Welt : Signale aus der Eiswüste

Wissenschaftler jubeln über die ersten spektakulären Bilder vom Saturnmond Titan – sie zeigen ausgeprägte Flussläufe

Thomas de Padova

„Es war ein wahres Wechselbad der Gefühle“, sagt Björn Grieger. Zunächst die ersten Signale aus den Weiten des Alls. Sie zeigten an, dass die europäische Raumsonde „Huygens“ sicher durch die Atmosphäre des Saturnmondes Titan segelte. Doch auf die Begeisterung im Kontrollzentrum der europäischen Weltraumbehörde Esa in Darmstadt folgte in der Nacht zu Sonnabend prompt die Enttäuschung: „Einer der Kanäle für die Datenübertragung funktionierte überhaupt nicht. Die Hälfte der Bilder war weg. Da gab es lange Gesichter“, sagt Grieger, Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Katlenburg-Lindau.

Die Forscher verloren zudem während des Abstiegs der Sonde die Orientierung. Der Dunst in der Atmosphäre des Mondes war viel dichter, die Lufthülle stürmischer als erwartet. „Die Sonde taumelte am Fallschirm, es war ein ganz wilder Ritt“, erzählt Grieger dem Tagesspiegel.

Man hatte erwartet, dass sich Dunst und Nebel in einer Höhe von 80 Kilometern über Titans Oberfläche auflösen würden. Aber es blieb lange diesig. „Erst als die Sonde bis auf 20 Kilometer hinabgesegelt war, hatten wir klare Sicht“, sagt Griegers Kollege Horst Uwe Keller.

Nun aber der große Jubel: Die Raumsonde, die vor allem für Messungen in der Atmosphäre und die Beobachtung des Wettergeschehens konzipiert worden war, legte eine weiche Landung hin. Sie schlug zwar mit etwa 20 Kilometern pro Stunde auf. Doch die Scheinwerfer, die für das Landemanöver eingeschaltet worden waren, brannten noch. Damit war klar: Die Sonde hatte festen Boden unter den Füßen.

„Am spektakulärsten war das erste Bild von der Oberfläche“, sagt Keller. „Ich habe Titan immer als einen der letzten weißen Flecken im Sonnensystem betrachtet.“ Denn bis zu diesem Wochenende hatte sich der Mond hinter einer undurchdringlichen Gashülle verborgen.

Die Monde in unserem Planetensystem sind zu klein, um eine eigene Atmosphäre festhalten zu können – alle bis auf einen: Titan. Der riesige Mond stellt mit mehr als 5000 Kilometern Durchmesser unseren Erdenmond und auch die Planeten Pluto und Merkur in den Schatten. In seiner Hülle bilden sich Wolken. Regnet es dort vielleicht sogar?

Das faszinierende Foto von der minus 180 Grad kalten Oberfläche zeigt eine Eiswüste, auf der Eisbrocken wild verstreut herumliegen. Bodennebel. Bis zum Horizont kein einziger Berg. „Der Landeplatz sieht aus wie ein Überschwemmungsgebiet“, sagt Keller.

Die von ihm und seinen Kollegen aus den USA gebaute Kamera hatte schon zuvor Bilder aus 16 und acht Kilometern Höhe gemacht. Diese bieten einen weiten Blick über die Landschaft: Sie ist zwar völlig vereist. „Aber es gibt eindeutig mäandernde Rinnen und Fließstrukturen auf der Oberfläche“, sagt Ralf Jauman vom Deutschen Forschungszentrum für Luft- und Raumfahrt in Berlin-Adlershof. „Da kann nur Methan geflossen sein.“

Die Flussläufe sind zugefroren. Für fließendes Wasser ist es dort viel zu kalt. Entweder regnet flüssiges Methan aus den Wolken auf den Mond herab. Wahrscheinlicher aber ist, dass immer mal wieder Flüssigkeit aus dem wärmeren Inneren des Mondes nach oben kommt und sich über die Landschaft ergießt, wo sie nach und nach gefriert.

Die Oberfläche des Mondes wirkt jung, sie verändert sich offenbar in raschen Abständen. Einen See oder Tümpel, der heute noch mit flüssigem Methan gefüllt wäre, haben die Forscher bislang nicht entdeckt. Überall nur Eis. Auch Leben hat es auf dem kalten Mond vermutlich nie geben – allenfalls unter dem Eis.

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