier holen vom Sofa auf, die Fernbedienung ist mit seiner Hand fast verwachsen. Die „Macht“ anderen überlassen? Nein, danke. Nach gfu-Schätzungen gibt es in deutschen Haushalten gegenwärtig insgesamt 120 Millionen Steuerungen – die für Videorekorder, HiFi-Anlagen und DVD-Geräte eingerechnet.

Nach Angaben des Hamburger B.A.T Freizeit-Forschungsinstituts nutzen über drei Viertel der TV-Zuschauer allabendlich die Fernbedienung, fast jeder Dritte zappt durchschnittlich fünfmal am Abend zwischen den Programmen hin und her, jeder Zehnte zappt sich pro Abend mindestens neun Mal durch die Kanäle. Die B.A.T-Forscher gehen davon aus, dass die Sender auf die gewandelten Freizeit- und Fernseh-Gewohnheiten der Zuschauer mit „Fast-Food-TV“, also immer kürzeren Sendeformaten, reagieren werden.

In Zukunft wird die Fernbedienung nach Ansicht von gfu-Sprecher Stehle „noch an Bedeutung gewinnen. Wir stehen erst am Beginn des Multimedia-Home-Platform-Zeitalters, in dem der Computer mit der klassischen Heimelektronik vernetzt wird.“ Entsprechend modern seien künftig Fernbedienungen konzipiert. „Junge Leute können mit Softkeys umgehen, also Tasten mit mehrfacher Funktion, während ältere Semester eher ein schlichtes Modell mit vier Knöpfen bevorzugen.“

Als Kulturtechnik ist die Fernbedienung sogar Gegenstand philosophischer Betrachtungen geworden. Für den ungarischen Kulturwissenschaftler József Tillmann ist sie, „insbesondere in ihren schlankeren Varianten, direkt mit dem Faustkeil und dem Zauberstab verwandt“. Tillmann spricht vom „Zepter der Neuzeit“, denn: „Mit einer Fernbedienung in der Hand kann sich jeder Mensch auf dem Gipfel seiner Macht fühlen. Auf ein Winken seines elektronischen Zepters können Welten vergehen und wieder auferstehen.“ Der Medienwissenschaftler Klaus Kreimeier kommt zu dem Schluss: „Mit dem Zapper sitzt ein neuer Rezipiententypus auf der Couch: Ein Flaneur des Bilder-Universums und Medien-Vagabund, der sich seit Beginn der 90er Jahre durch etwa 30 Programme frei bewegen kann.“ ddp/oom

ERFUNDEN

1948 gab es die erste Fernbedienung in den USA – damals war der Zuschauer noch mit einem Kabel mit dem Fernseher verbunden. Mit diesem ersten Gerät ließ sich aber nur der Bildausschnitt vergrößern. Zwei Jahre später brachte die Firma Zenith die erste „richtige“ Fernbedienung mit dem Namen „Lazy Bones“ auf den Markt.

WEITERENTWICKELT

In Deutschland begann die Firma Saba 1954 mit der Produktion von verkabelten Geräten. Ab 1959 gab es die ersten Ultraschall-Fernbedienungen zu kaufen.

PERFEKTIONIERT

Mit der Einführung der Privatsender in den 80er-Jahren gewannen die Mini-Tastaturen mehr und mehr an Bedeutung.

ZUKUNFT

Forscher sagen, in den nächsten Jahrzehnten werde die Fernbedienung noch wichtiger, weil das „Multimedia-Home-Platform-Zeitalter“ anbreche. Immer mehr elektronische Geräte würden miteinander vernetzt.

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