Sextourismus : Wie in Asien eine unerwünschte Generation heranwächst

Meist sind Polaroidfotos das Einzige, was die Kinder von ihren Vätern haben. Denn die Männer waren als Sextouristen im Land. Die Kinder müssen leiden.

Wolfgang Bauer[Angeles City]
Außenseiter. Den Kindern ist der Beruf der Mutter anzusehen, und der ist geächtet.
Außenseiter. Den Kindern ist der Beruf der Mutter anzusehen, und der ist geächtet.Foto: Theodor Barth/laif

Der Junge hält das Foto nah vor die Augen. Es zeigt einen Mann mit wenig Haaren, der Hals ist dürr und faltig. Die Brille hängt schief auf der Nase, trunken stiert er und hält im Arm wie eine Puppe eine zierliche Filipina in Slip und knappem BH. „Er ist hässlich“, sagt der Junge. Noch einen Moment hält der Junge es in den Händen, den Kopf schief gelegt, bevor seine Mutter es wieder wegsperrt, in einen Koffer mit Vorhängeschloss. Ihr Sohn ist dem Mann auf dem Foto nie begegnet und hat doch etwas Entscheidendes mit ihm gemein. „Mein Vater“, sagt Noriel Quintana, das Hurenkind.

In Asien wächst eine Art globaler Betriebsunfall heran, zehntausende Kinder, gezeugt in der kürzestmöglichen Begegnung von Mann und Frau. Der Sextourismus, beflügelt von immer billiger werdenden Flugreisen, hinterlässt in Thailand, Kambodscha, auf den Philippinen eine Spur aus Kindern, die fremdartig wie Marsmenschen sind in den asiatischen Gesellschaften. Hellerhäutig, großäugig, langnasig wie Europäer. Schwarz wie Afroamerikaner. Irisch rothaarig und schwedisch blond. Ihr Äußeres verrät den Broterwerb der Mütter, die außerhalb der Bordelle ein Leben in Ächtung führen.

Noriel und sein kleinerer Bruder wissen nur, dass ihre Mutter hart arbeitet. Was sie genau macht, ahnen sie nur. Noriel verbietet dem Jüngeren zu klagen. Die Hurensöhne haben eine harte Zeit in dem Dorf, in dem sie bei Pflegeeltern untergebracht sind. „Haut ab!“, rufen ihnen die Kinder in der Schule zu. „Ihr seid Weiße, ihr gehört nicht zu uns!“

Früher hat sich die Großmutter gekümmert, als die starb, zog die Mutter in den Schlafsaal des Bordells, die Kinder gab sie fort. Jeden Monat schickt sie Geld an die Pflegeeltern, die immer mehr fordern. „Ich habe keine Wahl“, sagt Nida Quintana. „Ich kann sie nicht bei mir behalten.“ Sie arbeitet im „Walhalla“, der Bordellbar eines Dänen in Angeles City, der philippinischen Huren-Hochburg. In manchen Etablissements verdingen sich 1500 Frauen in drei Schichten.

Sie sinkt auf dem Sitz eines Linienbusses in sich zusammen. Alle zwei Wochen unternimmt sie die zweistündige Reise, um die Söhne zu sehen. Im Rhythmus der Schlaglöcher fällt ihr Kopf gegen die Fensterscheibe. Sie ist betrunken, fast hätte sie die Abfahrt verpasst. Bis um sechs Uhr morgens hat ein Brite Noriels Mutter zum Trinken angehalten. „Die wollen uns immer betrunken machen. Dann lachen sie“, hat sie beim Einsteigen in den Bus noch erzählt.

Als sie im Dorf der Pflegeeltern aus dem Bus steigt, mit lila Top und Pferdeschwanz, drehen sich die Alten nach ihr um. Reisbauern wie die meisten hier. Reißen ihre Münder auf und fauchen scharfe Lachtiraden. Quintana hasst es, durchs Dorf zu laufen. Vor der Tür des Pflegeelternhauses stehen ihre Kinder. Noriel, elf, Sohn eines Amerikaners, und Brian, sechs, Sohn eines Franzosen. Die Brüder lassen sich kurz von der Mutter drücken.

Noriel und Brian sind die einzigen „Ausländerkinder“ an der Schule. Aber nicht im Ort. Im Nachbarhaus lebt die vierjährige Pauline, die sich immer verstecken will, unter dem Tisch, unterm Sofa, hinter Vorhängen. Sie ist das Kind eines Deutschen, eines Rentners namens Robert. Die Mutter weiß noch, dass er Musik mochte und kurze Hosen trug. Den Nachnamen kennt sie nicht.

Noriels Mutter muss gehen, eine schnelle Kusshand wirft sie den Brüdern zu. Sie blieb nur eine knappe Stunde. Um 16 Uhr ist in Angeles Schichtbeginn. Dann ist die zweifache Mutter wieder die „little brown fuck machine“, so nennen die Touristen die Frauen.

Die Hurenkinder sind im Betrieb des Sextourismus die lästige Nachgeburt. In Angeles werden sie meistens auch so entsorgt. Weil Abtreibungen auf den Philippinen verboten sind, floriert das Gewerbe der Engelmacherinnen, die Operationen auf dem Wohnzimmertisch vornehmen. Es gibt im städtischen Hygienebüro, wo sich die Huren alle drei Monate untersuchen lassen müssen, eine Wand mit den aktuellen Todesanzeigen. Diesmal sind in einer Woche vier dazugekommen. So groß ist das Problem, dass in der Stadt eine Klinik eine Notfall-Abteilung für misslungene Abtreibungen aufmachte. Denn Angeles boomt, keine Spur von Finanzkrise. Die politischen Unruhen in Thailand, heißt es, treiben dem Ort die Kunden zu. Die offiziell niedrigen Aidsraten, die jedoch wenig glaubhaft sind, locken außerdem. Laut Studien benutzt nur einer von drei Freiern ein Kondom, und die Pille wollen sich die Frauen nicht leisten.

Priscilla Allego, 20, hastet, das zerknitterte Foto des viermonatigen Babys in der Tasche, auf der Amüsiermeile dessen Vater hinterher. Stoßweise geht ihr Atem, er darf ihr nicht entkommen. Sie will ihn stellen, sie will finanzielle Unterstützung. Der Mann ist ein Australier, um die 60, der alle paar Monate nach Angeles reist und Priscilla Allego mehrere Nächte lang bucht. Deshalb ist sie sich sicher, dass er der Vater des Kindes ist. Einmal hat sie es schon geschafft, mit ihm zu reden. „Das ist nicht mein Kind“, hatte er ihr da nur gesagt und ist weitergelaufen. Nun folgt sie ihm überallhin, vom Hotel zum Bordell und in die Kneipe, um zu kriegen, was ihr, wie sie findet, zusteht.

Allego wohnt in einem ärmlichen Quartier, wenige hundert Meter von den Glitzerbars entfernt. Ohne fließend Wasser und Strom, die Gassen sind kaum breiter als ein Handkarren. Die Familien schlafen zu fünft, zu sechst in einem Raum. Hier nährt die Prostitution die Prostitution: Als in Angeles City vor wenigen Monaten die 23-jährige Barfrau Michelle einen älteren Kunden aus der Schweiz ihrer Familie vorstellte, erstarrten er und ihre Mutter. Der Schweizer hatte 20 Jahre zuvor bereits für Sex mit der Mutter gezahlt. Die Hure, die er jetzt dafür bezahlt, ist seine Tochter. Priscilla Allego erzählt diese Geschichte ohne Erstaunen.

Viele Huren verwandeln ihre ungewollten Babys in bare Münze. Kinderhändler ziehen von Bar zu Bar, holen Erkundigungen über mögliche Geburten ein. Mamasans, die Vorsteherinnen der Bordelle, vermitteln die Deals. Auch bei Allego sprach ein Interessent vor. Geld versprach er ihr, die Begleichung der Krankenhauskosten, wenn sie nur die Adoptionspapiere unterschreibe. „Willst du, dass das Baby so wird wie du, eine Hure?“ bedrängte er sie. Eine Familie in Korea warte schon auf das Kind, lockte der Mann. Der Mann, der sich in den Bordellen als „Missionar“ ausgibt, ist ein Niederländer mit beruflichen Verbindungen auf die Philippinen. In den vergangenen Jahren, bestätigen Hilfsorganisationen in der Stadt, habe sich der Durchschnittspreis für ein Kind bei etwa 130 Euro eingependelt. Das entspricht etwa zehn Monatslöhnen in den Bordellen von Angeles City.

Meist sind Polaroidfotos das Einzige, was die Kinder von ihren Vätern haben. Wie auch bei Noriel. Schnappschüsse, die mit den wichtigsten Familienunterlagen verwahrt werden. Die Blicke der Männer auf diesen Fotos sind trunken, lüstern und überlegen. Bierflaschen und Schnapsgläser sind selten fern.

Auch William Guarino, 16, besitzt so eine Fotografie, die er hütet wie ein Heiligenbild. Der Mann, der zufällig sein Vater wurde, trägt Sonnenbrille und Bierflasche vor dem Bauch. Er ist Deutsch-Amerikaner, und der Junge sieht aus wie einer in Bremen oder Pirmasens. So europäisch sieht er aus, dass er oft auf Englisch angesprochen wird. Aber das versteht er kaum. William ist das überbehütete Küken der Familie. Sein Bruder Joseph, vier Jahre älter, lernt angestrengt, studiert mithilfe der Preda-Stiftung für arme Familien. Der macht seinen Weg. William dagegen fiel vor einigen Wochen bei den Zwischenprüfungen seiner Highschool durch und muss jetzt ein Jahr wiederholen. William träumt vor sich hin und fragt sich immer häufiger, wie viel von seinem fremden Vater in ihm ist. Damit er eines Tages das Fremde in sich versteht.

Die meisten Hurenkinder bleiben Außenseiter in ihren Ländern, auch als Erwachsene. Sie leiden stärker als andere unter Depressionen. Die Suizidrate ist höher. Das zeigen Studien US-amerikanischer Stiftungen, die sich um die Kinder von GIs kümmern. In den Gefängnissen gehen viele ein und aus. Besonders schwer haben es die Nachkommen von Afroamerikanern. Nur eine einzige kleine Hilfsorganisation nimmt sich ihrer an. Die Renew-Stiftung an der Universität Oxford berät die Frauen in Rechtsfragen und unterstützt sie bei der Suche nach zahlungsunwilligen Vätern.

80 Dollar hat Williams Vater der Mutter überreicht, dann ist er gegangen. Sein Sohn, eigentlich unter Hausarrest wegen der verpatzten Prüfung, darf heute ausnahmsweise auf den Sportplatz des Viertels. Basketball ist seine Leidenschaft, der Ball sein wertvollster Besitz. Doch die Jungs, die dort bereits spielen, ignorieren ihn. Er fragt, ob er mitmachen könne. Sie grölen und juchzen. Sie schlagen ihm den Ball aus der Hand. Irgendwann geht er vom Feld und setzt sich an den Randstreifen. Er hofft bis zum Ende, dass sie ihn mitspielen lassen. Sie tun es nicht.

39 Kommentare

Neuester Kommentar