Welt : Signale und Papiere - Die Wegweiser des Lokführers

Dieter Lechner

Wenn der Lokführer auf seine Maschine klettert, wie es der 28-jährige Fahrer des D 203 Amsterdam-Basel am späten Samstagabend in Köln getan hat, bleibt er für die Fahrt in die folgende Nacht allein. Ein Buchfahrplan auf Papier, eine wöchentlich fällige Ergänzung mit allen Langsamfahrstrecken, "La" genannt, und eine Vielfalt von Signalen begleiten ihn und den Zug in den nächsten Stunden. Der Plan beantwortet penibel und erschöpfend, was den Lokführer auf der Strecke erwartet. In mehreren Druckspalten werden bis auf den Meter genau die Baustellen, ihr Standort und die Arbeitszeiten aufgelistet. In einer besonderen Rubrik erscheinen die zulässige Höchstgeschwindigkeit, es folgen Hinweise auf Besonderheiten - beispielsweise ob bei Arbeiten an der Oberleitung der Stromabnehmer vorübergehend eingezogen werden muss, so dass sich der Zug nur noch mit dem eigenen Schwung weiter bewegt, oder ob in der Nähe der Gleise gerade ein Feuerwerk für ein Volksfest abgebrannt wird. Selbst eine Baustelle im Nachbargleis findet in der Broschüre ihren Niederschlag.

Entscheidend, so ein Bahnsprecher, sei jedoch das Signalbild, das der Lokführer an der Strecke vorfindet. Zeige das Vorsignal - wie vor dem Bahnhof Brühl - an, dass am Hauptsignal "Halt" zu erwarten ist, muss der Lokführer den Zug herunterbremsen. Im Fall Brühl zeigte ein Ersatzsignal von drei weißen Lampen in Form eines A darüber hinaus den Beginn einer Langsamfahrt an. Von da an waren bestenfalls 40 Stundenkilometer erlaubt. Der Lokführer hatte die Geschwindigkeit zunächst sogar auf 38 Stundenkilometer gedrosselt. Eine solche Geschwindigkeitsbegrenzung gilt auf jeden Fall bis zum nächsten Hauptsignal, dies wäre das Ausfahrtssignal von Brühl, Gleis 3, gewesen. Die Langsamfahrt darf erst beendet werden, wenn der letzte Waggon die Ausfahrtsweiche passiert hat. Doch dazu ist es in Brühl nicht mehr gekommen. Der D 203 raste kurz nach Mitternacht mit Tempo 122 in den Bahnhof.

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