Welt : Sie graben mit bloßen Händen

Mehrere hundert Menschen sterben bei einem Erdbeben in Iran – das Gebiet ist dünn besiedelt

Birgit Cerha

Von dem Dorf Dahuyeh im Südosten Irans ist nicht viel übrig geblieben: Ein Erdbeben der Stärke 6,4 auf der Richterskala zerstörte den Ort und tötete vermutlich viele der 1500 Einwohner. „Das war unser Dorf, unser Dorf“, sagt Fatemeh Arabpur immer wieder. Die 37-jährige Frau ist sichtlich traumatisiert. Ihre Eltern sind bei den Erdstößen ums Leben gekommen. Dahujeh ist eines von mindestens fünf Dörfern, die von dem Beben am frühen Dienstagmorgen völlig zerstört wurden.

Das Beben in Zentraliran tötete hunderte Menschen. Nach Angaben der iranischen Behörden wurden etwa tausend Menschen verletzt, doch die Zahl der Opfer steigt weiter. Das Epizentrum lag nahe der Stadt Zarand in der Provinz Kerman, 740 km von Teheran entfernt. In 250 Kilometern Entfernung liegt die Stadt Bam, wo am 26. Dezember 2003 ein schweres Beben 30 000 Menschen tötete.

In dem jetzt von den Erdstößen betroffenen Gebiet leben etwa 30 000 Menschen in rund 40 Dörfern, die über eine Gebirgsregion weit verstreut sind. Die Behörden entsandten rasch auch Bergrettungsteams, da die Dörfer teilweise schwer zugänglich sind. Heftige Regengüsse legten zeitweise die Bergungsarbeiten lahm. Helikopter waren gezwungen, ihre Flüge einzustellen. Am späteren Nachmittag drang jedoch die Sonne wieder durch und die Rettungsarbeiten konnten rascher fortgesetzt werden.

„Die Menschen, die noch geschlafen haben, sind wahrscheinlich alle tot. Wer schon aufgestanden war für die Morgengebete, hat überlebt“, sagte ein Mitglied der Rettungskräfte. Die Einwohner Dahuyehs graben in den Ruinen der zumeist einfachen Lehmhäuser, die nach Einschätzung der Rettungskräfte auch durch ein Erdbeben geringerer Stärke eingestürzt wären. Der Räumeinsatz der Menschen wird aber immer wieder von professionellen Helfern unterbunden. „Sie treffen mit ihren Schaufeln vielleicht die Köpfe der Opfer unter den Trümmern“, sagte einer der Männer aus einer Rettungsmannschaft.

„Manchmal werden Leichen zweimal gezählt, das führt dann zu widersprüchlichen Zahlen“, erklärte ein Angestellter einer örtlichen Behörde. Einige der betroffenen Dörfer liegen nördlich der Hauptstadt der Provinz Kerman und können wegen der chaotischen Zustände auf den Straßen nur per Hubschrauber erreicht werden. Schwerverletzte werden in Krankenhäuser in die Stadt Zarand ausgeflogen. Fast alle Einwohner Dahuyehs heißen Arabpur mit Nachnamen, die meisten von ihnen waren Bauern. Fatemeh Arabpur kann den Blick nicht von ihren toten Eltern heben, die in eine Decke gewickelt vor ihr liegen. „Ihr habt euren Enkel nicht in seinem Anzug als Bräutigam gesehen“, sagt die 37-Jährige. Für viele Iraner auf dem Land gilt die Hochzeit der Kinder oder Enkelkinder als Höhepunkt in ihrem Leben.

Fatemehs Mann versucht verzweifelt, mit bloßen Händen Überlebende und Tote aus den Trümmern auszugraben. Seine Frau murmelt immer wieder: „Das war unser Dorf, unser Dorf.“ (mit dpa)

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