Seuche : Cholera in Haiti ist kaum zu beherrschen

Die Cholera breitet sich immer weiter aus und mit ihr die Angst und Wut der Menschen. Inzwischen hat die Krankheit auch die Hauptstadt Port-au-Prince erreicht. Eine Beschreibung der Situation vor Ort.

Tobias Käufer

Die Angst ist einfach stärker. Tagelang haben die Helfer im „Zeltlager“ Delmas 58 in der haitianischen Hauptstadt Port-au- Prince versucht, die Bewohner zu überzeugen. Doch so richtig wollen die Menschen den Versprechungen der Ausländer nicht trauen. Die Zeltlagerführung entscheidet sich erst einmal gegen den Bau eines Cholera-Nothilfezentrums inmitten ihres Territoriums. „Sie glauben, dass dann die Cholera auch auf ihr Camp übergreifen würde“, berichtet Emilia McElvenney von der Hilfsorganisation Save the Children über die Ängste der Menschen.

Überzeugungsarbeit ist notwendig, denn in dem katastrophengeplagten Land wächst die Angst vor einem unkontrollierten Wachstum der Seuche. Mit den „Cholera Treatment Units“ (CTU) wollen die Helfer infizierte Personen isolieren. Um auf die rasant steigende Zahl der Erkrankungen vorbereitet zu sein, bauen sie jetzt schon entsprechende Stationen in den Lagern auf. Doch genau das ist das Problem, die Menschen haben nun das Gefühl, dass die Cholera zu ihnen gebracht wird. Es ist ein Kampf zwischen Angst und Vorsorge, zwischen Furcht und Fürsorge.

Seit fast 100 Jahren gab es auf der Karibikinsel keine Fälle von Cholera mehr. Deswegen sind die Haitianer fest davon überzeugt, dass die Krankheit von außen eingeschleppt wurde. Einige, wenn auch bei weitem nicht alle, machen die UN- Truppen dafür verantwortlich, die Cholera ins Land gebracht zu haben. Immer mehr Haitianer gehen deshalb auf die Straße, machen ihrem Unmut Luft. Vor allem in Cap Haitien, der zweitgrößten Stadt Haitis, ist die Lage angespannt. Straßensperren und brennende Barrikaden lösen knapp zwei Wochen vor den mit Spannung erwarteten Präsidentschaftswahlen Chaos in der Provinz aus. Berichte über tödliche Schüsse von UN-Soldaten auf aufgebrachte Demonstranten heizen die Situation zusätzlich auf. Die Forderung eines Abzugs der UN-Schutztruppen klingt angesichts der aktuellen Verhältnisse im Land grotesk, doch Gerüchte machen die Runde, an Chaos interessierte politische Kandidaten zettelten die Unruhen an. Sie sollen sich von den Straßenschlachten einen Stimmenzuwachs erhoffen. Und größere Macht.

Wären die UN-Truppen erst einmal abgezogen, entstünde ein Machtvakuum, das so manche lokale Größe gerne füllen würde. Gegen die Wut und die Angst kämpfen die Nichtregierungsorganisationen (NGOs) auf verschiedene Art. Save the Children versucht, in allen von der Hilfsorganisation betreuten 109 Schulen in Port-au-Prince Basisarbeit zu leisten. Spielerisch werden innerhalb kürzester Zeit Tausende von Kindern an das Hygiene-Einmaleins herangeführt. Vor allem Händewaschen steht nun auf dem Stundenplan. In den Lagern werden kleine Comics verteilt, die helfen sollen, den Menschen zu erklären, wie die Krankheit entsteht und wie die Verbreitung gestoppt werden kann.

Die staatlichen Stellen sind überlastet und konzentrieren sich darauf, die neuesten Opferzahlen zu vermelden. Mehr als 1000 Tote hat der Cholera-Ausbruch seit Mitte Oktober bereits gefordert. Das Problem sind nicht die vielen hundert Zeltlager, in denen die nach dem Erdbeben obdachlosen Menschen hausen. Es sind die Armenviertel der Hauptstadt, in denen Kanalisierung und einfachste hygienische Voraussetzungen fehlen.

Doch in die Slums, die selbst die NGOs zu unbetretbaren Gebieten erklären, gelangt so gut wie keine Hilfe. So entstehen neue Brutstätten von Krankheit und Wut. Vor allem die mangelnde Hygiene ist ein Riesenproblem. Überall türmen sich Berge von Abfall, vor allem die Flussläufe sind überfüllt mit Unrat. Hier tummelt sich Ungeziefer und gedeihen Bakterien. Dieser Müllflut Herr zu werden, ist eine große Herausforderung. Selbst der Bau von Latrinen ist umstritten. Ein paar Quadratmeter groß sind die Hütten, die dazu dienen sollen, das Geschäft zu verrichten. Doch die Bewohner der Lager stehen auch diesen neuen Bauten skeptisch gegenüber.

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