Welt : Singspiele für die Revolution

Die Ukraine ist heute jedem ein Begriff – am Samstag feiert Kiew den Eurovision Song Contest

Thomas Roser[Kiew]

Kiew - Noch vor einem Jahr lag die Ukraine, dem nach Russland zweitgrößten Staat in Europa, im toten Winkel der Aufmerksamkeit. Das hat sich gewaltig geändert. Zuerst gewann eine Ukrainerin – Ruslana – vor einem Jahr den Eurovision Song Contest. Dann kam die orangene Revolution, die dem Land große internationale Sympathien einbrachte, und schließlich war es der so genannte Visa-Skandal, der die Ukraine in den Mittelpunkt deutscher Debatten rückte.

Die Drei-Millionen-Metropole Kiew bereitet sich intensiv auf das Pop-Spektakel vor. Die Interpreten üben in diesen Tagen noch einmal für ihren großen Auftritt. Heute ist das Halbfinale, am Samstag das große Finale.

Der Revolutions-Rap „Rasom Nas Bahato“ (Gemeinsam sind wir viele), der auf allen Demonstrationen gesungen wurde, hat als ukrainischer Beitrag den Sprung in den Song Contest geschafft. „Es ist schön, den Wettbewerb in Kiew zu haben“, sagt die Studentin Natalja Koschelko.

Cheforganisator Taras Stezkiw ist guten Mutes, rechtzeitig mit den Vorbereitungen fertig zu werden. Warum auch nicht? „Wenn die Ukrainer mitten in der Revolution tägliche Rockkonzerte organisieren konnten, werden sie das in der Halle auch hinbekommen“, meint ein Gast. Ursprünglich sollte Ruslana die Show moderieren, doch sie sagte ab und will beim Finale nur noch einmal ihren 2004er Sieger-Song „Wild Dances“ vorführen. Stattdessen steht nun das Moderatorenduo Pascha und Mascha auf der Bühne. Der Kiewer DJ Pascha von Radio Gala spricht makelloses amerikanisches Englisch und angeblich fünf weitere Sprachen. Sein weiblicher Gegenpart Maria Jefrosinina ist ein ukrainischer Fernsehstar. Wladimir Klitschko, der jüngere der Boxbrüder und ebenfalls Veteran der „Revolution in Orange“, soll die Siegtrophäe überreichen.

Ruslanas stimmkräftiger Einsatz für die Revolution hat sich auch für ihre eigene Karriere bezahlt gemacht: Vom Schlager- sternchen ist sie zum Symbol der neuen Ukraine avanciert. Vor allem als Bestätigung und Schub für ihre Karriere hatte sie ihren Triumph zunächst empfunden. „Erst während der Orangen-Revolution wurde mir klar, dass ich nicht nur für mich, sondern auch für die Ukraine gewonnen hatte – und ich meine Popularität für mein Land nutzen kann."

Mit unzähmbarer Energie und einem abenteuerlichen Lederkostüm hatte sich die bis dahin international völlig unbekannte Ruslana in Istanbul mit „Wilden Tänzen“ in die Gunst von Europas Fernsehpublikum gestampft. „Ich glaube an mein Land: Gemeinsam sind wir stark!“, krähte die mit der blau-gelben Nationalflagge bewaffnete Leder-Amazone hernach in die Blitzlichtgewitter der Kameras. Ihr Erfolg sollte ihre Landesleute nicht nur in einen tagelangen Freudentaumel stürzen. Ihr Sieg habe anderen jungen Ukrainern in ihrem Selbstwertgefühl bestärkt, ihnen geholfen, an die eigenen Möglichkeiten zu glauben, ist die studierte Dirigentin überzeugt: „Sie sagten sich: Wenn Ruslana es schafft, schaffen wir es auch.“

In ihrer Heimat war die im westukrainischen Lwiw (Lemberg) geborene Sängerin bereits vor ihrem Eurovision-Coup ein Star. Trotz des florierenden Handels mit schwarz gepressten CDs gingen die „Dyki Tanzi“ angeblich 200000 Mal über den Ladentisch, wurden zum bestverkauften Album in der Geschichte der seit 1991 unabhängigen Ukraine. Doch erst der Eurovisions-Triumph ihres mit Karpaten-Folklore durchsetzen Ethno-Pops sollte der ehrgeizigen Musikerin den ersehnten Zutritt zum internationalen Show-Geschäft bescheren.

Eine Politikerin sei sie keineswegs, versichert Ruslana. Tatsächlich hatte die Frau nach ihrem Eurovisons-Erfolg zunächst die Nähe zur Macht klaglos akzeptiert. In Donezk stimmte sie bei einem Konzert gar einmal ein Duett mit dem später von der Revolution hinweggefegten Premier Wiktor Janukowitsch an. Als Ende November hunderttausende ihrer Landesleute aus Protest gegen Wahlfälschungen und für den damaligen Oppositionschef Juschtschenko auf die Straße zogen, erkannte sie noch rechtzeitig die Zeichen der Zeit: Wie die gesamte Creme des ukrainischen Show-Business sang sie auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew den bibbernden Demonstranten Mut und Durchhaltewillen zu und trat gemeinsam mit Juschtschenko auf. Sie handle immer nach „ihrem Gefühl“, erklärt die spätberufene Volkstribunin. (mit dpa)

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