Welt : Sie waren immer schon da

Ureinwohner werden oft romantisch verklärt. Aber was passiert, wenn sie an die Macht kommen?

Sandra Weiss[Caracas]

Als 1992 auf dem Subkontinent die 500-Jahrfeier der „Entdeckung Amerikas“ durch Kolumbus gefeiert wurde, war den Ureinwohnern in gewohnter Manier nur eine Statistenrolle zugedacht worden. Ein paar indianische Gruppen kritisierten die offizielle Version der freundschaftlichen Bande zwischen Lateinamerika und Spanien und brachten die Worte „Genozid“ und „Raubbau“ aufs Tapet sowie ihre 500 Jahre andauernde Unterdrückung und Ausbeutung. Sie standen am Rand. 14 Jahre später hat sich das Bild gewandelt. Die Ureinwohner sind allenthalben auf dem Vormarsch und fordern lautstark ihre Rechte ein. Sei es in Ecuador, wo sie im Januar 2000 den Rücktritt eines Präsidenten erzwangen, eine eigene Partei namens Pachakutik gründeten, eine Zeit lang sogar zwei Minister stellten und dieses Jahr mit einem eigenen Kandidaten für die Präsidentschaftswahl antreten. Oder in Peru, wo mit Alejandro Toledo in den vergangenen Jahren erstmals ein indianischstämmiger Politiker Staatschef war.

Oder natürlich der bolivianische Staatschef Evo Morales. Der von Aymara und Quechua-Indianern abstammende ehemalige Kokabauer marschierte innerhalb weniger Jahre durch alle Instanzen, stürzte zwei Regierungen, war der Abgeordnete mit den meisten Stimmen und errang vergangenen Dezember die absolute Mehrheit bei der Präsidentschaftswahl. Morales wird oft in einem Atemzug mit Venezuelas Präsident Chavez genannt, wenn davon die Rede ist, dass sich in Südamerika Widerstand gegen die USA formiert. Aber Morales verhält sich sehr viel moderater als Chavez. Seine neue Politik ist dennoch den USA ein Dorn im Auge. Morales strebt mit seiner Bewegung zum Sozialismus (MAS) einen Systemwandel an, will Bolivien mit Hilfe einer verfassungsgebenden Versammlung neu gründen, hat die Bodenschätze verstaatlicht und eine Agrarreform angekündigt. Morales ist ein Beispiel dafür, dass indigene Völker nicht mehr länger den romantischen Vorstellungen des Westens entsprechen, nach denen sie friedfertig, schutz- und hilflos sind und ihre Existenz nur mit Hilfe westlicher Menschenrechtsorganisationen erhalten werden kann.

Die Indigenas nehmen die ungeschriebenen Regeln der spanischen Kolonialzeit nicht mehr hin, wonach die wirtschaftliche Macht, Ländereien, Firmen und Banken einer kleinen, fast ausschließlich hellhäutigen Oberschicht gehören, die auch politisch immer das Sagen hatte. Die Ureinwohner stehen auf der sozialen Leiter ganz unten. Sie haben die schlechtesten Böden oder müssen sich als Tagelöhner verdingen. In Bolivien sind 60 Prozent der Bevölkerung Indigenas. 70 Prozent davon haben keine Schulbildung, 85 Prozent kein fließendes Wasser, 50 Prozent keinen Zugang zur Gesundheitsfürsorge, die Analphabetenrate liegt bei 25 Prozent. Seit in der Region in den 90er Jahren die Demokratie wieder Einzug hielt, haben sich auch für die Ureinwohner neue Türen geöffnet. Erstmals erkennt die neue bolivianische Verfassung von 1994 die Indios an und bezeichnet die Nation als „multiethnisch und plurikulturell“.

In Ecuador haben indianische Bürgermeister wie Auki Tituaña gute Arbeit geleistet. Doch nicht immer lassen sich die Forderungen der Indigenas in institutionelle Bahnen lenken. Etwa, wenn der Gewerkschaftsführer Felipe Quispe einen eigenen Aymara-Staat in Bolivien fordert oder aufgebrachte Indiogemeinden in Peru zur Selbstjustiz greifen, weil die Mühlen des Rechtsstaats viel zu langsam mahlen.

Mit Versprechen auf Land und Finanzhilfen lassen sich die Indigenas nicht mehr abspeisen. Sie fordern politische Teilhabe und ein eigenes „Territorium“, auf dem sie autonom gemäß ihren Sitten und Gebräuchen leben und dessen Bodenschätze sie nutzen können.

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