Welt : Selbst ist der Mann

Ein Brite soll eine HIV-Infektion ohne Medikamente besiegt haben – Experten sind skeptisch

Adelheid Müller-Lissner

Gleich zwei britische Sonntagszeitungen brachten am letzten Wochenende die erstaunliche Meldung: Ein junger Mann habe den Erreger der unheilbaren Immunschwäche Aids „bezwungen“. Demnach war der heute 25-jährige Andrew Stimpson im August 2002 zum HIV-Test gegangen, nachdem er sich zuvor krank, müde und abgeschlagen gefühlt hatte. Der Test war positiv. 14 Monate später wurde er wiederholt. Ergebnis: negativ. Zunächst habe der junge Mann daraufhin auf Schadenersatz klagen wollen, weil das erste Testergebnis ihn in tiefe Depressionen gestürzt hatte. Beim National Health Service ist man sich jedoch so gut wie sicher, dass beide Ergebnisse korrekt sind und ohne Verwechslungen zustande kamen.

Wie lässt sich das erklären? Ist eine HIV-Infektion doch rückgängig zu machen? Mit solchen Aussagen sind Medien schnell bei der Hand. Wissenschaftler mahnen jedoch zu extremer Vorsicht. „Keiner weiß, ob das Virus nicht doch in anderen Zellen des Körpers schlummert, ohne im Blut nachweisbar zu sein“, sagt Aids-Experte Joachim Denner vom Berliner RobertKoch-Institut (RKI). Wenn die Testergebnisse stimmen, ist das Virus aber zumindest nicht mehr so präsent, dass Antikörper in messbaren Mengen dagegen gebildet werden. Woran könnte das liegen? „Eine erste Möglichkeit ist, dass es sich in diesem Fall um ein fehlerhaftes Virus handelt, das sich nicht so leicht vermehrt“, erklärt Denner. Aus Australien wurde in der Frühphase der Aids-Epidemie berichtet, dass eine Gruppe von HIV-infizierten Blutern auffallend spät an Aids erkrankte.

Möglich wäre aber auch, dass die Besonderheit auf Seiten Stimpsons liegt: Er könnte besonders günstige genetische Voraussetzungen im Kampf gegen den Erreger mitbringen. Etwas Ähnliches wurde vor einiger Zeit von einer Gruppe afrikanischer Prostituierter berichtet, die sich aufgrund einer genetischen Besonderheit nicht infizierten. Seit Jahren sind sie Gegenstand wissenschaftlicher Studien.

Dritte Möglichkeit: Das Immunsystem des Infizierten hat außergewöhnliche Fähigkeiten. „Es kommt immer wieder vor, dass bei HIV-Infizierten die Krankheit lange Zeit nicht ausbricht“, sagt Denner. Trotzdem sind dann aber, im Unterschied zum vorliegenden Fall, die Antikörper im Blut nachweisbar. „Natürlich gilt solchen Einzelfällen das Interesse der Wissenschaft“, sagt Denner, dessen Arbeitsgruppe nach einem HIV-Impfstoff sucht. Wenn der „englische Patient“ tatsächlich ein besonderes Immunsystem hätte, könnte das der Forschung wertvolle Aufschlüsse geben.

Ein ähnlich legendärer Fall ist der „Berlin-Patient“, der auch US-Forscher interessierte. Er war im Jahr 1996 mit HIV- Medikamenten behandelt worden, und das sofort nach dem positiven Testergebnis. Einige Zeit später waren nur noch wenige Viren nachweisbar. Geheilt ist er deshalb nicht – und auch auf Kondome wird er nicht verzichten, wie der Tagesspiegel im letzten Jahr berichtete.

Experten fürchten, dass es zu einer neuer Sorglosigkeit im Umgang mit der Infektionsgefahr kommen könnte.

Der Berliner Aids-Experte Keikawus Arastéh vom Vivantes Auguste Viktoria Krankenhaus sieht diese Gefahr auch angesichts der Nachricht von der angeblichen englischen „Selbstheilung“: „Leider kann man der Realität so leicht nicht entkommen.“

„40 Millionen Menschen sind weltweit infiziert, und an dieser Gefahr ändert auch ein mögliches einzelnes Gegenbeispiel nichts“, mahnt der niedergelassene Berliner Arzt und Aids-Experte Bernhard Bieniek.

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