Selbst schlachten : Von der Hand in den Mund

Eine Packung Hack in der Hand, fragte er sich: Wo bleibt die Ehrfurcht vor der Kreatur? Da beschloss unser Autor, nur noch Fleisch von Tieren zu essen, die er selbst getötet hatte. Ein Versuch.

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Um ein Huhn zu schlachten, fuhr unser Autor auf einen kleinen Bauernhof in Brandenburg.Alle Bilder anzeigen
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21.03.2012 18:51Um ein Huhn zu schlachten, fuhr unser Autor auf einen kleinen Bauernhof in Brandenburg.

Ich habe getötet. Es war keine emotionale Kurzschlusshandlung. Es passierte nicht im Affekt. Es war reife Überlegung, die mich dazu brachte, ein Leben zu beenden. Ich wollte wissen, was es bedeutet, was es in mir auslöst – ob ich es kann.

Die Erkenntnis traf mich im Supermarkt. Ich stand vor dem Regal mit den Nudeln. In einer Hand eine Schachtel Spaghetti, in der anderen eine Packung eingeschweißtes Hackfleisch. Ich hatte wenig Zeit, in einer Stunde sollten Leute zum Essen kommen. Doch statt Parmesan zu suchen, stand ich plötzlich bewegungslos da. Was war noch mal der Unterschied zwischen Fleisch und Nudeln? Ich wusste es nicht. Eines der Produkte in meiner Hand hatte mal gemuht, fiel mir ein. Wenn ich in mich hineinhorchte, machte das jedoch überhaupt keinen Unterschied. Beide Lebensmittel erschienen mir wie Gebrauchsgegenstände – und mit einem Mal fühlte sich das falsch an. „Ich habe keine Ahnung, was es bedeutet, dass ein Tier sterben muss, bevor ich Fleisch kaufe“, gestand ich mir ein. Sechs Wochen später nahm ich ein Beil und schlug einem Perlhuhn den Kopf ab.

Vegetarier sein, das kam für mich lange nicht infrage. Als ich aufwuchs, aßen in meiner Familie alle Fleisch. Unser Haus stand am Waldrand. Manchmal beobachteten wir Kaninchen, die zwischen den Bäumen hervorhoppelten. Aber ich hatte nie so viel Mitleid mit ihnen, als dass mir ihr Fleisch nicht mehr geschmeckt hätte. Als kleiner Junge war ich mit meinem Vater ab und zu angeln. Ich erinnere mich, dass es mir Spaß gemacht hat, den Fischen auf den Kopf zu hauen. Dass man Tiere isst, erschien mir immer normal. Löwen fraßen Antilopen, Menschen eben Schweine. Der Kreislauf des Lebens.

Die Fragen kamen später. Es war kurz nach der Jahrtausendwende, ich war Anfang 20 und ging viel auf Konzerte. Metal, Punk, später fast nur noch Hardcore. Laut, schnell, brutal. Herausgebrüllte Gesellschaftskritik, zu der man sich beim Tanzen vor der Bühne gegenseitig Hämatome zufügte. In der Szene gab es viele Vegetarier oder Veganer, und irgendwann hatte auch ich in meinem Freundeskreis jede Menge Leute, die kein Fleisch aßen. Es war nie so, dass mich jemand missionieren wollte. Doch die ständige Konfrontation mit Menschen, die sagten, „Nein, das esse ich nicht“, setzte Gedanken in Gang. Ich zweifelte nicht am Fleischessen an sich. Aber ich begann darüber nachzudenken, was es überhaupt bedeutet, Tiere zu essen.

Natürlich hatte auch ich Filme über Schlachthöfe gesehen und die Tiertransporte auf der Autobahn. Ich wusste, dass man eigentlich nicht Steak, sondern Kuh bestellt. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Wissen und Begreifen und das Begreifen ereilte mich eben dort zwischen den Supermarktregalen. Es forderte eine Entscheidung. „Ich muss verstehen, was es bedeutet, Tiere zu essen“, sagte ich mir. Und um zu begreifen und nicht nur zu wissen, dass Hackfleisch und Nudeln eben nicht dasselbe sind, musste ich töten. Ich wollte weiter Fleisch essen, aber nur, wenn ich selbst in der Lage wäre, es vom Stall auf den Teller zu bringen.

Ich warf das Hackfleisch zurück in die Kühltheke und schnitt stattdessen Gemüse in die Tomatensoße. Am nächsten Tag griff ich zum Telefonbuch.

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