Sex-Vorwürfe gegen Cain : Schlammschlacht im US-Wahlkampf

Die Sex-Vorwürfe gegen den Republikaner Cain offenbaren ein Amerika, das immer mehr in Gruppen zerfällt. Cains Konkurrent Rick Perry ist bekannt für schmutzige Kampagnen.

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Herman Cain, einer der beiden führenden republikanischen Präsidentschaftskandidaten, muss sich Sex-Vorwürfen stellen.
Herman Cain, einer der beiden führenden republikanischen Präsidentschaftskandidaten, muss sich Sex-Vorwürfen stellen.Foto: afp

Sind die USA gar nicht so prüde, wie man gemeinhin sagt? Seit einer Woche diskutiert Amerika die Vorwürfe gegen einen der beiden führenden republikanischen Präsidentschaftskandidaten, Herman Cain, er habe in den 1990er Jahren ihm untergebene Frauen sexuell belästigt. Die Wahlaussichten des 65-jährigen Afroamerikaners aus Georgia scheinen darunter jedoch nicht zu leiden. Nach neuesten Umfragen hat der frühere Manager der Kette „Godfather’s Pizza“ mit dem über Monate führenden Spitzenreiter Mitt Romney nicht nur gleichgezogen, sondern ihn in den jüngsten Tagen überholt.

Amerika ist kein Land, in dem Macho- Verhalten mächtiger Männer gegenüber Frauen auf verständnisvolle Nachsicht rechnen darf. Das belegte der Umgang mit IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn, als der im Mai in Verdacht stand, ein Zimmermädchen in einem New Yorker Hotel vergewaltigt zu haben. Insbesondere die Regeln für den Umgang der Geschlechter am Arbeitsplatz sind streng.

Die Zahl der Frauen, die sich über unerwünschte Avancen Cains in den Jahren 1996 bis 1999 beschwert haben, als er Vorsitzender des Restaurant-Verbandes war, ist inzwischen auf drei gestiegen. Es scheint sich dabei nicht um einmalige Missverständnisse gehandelt zu haben, wie Cain zunächst behauptete, sondern um wiederholte Annäherungsversuche gegenüber Untergebenen. Einer Betroffenen zahlte der Verband damals 45 000 Dollar, einer anderen 35 000 Dollar, um die Vorwürfe zu bereinigen.

Die Affäre und ihre Wahrnehmung in den USA scheint vielmehr ein anderes Phänomen zu belegen: Die Sicht vieler Bürger hängt mehr von ihrer politischen Anschauung als von den öffentlich bekannten Fakten ab . Die „New York Times“ zitiert den Fachbegriff „Media Attention Deficit Disorder“. Menschen nehmen von den Nachrichten vorzugsweise die auf, die zu ihrem Weltbild passen, und verdrängen, was im Widerspruch dazu steht.

Konservative halten die Vorwürfe gegen Cain mehrheitlich für „nicht gravierend“. Anhänger der „Tea Party“, die sich sonst als Hüter der Moral geben, sagen das sogar zu 75 Prozent. Als Bill Clinton 1998 eine Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky hatte und das zunächst abstritt, meinten Konservative, er müsse des Amtes enthoben werden. Für Wähler links der Mitte sind die Vorwürfe gegen Cain ernster Natur. Die „New York Times“ kommentiert: Cain strebe das mächtigste Wahlamt der Erde an; deshalb sei es wichtig zu klären, ob er ein Mensch sei, der seine Macht missbrauche.

Cains Konkurrent Rick Perry ist bekannt für schmutzige Kampagnen.
Cains Konkurrent Rick Perry ist bekannt für schmutzige Kampagnen.Foto: dapd

Auch bei anderen Aspekten der Geschichte variieren die Interpretationen je nach politischem Standpunkt. Medien und Wähler, die der „Tea Party“ nahestehen, behaupten, die Vorwürfe seien von linken Medien erfunden oder zumindest künstlich hochgespielt worden. Die renommierte Online-Redaktion „Politico“ hatte am vergangenen Sonntag als erste berichtet. Cain dagegen sagt, einer seiner republikanischen Konkurrenten habe die Vorwürfe lanciert: Texas-Gouverneur Rick Perry. In US-Wahlkämpfen ist es üblich, Belastungsmaterial gegen Rivalen im eigenen wie im gegnerischen Lager zu sammeln und, falls es eng wird, für Schmutzkampagnen zu verwenden: die sogenannte „character assassination“. Perry hat sich in Texas den Ruf erworben, besonders rücksichtslos vorzugehen.

Wie nun bekannt wurde, hat Perry einen Wahlstrategen angestellt, der früher für Cain gearbeitet hat, als der sich um einen Senatssitz in Georgia bewarb. Ihn hatte Cain damals über die Vorwürfe aus den Jahren beim Restaurantverband informiert. Es gehört zu den Aufgaben der Wahlkampfberater, potenzielle Schwachstellen ihres Kandidaten zu kennen und Verteidigungsstrategien vorzubereiten für den Fall, dass sie öffentlich werden.

Dieser Berater versichert freilich, er habe sich an die in der Branche übliche Verschwiegenheitspflicht gehalten und seine Kenntnisse nicht ausgeplaudert. Perry sagt, er habe mit der Veröffentlichung der Vorwürfe nichts zu tun, und zeigt stattdessen auf Romney. Der müsse dahinter stecken, schließlich bedrohe Cain Romneys Position als Spitzenreiter. Romney weist das zurück.

Lesen Sie auf Seite zwei mehr über die Maßstäbe, die an Präsidentschaftskandidaten angelegt werden.

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