Sexismus-Debatte : Auf der Suche nach den Grenzen des Anstands

Durch einen publizistischen Zufall scheint das Land verwandelt. Plötzlich schauen alle durch eine Sexismus-Brille und suchen Regeln für das Verhältnis zwischen Mann und Frau. Eine Reise, auf der das Unsichtbare sichtbar wird.

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Wann ist die "rote Linie" überschritten?
Wann ist die "rote Linie" überschritten?Foto: dpa

Am vergangenen Montag veröffentlichte der Berliner Bewerbungshelfer Gerhard Winkler unter dem Titel „Deine Kollegin“ im Netz einen Leitfaden für Männer, nach dem das ganze Land nun über eine Woche gerufen hatte: Regeln. Endlich klare Regeln. Da definierte jemand die „rote Linie“, die Männer im Umgang mit Frauen nicht übertreten sollten. „Verhältst du dich so, dass man dein Verhalten mit dem Handy filmen und der Welt vorführen kann?“, ist eine seiner Testfragen. Man kann Winkler anrufen und einwenden: Ist es nicht so, dass in Deutschland die Menschen einander nirgendwo so gut kennenlernen wie am Arbeitsplatz? „Das ist ja toll“, sagt Winkler. „Aber das kann man ja nach der Arbeit machen.“

Winkler hat Ende der 90er drei Jahre in den USA gelebt und gearbeitet. Eine ganz angenehme Entspanntheit habe da geherrscht, eine wunderbare Klarheit und Eindeutigkeit, die dadurch entsteht, dass alle die Regeln kennen. Seine Erfahrungen decken sich überhaupt nicht mit der hiesigen Angstvorstellung vor „amerikanischen Verhältnissen“, in denen ein Mann mit einer Frau alleine keinen Aufzug mehr betreten dürfe. Nur würden da halt keine Pin-ups in den Werkstätten hängen.

Reaktionen auf Sexismus-Vorwürfe gegen Brüderle
Die Stern-Redakteurin Laura Himmelreich beschuldigt Rainer Brüderle, seit Montag Spitzendkandidat der FDP, ihr zu nah gekommen zu sein. Am Rande des Dreikönigstreffen der FDP vor einem Jahr soll er sexuelle Anspielungen gemacht haben. Rainer Brüderle hat sich bislang nicht zu den Vorwürfen geäußert. Einige andere aber schon...Weitere Bilder anzeigen
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24.01.2013 17:26Die Stern-Redakteurin Laura Himmelreich beschuldigt Rainer Brüderle, seit Montag Spitzendkandidat der FDP, ihr zu nah gekommen zu...

Schon aus ökonomischen Gründen müssten die deutschen Unternehmen nach dieser Diskussion einen Verhaltenskodex entwickeln. Schon, um sich vor Klagen zu schützen. Damit der Betrieb nicht durch solche in seiner Effizienz gestört wird. Denn Sexismus gebe es überall, aber in der Arbeitswelt „kann man einfach zum Rechtsanwalt gehen“. An dieser Front werde das Thema härter als anderswo verhandelt und auch juristisch ausgefochten, einfach weil es für die Betroffenen um ihre Existenz gehe. „Ein Betrieb ist ein gutes Versuchslabor“, sagt Winkler. Wenn man schon einmal auf der Suche ist nach den Grenzen des Anstands.

Sobald man den Telefonhörer auflegt, fällt einem auf, dass man sich in genau jenem Versuchslabor befindet. In einem Biotop, in dem künstliche Bedingungen herrschen. Aber das Phänomen ist ja deshalb so gewaltig, weil es darum geht, dass der Sexismus als Spurenelement überall enthalten sein soll. Die Einträge, die unter #aufschrei bei Twitter versammelt sind, berichten von Fahrlehrern, Klassenkameraden, Arbeitgebern, Lehrern, Vätern und Brüdern. Also weg von diesem Schreibtisch, aus dem Büro. Dorthin, wo dieses Flüchtige, Uneindeutige, das uns umgibt, noch sichtbarer wird.

Es ist, als hätte man durch einen publizistischen Zufall nach Laura Himmelreichs Reportage über einen Abend an der Hotelbar mit Rainer Brüderle einen neuen Bestandteil der Luft entdeckt, der jetzt, da es Twitter gibt und das Netz, endlich auch nachgewiesen werden kann. Die Beweisführung mit den neuen Medien scheint gelungen. Alle sind überrascht, wie viel es zu sagen gibt. Plötzlich haben alle eine Sexismus-Brille auf. Und zwar derart, dass das ganze Land verwandelt scheint.

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