Welt : Seit Eschede ist alles anders

JÖRN HASSELMANN

IN ZWEI TAGEN, AM 3 .Juni, wird die Erinnerung an den schrecklichsten Unfall bei der Eisenbahn aufreißen: Eschede.Das Unglück vor einem Jahr war eine Zäsur für die Bahn; dort ist mehr als nur ein schneller Zug entgleist.Seitdem ICE 884 "Wilhelm Conrad Röntgen" auf der Fahrt nach Hamburg 101 Menschen in den Tod riß, ist die Eisenbahn nicht mehr das, was sie war."Nach dem 3.Juni 1998 ist die Welt eine andere", hatte Konzernchef Johannes Ludewig kürzlich resümiert.Eschede war markant, nicht allein wegen der Zahl an Toten.

An anderer Stelle haben wir uns an viel mehr Tote gewöhnt: auf den Straßen.Ein Toter hier, zwei Tote dort, drei Tote woanders, sie erreichen uns nicht mehr.Sie gehören zur Normalität im tagtäglichen Wahn auf deutschen Autobahnen.Wenn am Jahresende die Einzelschicksale für die Statistik addiert werden, erreichen sie uns nicht mehr.Allein in Berlin sterben jährlich um die 100 Menschen im Straßenverkehr.Der Einzelfall findet unser Interesse meist nur noch als Notiz in der Zeitung.Bei der Bahn ist das anders - seit Eschede.Jeder überfahrene Prellbock wird zum Zweispalter, im Rangierbahnhof entgleiste Güterwagen werden zur Katastrophe dramatisiert.Ludewig hatte das vor einigen Wochen so formuliert: "Was früher im Lokalteil stand, findet sich heute auf Seite 1."

Passiert ist immer was bei der Bahn, kein Wunder bei 35 000 Zügen täglich auf deutschen Gleisen.Vor Eschede nahm nur keiner Notiz davon.Hier ein beliebiger Ausriß aus der Pannenliste der DBAG von 1996.

29.05.96.In Markt Schwaben bei München brennt die Oberleitung bei Einfahrt der S-Bahn 8011 über beiden Gleisen ab.

30.05.96.Ein Laster überfährt trotz Blinklichts einen Bahnübergang bei Spreewitz und kollidiert mit Güterzug 56025.Der Lkw-Fahrer wird schwer verletzt.

31.05.96.Im Bahnhof Stadthagen bleibt IC 507 auf dem Gleis Hannover-Löhne wegen eines Schadens an der Lok liegen.

31.05.96.Am selben Tag bleibt auch IC 506 mit defekter Lok im Bahnhof Wefensleben liegen.Eine Hilfslok kommt nicht an den Zug heran, weil eine Weiche klemmt.

01.06.96.In Schönebeck entgleist ein Kesselwagen des Güterzuges 74787 und entzündet sich.Sieben mit Vinylchlorid beladene Waggons brennen aus.

03.06.96.Bei Efringen stürzt ein Zweiwegebagger auf die Gleise der ICE-Strecke.

Wie gesagt, ein beliebiger Blick in die Liste mit "Vorkommnissen" einer einzigen Woche - fast alles völlig unspektakulär.Heute werden diese Interna von den Medien aufgegriffen, gerne mit der Standardüberschrift: "Eine Panne nach der anderen".Eine Störung vom 17.03.96 würde heute den Weg in die "Tagesschau" finden: An diesem Tag wurde der Interregio 2341 zwischen Magdeburg und Berlin in Güsen gestoppt - an einem Waggon war ein Radreifen locker.Damals interessierte das niemanden, weil keiner wußte, was ein Radreifen ist.Heute bildet sich jedermann ein, über Vor- und Nachteile von "Monoblocs" diskutieren zu können.Dabei sind die 60 ICE-1-Garnituren Millionen Kilometer auf Radreifen durch Deutschland geeilt.

Statistisch ist die Zahl der Unfälle seit Jahren kontinuierlich gesunken.Gab es 1994 noch 0,002 Unfälle auf eine Million Personenkilometer, sank diese Quote auf 0,012 Unfälle im Eschede-Jahr.Der Bahnvorstand leugnet jeden Zusammenhang zwischen der Unfallzahl und dem Personalabbau.Die Gewerkschaft der Lokführer hält dies - allein 1998 verließen 20 000 Bahner den Konzern - für mit ursächlich für viele Pannen.

Seit der Katastrophenfahrt von ICE 884 gab es jedoch lediglich einen einzigen tödlichen Unfall bei der Eisenbahn: Am 18.Februar 1999 sprangen im Bahnhof von Immenstadt im Allgäu Waggons des Intercity Oberstdorf - Dortmund aus den Gleisen.In diese Wagen bohrte sich die Lok eines entgegenkommenden Interregio.Zwei Frauen im IC starben, 34 Menschen wurden verletzt.

Die meisten schweren Unfälle bei der Bahn verursachen übrigens Autofahrer.Jedes Jahr gibt es hunderte von Karambolagen, weil Autofahrer Blinklichter mißachten oder um geschlossene Halbschranken herumfahren.97 Prozent dieser Unfälle verursachten die Autofahrer.1998 kamen übrigens 101 Menschen an Übergängen ums Leben - exakt soviele wie in Eschede.

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