Sekte : Warten auf die Apokalypse

Mehr als 30 russische Sektenmitglieder harren seit fünf Monaten in Erdlöchern aus. Die „Wahre russisch-orthodoxe Kirche“ glaubt, dass im Mai die Welt untergeht.

Moritz Gathmann

BerlinLebendig begraben. Das ist wohl der passende Ausdruck für die Lage, in der mehr als 30 Mitglieder der Sekte „Wahre russisch-orthodoxe Kirche“ seit November vergangenen Jahres in einem Erdloch auf den Weltuntergang warten. Ausreichend mit Nahrungsmitteln und Gasflaschen versorgt, haben sie den Winter in der Nähe des Dorfes Nikolskoje rund 640 Kilometer südöstlich von Moskau gut überstanden. Doch jetzt wird es eng: Nach Berichten russischer Medien haben Regenfälle und Schmelzwasser einige der unterirdischen Räume zum Einsturz gebracht. Am Freitagabend verließen deshalb die ersten sieben Mitglieder das Höhlensystem.

Die religiösen Sektierer waren gut vorbereitet, als sie im vergangenen November unter die Erde gingen: Den ganzen Sommer über hatten sie unter Führung ihres Sektenführers Pjotr Kusnezow an dem unterirdischen System gegraben. Als die Sekte Mitte November ihre unterirdische Höhle bezog, blieb Kusnezow selbst an der Oberfläche: Er wurde kurz nach dem „Abtauchen“ seiner Anhänger festgenommen und in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen. Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage gegen ihn, allerdings bescheinigten ihm erst in der vergangenen Woche psychologische Gutachter seine Unzurechnungsfähigkeit. Kusnezow, ein ausgebildeter Ingenieur und Familienvater, hatte die Sekte vor fünf Jahren gegründet.

Die Motivation seiner Anhänger, die bald aus ganz Russland zu ihm stießen, ist typisch für eine Weltuntergangssekte: Sie wollen, abgetrennt von der modernen Zivilisation, das Ende der Welt und die damit einhergehende Vernichtung der Sünder abwarten. Mit der Apokalypse rechnen die Russen im Mai. Ob die nun verbliebenen Mitglieder bis dahin durchhalten, ist ungewiss. Erst vergangene Woche hatten einige von ihnen nach Verhandlungen erklärt, zumindest zum russischen Osterfest Ende April vorübergehend an die Oberfläche zurückzukehren.

Die Höhle der Sekte wird rund um die Uhr von russischen Sicherheitskräften bewacht. Russische Fernsehanstalten berichten in Live-Schaltungen aus Nikolskoje. Der russische Katastrophenschutz hat inzwischen Kanäle gegraben, um eine Überschwemmung des Höhlensystems zu verhindern – Psychologen und Polizisten verstärken gleichzeitig ihre Bemühungen, um die Bewohner zum Aufgeben zu bewegen. Allerdings müssen sie dabei behutsam vorgehen: Die Gruppe hat schon mehrfach angedroht, sich mit Hilfe von 400 Litern Benzin in die Luft zu sprengen, sollten die Behörden versuchen, sie gewaltsam aus der Höhle zu holen.

Unter der Erde scheint es nun Konflikte darüber zu geben, ob man das Erdloch verlassen soll. Als die Rettungskräfte am Freitag Hilfeschreie aus dem letzten verbliebenen Belüftungsschacht hörten und daraufhin die Bewohner zum Verlassen der Höhle aufriefen, antwortete deren mutmaßlicher Anführer mit Schüssen aus einem Gewehr. Erst als die Polizei den zu diesem Zweck aus der Psychiatrie befreiten Sektenführer Kusnezow in die Verhandlungen einbezog, verließen sieben weibliche Mitglieder der Sekte das Erdloch.

Ein Sprecher des Gebietes Pensa, in dem die Ortschaft Nikolskoje liegt, bezeichnete den Gesundheitszustand der befreiten Frauen als „nicht besorgniserregend“. Sie hätten sich zusammen mit Sektenführer Kusnezow in dessen Hütte begeben, um dort die Gebete fortzusetzen. Nach Medienberichten wurde am Samstag erneut eine Frau vom Anführer der Höhlengemeinschaft daran gehindert, an die Oberfläche zurückzukehren.

Unter der Erde verbleiben nun noch 28 Sektenmitglieder, darunter vier Kinder. Allerdings, so der Sprecher, gehe es auch ihnen verhältnismäßig gut. „Sogar das Mädchen, das erst ein Jahr und acht Monate alt ist, fühlt sich gut“, sagte der Sprecher nach Gesprächen mit einigen der Frauen, die die Höhle verlassen haben.

Sekten wie die von Kusnezow haben in Russland eine lange Tradition. Die meisten von ihnen berufen sich darauf, den wahren Glauben zu vertreten – im Kontrast zur offiziellen orthodoxen Kirche, die unter den schädlichen Einflüssen der Zivilisation vom rechten Weg abgekommen sein soll. Im heutigen Russland soll es über 600 derartige Sekten geben.

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