Welt : Shoppen und Zündeln

Experten warnen: Terroristen können Zutaten für Bomben ganz legal im Duty-free-Shop kaufen

Paul Janositz

Berlin - „Einmal eine Bombe, bitte“ – wer einen solchen Einkaufswunsch im Duty-free-Shop am Flughafen äußert, dürfte Erstaunen auslösen. Zum einen sind die steuerfreien Einkaufsparadiese nicht auf Hochexplosives spezialisiert, zum anderen würde der Reisende seinen Flug kaum mehr antreten können: Er würde wohl umgehend als potenzieller Terrorist verhaftet.

Und doch sei es möglich, eine Bombe aus Zutaten zu bauen, die in ganz normalen Duty-free-Läden erhältlich sind, sagt Wolfgang Spyra, ein Chemiker und Professor für Altlasten an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus. Zumindest wesentliche Bestandteile wie explosives und brennbares Material könnten problemlos auch nach dem Sicherheitscheck erworben werden. Im Gespräch mit dem Tagesspiegel will Spyra zwar keine Marken nennen, doch bestimmte Haarsprays eigneten sich durchaus als Flammenwerfer. Eine mehrere Minuten brennende Flamme von eineinhalb Metern Länge könne an Bord große Panik auslösen.

Spirituosen, die viel Alkohol enthalten, könnten zudem als Brennstoff dienen. Wenn sich ein Terrorist dann noch einen Zünder, Explosivstoff und einen festen Behälter verschafft, kann er aus diesen Zutaten durchaus eine Bombe konstruieren. Als Behälter können Trinkflaschen aus Aluminium missbraucht werden, die ohnehin legal mit an Bord genommen werden dürfen, aber auch in vielen Duty-free-Shops erhältlich sind, ebenso wie hochprozentige Alkoholika.

Einen elektrischen Zünder erhält man zwar nicht im Duty-free-Laden – er lässt sich aber offenbar problemlos durch die Kontrollen schmuggeln. Reportern des ZDF-Magazins „Frontal 21“ war dies am Flughafen Frankfurt mit einer Attrappe gelungen. In dem Bericht vom vergangenen Dienstag wurde auch gezeigt, wie in einem Blumentopf versteckter Dünger aus Ammoniumnitrat problemlos durch den Sicherheitscheck gelangte. Die Tarnung hätten sich die Reporter eigentlich sparen können, denn Ammoniumnitrat zählt nicht einmal zu den verbotenen Substanzen, wie Christian Sachs, ein Sprecher des Bundesinnenministeriums erklärt. „Es gibt keine dezidierte Auflistung, welche Stoffe nicht zugelassen sind“, sagt Sachs.

Natürlich sind keine Explosivstoffe erlaubt, doch dass Ammoniumnitrat als Sprengmittel verwendet wird, steht in jedem Chemiebuch. Das ZDF demonstrierte, dass aus dem geschmuggeltem Zünder und dem Düngemittel sowie im Duty-free-Shop erworbenen Spirituosen, Kosmetika und einer festen Aluminiumflasche eine Bombe gebaut werden kann. Im Fernsehen zerstörte dieser Sprengsatz einen Mittelklassewagen. Im Flugzeug, davon ist Spyra überzeugt, wäre die Zerstörungskraft groß genug, um den Kabelbaum zu beschädigen oder die Außenhaut an einer relativ dünnen Stelle, neben der Tür etwa, aufzureißen.

Im Innenministerium sieht man die Sache anders. „Unsere Experten kommen zu dem Schluss, dass mit den gezeigten Bauteilen kein Anschlag möglich ist“, erklärt Sachs. Und der für die Sicherheit auf Flughäfen zuständige Minister Wolfgang Schäuble sieht keinen Anlass, die Vorschriften zu überprüfen.

Wenig einleuchtend ist jedoch, warum Reisenden Trinkbehälter mit mehr als 100 Milliliter Inhalt im Handgepäck untersagt sind, wenn ein paar Meter hinter dem Sicherheitscheck ein Einkaufsparadies mit günstigen Preisen dazu verführt, alkoholische Getränke oder Parfüms zu kaufen – letztere mit einem Alkoholgehalt von über 90 Prozent. „Solche Substanzen sind leicht entzündlich“, warnt Sprengstoffexperte Spyra.

Der frühere Leiter der polizeitechnischen Untersuchungen in Berlin schlägt deshalb vor, den Einkauf im Duty-free-Shop nur noch nach der Ankunft zu erlauben. Denkbar wäre, dass Passagiere schon während des Flugs die gewünschten Waren ordern und sie nach der Ankunft in Empfang nehmen. Vor Abflug gekaufte Waren sollten dagegen wie das Gepäck getrennt vom Passagier befördert werden.

Wenig hält von solchen Vorschlägen Cord Schellenberg, Sprecher der Hamburger Firma Heinemann, die weltweit an 30 Flughäfen, darunter auch in Berlin, Duty-free-Läden betreibt. Durch die verschärften Sicherheitsbestimmungen hätten die zollfreien Läden ohnehin starke Umsatzeinbußen hinnehmen müssen, sagt Schellenberg. Den ZDF-Bericht bezeichnet er als konstruiert: „Unsere Sicherheitsmaßnahmen haben funktioniert.“ Wenn man kriminelles Handeln unterstelle, sei man auch im Elbtunnel oder im Fußballstadion nicht sicher.

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