Selbstinszenierung des Attentäters : Der Breivik-Prozess als Show

Der norwegische Massenmörder Anders Breivik steht ab Montag vor Gericht – er will das Verfahren instrumentalisieren.

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24. August 2012, das Urteil: Anders Breivik bekommt die Höchststrafe von 21 Jahren Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung ausgesprochen.Weitere Bilder anzeigen
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24.08.2012 22:1224. August 2012, das Urteil: Anders Breivik bekommt die Höchststrafe von 21 Jahren Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung...

Geständig ist er. Doch er bereut nichts. Anders Breivik, der am 22. Juli 2011 innerhalb weniger Stunden insgesamt 77 Menschen tötete, glaubt, dass es notwendig war, was er tat. Für Anders Breivik herrscht Krieg in Europa. Und zu seinem Bedauern kämpft er ihn ganz allein. Ab kommenden Montag muss er sich vor Gericht verantworten für das, was er tat.

Es ist der Nachmittag des 22. Juli, etwa 15.17 Uhr, als Breivik im Regierungsviertel von Oslo eine Bombe zündet. Sie wiegt ungefähr 950 Kilogramm und ist versteckt in einem Kastenwagen. Knapp sieben Minuten hat er Zeit, sich selbst in Sicherheit zu bringen, dann explodiert der Sprengsatz. Acht Menschen in der nahen Umgebung sind sofort tot, mehr als 200 verletzt. Verkleidet als Polizist fährt Breivik weiter zur Insel Utöya nahe Oslo. Gegen 17.15 Uhr betritt er die Insel, auf der mehr als 500 Mitglieder der Jugendorganisation der regierenden sozialdemokratischen Arbeiterpartei im jährlichen Sommerlager campen. Breivik ruft sie zusammen, dann beginnt er zu schießen, jagt sie. 67 erschießt er, zwei weitere sterben auf der Flucht vor ihm, stürzen von Felsen, ertrinken.

Doppelattentat in Norwegen
Trauer vor der Insel Utøya.Weitere Bilder anzeigen
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25.07.2011 07:18Trauer vor der Insel Utøya.

Es sei der schlimmste Tag seines Lebens gewesen, sagte Breivik später. Doch einer habe es ja tun müssen: der mutmaßlich drohenden Islamisierung und „Multikulturalisierung“ Norwegens und Europas Einhalt gebieten, dem „kulturellen Marxismus“, wie er es nennt. Deswegen zielten seine Anschläge auf eine Regierung, die in seinen Augen eine falsche Politik betreibt, zu politisch korrekt, zu liberal.

Nun wird Breivik, inzwischen 33 Jahre alt, vor Gericht stehen. Fast zehn Wochen lang wird er sich für die Morde verantworten müssen, mehr als 100 Zeugen sollen gehört werden, die Anklage der Staatsanwaltschaft lautet auf Terrorismus und vorsätzlichen Mord. Breivik droht die Einweisung in die geschlossene Psychiatrie – oder die norwegische Höchststrafe von 21 Jahren Gefängnis. Je nachdem, ob das Gericht ihn für zurechnungsfähig hält oder nicht.

Er habe, erzählen Überlebende aus dem Sommerlager, gelacht und sich gefreut, wenn er wieder einen der Jugendlichen erwischte. Einige flüchteten ins Wasser. Er zielte auf ihre Köpfe. Für jedes einzelne Opfer hat die Staatsanwaltschaft in der 19 Seiten langen Anklageschrift die genaue Todesursache angegeben. Fast alle schoss Breivik in den Kopf. Er tötete sie nicht einfach, er richtete sie hin.

Ein erstes psychologisches Gutachten befand, Breivik, der selbst ernannte „Tempelritter“, leide an einer paranoid-schizophrenen Psychose. Viele seiner Äußerungen beurteilen die beiden ersten Gutachter als „größenwahnsinnige Wahnvorstellungen“. Wie jene etwa, in der er versichert, er könne nach einem Staatscoup und der Machtübernahme der neue Herrscher Norwegens werden.

Die Norweger empörten sich über das Ergebnis der Untersuchung. Den Massenmörder in die Psychiatrie sperren? Behandeln statt bestrafen? Ihrer Vorstellung von Gerechtigkeit entsprach das nicht. Auch Experten widersprachen den Gutachtern. Für paranoide Schizophrenie sei der Täter zu klar, er höre keine Stimmen. Also wurde ein weiteres Gutachten erstellt.

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