Welt : Sittensen – Trauer in der heilen Welt

Der niedersächsische Ort kannte bisher keine Kriminalität / Die Bürger suchen Trost in einer Andacht

Gabriele Schulte[Sittensen]

Jürgen Kogge schüttelt den Kopf, will es nicht glauben. „Was für eine Katastrophe!“ Im Chinarestaurant „Lin Yue“ direkt über seiner Fahrschule mitten in Sittensen wurden in der Nacht zum Montag drei Frauen und drei Männer erschossen, ein weiterer starb in der Nacht zum Dienstag. Nur die zweijährige Tochter der Lokalbesitzer hat offenbar das Drama körperlich unversehrt überlebt, das wie eine Hinrichtung anmutet.

Der 5600-Einwohner-Ort zwischen Bremen und Hamburg steht unter Schock. Mit einer Andacht reagiert die örtliche evangelische Kirchengemeinde auf das Blutbad. In Gebeten, mit Kerzen und in stiller Form solle an diesem Mittwoch ab 18 Uhr in der St.-Dionysius-Kirche der sieben asiatischen Todesopfer gedacht werden, sagte Gemeindepastor Manfred Thoden. Die Andacht wende sich an die Menschen im Ort, die von den Ereignissen tief erschüttert seien, so der Seelsorger. Schon am Montagabend hatten Einwohner Kerzen zum Gedenken an die Ermordeten entzündet. Blumen wurden vor dem Gebäude im Ortszentrum niedergelegt.

Manche Sittenser kämpften mit den Tränen. Denn „Anny“ und „Danny“, wie alle die chinesischen Besitzer nannten, seien immer ganz besonders freundlich und sehr gut integriert gewesen. „Sie sind immer nachmittags mit ihrem weißen Pekinesen Dino im Dorf Gassi gegangen, beide immer lustig, immer Lust auf einen kurzen Schnack“, erzählt ein Nachbar. Das vor zehn Jahren eröffnete „Lin Yue“ sei weit über Sittensen hinaus für seine gute Küche bekannt gewesen. Die Preise seien durchschnittlich, die Einrichtung sehr ansprechend gewesen: ein großer, mit Zwischenwänden gemütlich unterteilter Raum mit einem kleinen Wasserlauf, in dem Fische unter einer Brücke durchschwammen.

„Die haben bei uns nur Freunde gehabt“, erzählte Niedersachsens Landwirtschaftsminister Hans-Heinrich Ehlen. Der CDU-Politiker wohnt im drei Kilometer entfernten Kalbe, er war öfter Gast im „Lin Yue“ und zeigte sich am Dienstag noch tief erschüttert. Die kleine Tochter der Besitzer sei häufig im Lokal herumgelaufen, schilderte der Minister. „Sie war der Liebling der Gäste.“ Wie das Mädchen das schreckliche Erlebnis verkraftet, beschäftigte auch die zahlreichen Sittenser, die sich am Dienstag erneut vor dem weiter abgesperrten Gebäude an der Hamburger Straße versammelten.

Die zweijährige Tochter ist zu Verwandten in der Nähe gebracht worden. „Auch wir kümmern uns um sie“, sagte Polizeisprecher Detlev Kaldinski in Rotenburg. Die Kleine habe das Verbrechen miterlebt, sei aber zu jung, um als Zeugin befragt zu werden. Polizeischutz sei notwendig, weil die Mörder auf die Idee kommen könnten, das Kind doch noch zu töten. Ein Sondereinsatzkommando stürmte am Dienstag eine Wohnung von Tatverdächtigen im Bremer Stadtteil Osterholz. Radio Bremen zufolge soll die Wohnung einer asiatischen Familie gehören. Zeugen wollen demnach eine Person gefesselt am Boden gesehen haben.

Die Geschäfte in dem chinesischen Lokal seien von Anfang an erfolgreich gelaufen, berichtet Elke Holsten, eine andere Gastwirtin. Die 40-Jährige weiß, dass auch an Sonntagabenden der „Chinamann“ gut besucht war. Elke Holsten und ihr Mann betreiben das nahe gelegene „Landhaus de Bur“ und pflegten auch privat Kontakte mit dem etwa gleichaltrigen chinesischen Paar. Man besuchte sich mit Töchtern und Hunden, lud sich zum Geburtstag ein, feierte im Nachbardorf zusammen bei einer Silberhochzeit von Stammgästen. „Danny hat wunderbar gekocht, bei unserem Betriebsessen hat er uns ein sagenhaftes Menü gezaubert.“ Der gelernte Koch und ihr eigener Mann hätten viel gefachsimpelt und sogar eine gemeinsame Chinareise geplant. Auch Roger Willmot ist ein Bekannter der chinesischen Familie. Willmot sagt: „Danny schätze ich als einen ein, der sich geweigert haben kann, irgendwem Schutzgeld zu zahlen.“ „Die Betroffenheit in der Bevölkerung ist riesengroß“, sagt Gemeindebürgermeister Stefan Tiemann. „Uns macht das fassungslos.“ In Sittensen, meint Ortsbürgermeister Heinz-Hermann Evers, gebe es so gut wie keine Kriminalität. „Hier ist die Welt noch in Ordnung.“

„Bis zu diesem Tag“, fügt er dann aber hinzu.

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