Selbstjustiz auf Parkplatz : Bruder und Vater des Opfers erstachen mutmaßlichen Vergewaltiger

Angehörige eines Vergewaltigungsopfers sollen den Peiniger der Frau auf einem Parkplatz in Baden-Württemberg erschlagen haben. Nun informierten Polizei und Staatsanwaltschaft über Einzelheiten.

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Pendlerparkplatz. Der Ort, an dem der Vorfall mutmaßlich geschah.
Pendlerparkplatz. Der Ort, an dem der Vorfall mutmaßlich geschah.Foto: dpa

Dieser Fall schreckt viele auf. Es geht um Vergewaltigung - und um einen Racheakt, der tödlich endete. Weil die Nachricht von mutmaßlicher Selbstjustiz so brisant war, gaben Polizei und Staatsanwaltschaft in Freiburg auf einer eigens anberaumten Pressekonferenz am Freitag mehr Details an die breite Öffentlichkeit. "Es handelte sich um ein vorsätzliches Tötungsdelikt", sagte ein Ermittler. Demnach habe ein 17 Jahre alter Mann nach einer Vergewaltigung seiner Schwester eine derartige "Wut" auf den Täter verspürt, dass er sich veranlasst sah, ihn "unter einem Vorwand auf den Pendlerparkplatz in Neuenburg zu locken".

Dort, gerade mal einhundert Meter entfernt von der französischen Grenze, kam es dann zu dem Angriff auf den jungen Mann, an dem nicht nicht nur der Bruder des Vergewaltigungsopfers, sondern auch der Vater und ein 21-jähriger Bekannter beteiligt gewesen sein sollen. Die drei wurden nach Angaben der Staatsanwaltschaft noch in der Nacht zu Donnerstag festgenommen und befinden sich in Untersuchungshaft; der Vorwurf lautet: gemeinschaftlicher Mord. "Alle Beschuldigten machten Aussagen", sagte der Ermittler. " Diese widersprechen sich aber erheblich." Der Verdacht gegen eine vierte Person, die auch festgenommen worden war, bestätigte sich zunächst nicht.

Mutmaßlicher Vergewaltiger befand sich auf der Flucht

Der Leitende Oberstaatsanwalt Dieter Inhofer spricht von 23 Stichverletzungen, die nach Untersuchungen bei dem Opfer des Angriffs festgestellt wurden. Es handelt sich um einen 27 Jahre alten Mann, der mit dem Bruder des Opfers bekannt gewesen sein soll und "einschlägig vorbestraft war", wie die Polizei sagte. Gegen ihn war ein Haftbefehl erlassen worden, weil er am 12. Juni in Müllheim mutmaßlich eine Frau vergewaltigte. Seither befand er sich auf der Flucht. Nachdem er von den Angehörigen und Bekannten des Vergewaltigungsopfers gestellt und attackiert worden war, versuchten französische Rettungskräfte, ihn zu reanimieren - vergeblich.

Der Fall wirft viele Fragen auf. Wie konnte es soweit kommen? Wieso sah die Familie des Opfers keinen anderen Ausweg als den Täter selbst zu stellen? Hatte sie kein Vertrauen in den Rechtsstaat? Die Deutsche Polizeigewerkschaft wurde angesichts des dramatischen Vorfalls grundsätzlich - und sucht die Verantwortung auch an oberster Stelle. "In dem Maß, in dem der Staat sich aus der öffentlichen Daseinsfürsorge zurückzieht, schwindet das Vertrauen und wächst die Bereitschaft, Dinge selbst in die Hand zu nehmen", sagt der Bundesvorsitzende Rainer Wendt. "Der Personalabbau bei der Polizei hat in vielen Regionen in Deutschland dazu geführt, dass sich Menschen zu Bürgerwehren zusammenschließen, die von Politikern als engagiertes bürgerschaftliches Engagement verharmlost werden."

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