Welt : Selbst ist das Kind

Bewegung hilft gegen Stress. Da reicht es schon, zu spielen oder zu Fuß zur Schule zu gehen

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„Unsere Kinder werden immer dicker, ungeschickter und aggressiver. In der Schule können sie sich nicht konzentrieren, mit internationalen Standards können sie nicht mithalten.“ Die Diagnose ist Besorgnis erregend. Doch was kann man tun? Das Labyrinth Kindermuseum im Berliner Wedding versucht es mit einer Erlebnisausstellung. Der Name ist Programm: „Unterwegs nach Tutmirgut“.

Zur Halbzeit des Projekts beschäftigen sich jetzt Experten damit, was für die Kindergesundheit in Deutschland getan werden kann. Vor allem: Was können die Kinder selbst tun? Zum Beispiel, wenn sie sich gestresst fühlen. Den schillernden Begriff „Stress“ kennen so gut wie alle Kinder spätestens ab der 3. Klasse, erzählt der Psychologe Johannes Klein Heßling vom Lehrstuhl für Pädagogische Psychologie und Gesundheitspsychologie der HU Berlin. „Die Kinder leiden unter Stress, aber sie wissen zu wenig darüber.“ Klein-Heßling nimmt das Bild der Waage zu Hilfe, wenn er Grundschülern erläutern will, was eigentlich dahinter steckt, wenn Menschen sich gestresst fühlen: „Ein Ungleichgewicht zwischen äußeren und inneren Anforderungen auf der einen und den Bewältigungsmöglichkeiten auf der anderen Seite“. Jedes vierte Kind ist überzeugt, man könne nichts gegen Stress machen.

Dabei helfen Entspannungstechniken, zumindest kurzfristig. Klein-Heßling und seine Mitarbeiter haben festgestellt, dass verschiedene Verfahren – darunter auch so althergebrachte wie das Erzählen einer (möglichst wenig aufregenden) Geschichte – Kindern zu psychischer und körperlicher Entspannung verhelfen können. Längst sind Tonträger auf dem Markt, die dabei Unterstützung bieten. Nur: Längerfristige Effekte gibt es so gut wie gar nicht. Denn dem regelmäßigen Einsatz solcher Verfahren steht fehlende Motivation im Weg: „Die Kinder haben dann einfach keine Lust mehr“, urteilt Klein-Heßling

Wirksamer ist ein Stressbewältigungstraining, das mehrere Bausteine enthält. Besonders effektiv ist es, wenn man das kindliche Wissen über Stress vergrößert und, zum Beispiel in Rollenspielen, auch das Problemlösen trainiert: „Was könnte das Kind in dieser Situation machen? Was könnte ihm helfen?“ Klein-Heßling plädiert für individuelle Lösungen, die auch Kinder schon für sich selbst finden können.

Bei vielen Kindern wäre sicher mehr Bewegung der Schlüssel zum Erfolg. Damit ist aber nicht an erster Stelle „Sport“ gemeint, sondern etwas viel Einfacheres: Spielen. In der Stadt ist das vor allem draußen schwierig geworden und nicht mehr selbstverständlich. Einer Studie aus Karlsruhe zufolge spielen über ein Viertel der Grundschüler nur einmal in der Woche im Freien. Dabei lernt der Mensch eine ganze Menge, wenn er zum Beispiel trainiert, einen Ball zu fangen. „Das Spielen ist bei Kindern in Wirklichkeit eine Forschungstätigkeit“, sagt der Heilpädagoge Ulrich Tritschler. „Der Verlust des Straßenspiels ist ein Kulturverlust“, beklagte denn auch Stephan Riegger vom Fachbereich Erziehungswissenschaften und Psychologie der Berliner FU. Dort wurde vor einigen Jahren der Verein „Berlin bewegt“ gegründet. Eines der Projekte: In der Grundschule Am Buschgraben haben Kinder Architekten und Landschaftsplanern in einer „Planungswerkstatt“ erzählt, wie und wo sie in den Pausen gerne spielen würden. In den nächsten Sommerferien entsteht der neue Schulhof.

Auch der Weg dahin soll wieder „bewegter“ werden. 200 Kilometer kommen im Jahr schon zusammen, wenn man einen halben Kilometer von der Schule entfernt wohnt. Früher waren für Kinder auch weitere Wege selbstverständlich, heute werden viele mit dem Auto bis ans Schultor gebracht – aus Zeitgründen und wegen der Gefahren.

Der „Schulbus zu Fuß“ soll das ändern. Für dieses Projekt sammeln ältere Schüler ABC-Schützen an verschiedenen „Haltestellen“ im Umkreis der Schule ein und begleiten sie auf dem kleinen Fußmarsch. Im Unterricht werden dann Themen rund um diesen Schulweg aufgegriffen, von der Entfernungsberechnung über die Wegbeschreibung bis zur Verkehrssicherheit.

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