Welt : Sie zerschlugen die Fenster mit Metallleitern

Passagiere im Unglückszug retteten sich mit der Kraft der Verzweiflung. Die Ermittler haben den Schaffner im Visier

Sabine Heimgärtner[Nancy]

Die Blackbox des Schnellzuges D 261 Paris-München-Wien lagert in Jarville, einem Vorort der ostfranzösischen Stadt Nancy. Dort untersuchen französische und deutsche Bahnexperten, wie es in der Nacht zu Mittwoch zu dem verheerenden Brand in einem Schlafwagen kommen konnte, bei dem zwölf Menschen ums Leben kamen, darunter drei Deutsche. Anfragen bei der französischen Bahndirektion SNCF bleiben am Tag nach dem Unglück erfolglos.

Eine Sprecherin erklärt lediglich, frühestens in drei Tagen gebe es erste Informationen zur Unglücksursache. Die französischen Behörden haben unterdessen zwei Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung eingeleitet. Offenbar, so spekuliert die französische Presse, könnte „menschliches Versagen" der Grund für die Katastrophe sein, bei der die meisten Opfer innerhalb weniger Minuten in dichtem Qualm im Schlaf erstickten.

Den ganzen Tag werden Passagiere, die das Unglück überlebt haben, als Zeugen befragt. „Wir waren im Waggon hinter dem Schlafwagen, plötzlich, gegen zwei Uhr morgens, roch es verbrannt. Wir öffneten die Tür des Abteils und eine dichte Rauchwolke kam uns entgegen, nebenan hörten wir Schreie", berichtet der Franzose Jean-Jacques Greffet. Geistesgegenwärtig zerschlug der 43-jährige Lehrer mit dem Erste-Hilfe-Hammer das Fenster des Zugabteils und rettete sich mit anderen Passagieren auf das Gleis. „Andere, die in der Panik den Hammer nicht gefunden haben, zerschlugen die Fenster mit den Metallleitern in den Liegewagenabteilen."

Die Ermittler haben den Schlafwagenschaffner und den Lokführer ins Visier genommen. Die Behörden konzentrierten sich nach französischen Angaben vor allem darauf, ob der deutsche Schaffner rechtzeitig Alarm geschlagen hat und der französische Lokführer schnell genug stoppte. Beide mussten nach dem Unglück in dem Waggon der Deutschen Bahn im Krankenhaus von Nancy behandelt werden. Der Schlafwagenbetreuer sei am Donnerstag weiter verhört worden.

Der in dem Zug Paris-München-Wien zuständige französische Schlafwagenschaffner, Gérard, sagte der Zeitung „Le Parisien": „Auch wir haben keine Kontrolle über ausländische Waggons, beispielsweise von der deutschen Mitropa. Die dort Beschäftigten haben die Schlüssel, oft sind die Schlafwagen-Abteile abgeschlossen und die deutschen Kontrolleure sind in anderen Waggons unterwegs, um Getränke zu verkaufen." In dem Schlafwagen, in dem am Mittwochmorgen auf der Höhe von Nancy das Feuer ausbrach, starben die meisten Opfer nach ersten Erkenntnissen von Gerichtsmedizinern an Rauchvergiftung. Unter den Toten sind auch zwei Männer aus Bayern im Alter von 33 und 55 Jahren sowie ein 37-Jähriger aus Baden-Württemberg. Von den 21 Fahrgästen des Schlafwagens konnten sich nur neun durch einen Sprung durchs Fenster oder durch Flucht in den nächsten Waggon retten. Zwölf Menschen wurden im Zug verletzt. Weder technisches noch menschliches Versagen wurden bislang von den Behörden als Ursache des Brandes ausgeschlossen. „Die Heizungsanlage kann als Ursache aber wohl ausgeschlossen werden“, sagte Bahnsprecher Achim Stauß. Nach ersten Erkenntnissen der Deutschen Bahn war das Feuer im Service-Abteil des Schlafwagenbetreuers ausgebrochen. Dieser habe sich vor dem Abteil aufgehalten und sofort Alarm geschlagen, hieß es zunächst. Die zuständige französische Staatsanwaltschaft hatte nach seiner ersten Vernehmung am Mittwoch jedoch erklärt, „der Schlafwagenschaffner war nicht an seinem Platz, als das Feuer ausbrach“ und habe erst von einem anderen Waggon den Zugführer alarmiert. Dazu könne und wolle man nichts sagen, hieß es von der Bahn. „Er hat auf jeden Fall den Brand erkannt und Maßnahmen ergriffen“, betonte Stauß. Die Deutsche Bahn hat wiederum berichtet, dass der französische Zugführer, nachdem er vom Schlafwagenbetreuer informiert wurde, nicht sofort stoppte, sondern entschied, bis in den Bahnhof von Nancy zu fahren, weil dort schnelle und effektive Rettung möglich war.

Experten der Deutschen Bahn und zwei Beamte des Eisenbahnbundesamtes sind an den Untersuchungen des Unglücks beteiligt. „Sie werden zusammen mit der französischen Aufsichtsbehörde den Wagen begutachten und nach der Brandursache suchen“, sagte Mark Wille, Sprecher des Eisenbahnbundesamtes.

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